logo

Morus, Thomas: Utopia. 4. unveränderte Auflage, Frankfurt/M u. Wien 1991, Büchergilde Gutenberg, aus dem Lateinischen übersetzt von Gerhard Ritter, mit Bildern von Michael Mathias Prechtl. Das Werk liegt in mehreren weiteren Ausgaben vor, u.a. als Reclam-Heft.


Utopia ist der Titel einer 1516 vom Londoner Thomas More in lateinischer Sprache verfassten Schilderung einer fernen "idealen" Gesellschaft. Rahmenhandlung ist die Erzählung eines gebildeten Mannes namens Raphael, der einige Jahre bei den Utopiern gelebt haben will. Grundlagen der utopischen Gesellschaft sind Gleichheit, Zwang zur Arbeit, Streben nach Bildung und Basisdemokratie in kleinen Einheiten. Geschrieben vor 500 Jahren, stand das Buch damals in einem weitgehend anderen Kontext als heute. Hauptsorge der vorindustriellen Gesellschaft war die Verteilungsgerechtigkeit für eine optimale Versorgung der Bürger mit knappen Gütern und die Bewahrung des inneren und äußeren Friedens. Die Fürstenmacht war ungebrochen und von dieser unhinterfragten Tatsache aus entwickelt More (lateinisiert Morus) einige Ideen, wie der damals herrschenden kapitalistischen Gier begegnet werden kann.

Seine Antwort: durch Abschaffung von Privateigentum und Geld und durch weitgehende Gleichheit aller Bewohner. Die Gemeindevorsteher und Priester werden aus dem Kreis würdiger Männer gewählt. Es bleibt dabei, dass der Mann über die Frau und die Eltern über die Kinder herrschen. Individualität ist auf ein Minimum beschränkt und betrifft ausschließlich die persönliche Bildung. In einem langen und langatmigen Vorwort begründet der Berichterstatter Raphael, warum es eigentlich keinen Sinn macht, Herrscher über Verbesserungen der Staatsverfassung aufzuklären. Philosophen hätten im politischen Kabinett nichts zu vermelden, was More nicht abhielt, sein Buch zu schreiben.

Es ist die Schilderung einer weitgehend abgeschotteten, weitgehend statischen Gesellschaft grauer Einheitsmenschen, von denen dennoch behauptet wird, dass sie zufrieden sind. Die Sorge um die Zukunft ist ihnen genommen, nicht durch ein "bedingungsloses Grundeinkommen", wie derzeit von Grünen und Piraten propagiert, sondern durch eine gerechte und kostenlose Verteilung der produzierten Güter. Müßiggang wird niemandem, der gesund ist, zugestanden. Egoismus ist hier eine Form der Sündhaftigkeit und Antipode des Gemeinschaftssinns und damit ein Störelement der Gemeinschaftsinteressen.

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die damals offenbar häufig vollstreckte Todesstrafe für Diebe. Das Diebesunwesen entstand durch die Gier reicher englischer Schafherdenbesitzer, die Land für ihre Herden besetzten und die Bauern in die Armut trieben. Reiche Viehbesitzer gibt es in Utopia nicht. Die Todesstrafe wird auf der nächsten Ebene wieder eingeführt, und zwar für jene, die Sklaven Geld zustecken. Denn Arbeitssklaven gibt es noch; sie rekrutieren sich unter anderem aus den Dieben.

Die Staatsverfassung Utopias ist autoritär. Grundlegende Probleme wie die Reaktion auf veränderte Bedingungen und überraschende Ideen werden nicht erörtert, natürliche Schwankungen in der Produktion werden ausgeblendet. Die konkrete Ausgestaltung sozialistischer Gleichheit und die Folgen einer Unterdrückung von Eigeninitiative lassen sich heute an Nordkorea und den untergegangenen Staaten des Ostblocks studieren. Die Sehnsucht nach Enthebung von allen Daseins- und Arbeitsplatzsorgen blieb bis heute bestehen.

PD Dr.Gerald Mackenthun, Berlin

Juli 2012    email

 

                  direkt bestellen:

Morus: Utopia
Morus

 

zurück