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Lohmar, Dieter: Denken ohne Sprache. Phänomenologie des nicht-sprachlichen Denkens bei Mensch und Tier im Licht der Evolutionsforschung, Primatologie und Neurologie, Springer Berlin 2016, gebundene Ausgabe, 129,99 €


Denken ohne Sprache? In der philosophischen Debatte wird Denken bislang an Sprache gebunden und dadurch die herausragende Stellung des Menschen betont. Alles, was nicht mittels Sprache kommuniziert werden kann, verdient es nicht als Denken oder zumindest als Ergebnis eines Denkprozesses Hochschätzung zu erfahren.

Und die Phantasie, die Nacht- und Tagträume? Alles kein Denken, da zumindest die Nachtträume in der Regel nicht an Logik gebunden sind. Die Phantasie ist zwar ein wunderbares Werkzeug der Schaffung von Kunst- und Kulturgütern – aber Denken ist das noch nicht. Und Tagträume sind auch nur ein Ausbund an Phantasie, dienen der Ersatzbefriedigung, der Ausbildung von Größenphantasien und der Wunscherfüllung, wie auch die Nachtträume (Freud).

Das trifft durchaus zu. Aber ist das schon alles?

„Ein wichtiges Motiv, für die hier zusammengeführten Untersuchungen über die Art und Weise, wie wir ohne Sprache denken, war die Suche nach einer inklusiven Theorie des Denkens und Erkennens. Das ist eine Theorie, die auch Tiere als empfindende, wahrnehmende, erkennende, denkende, planende und handelnde Subjekte zu verstehen erlaubt“ (10).

Das ist ein äußerst interessantes Motiv und geeignet, die Darwinsche Kränkung derie1 Mensch*in wieder ein Stück auszuweiten. Gabriel (2018) formuliert einen „anthropologischen Hauptsatz“: „Der Mensch ist das Tier, das keines sein will“. Und Lohmar unternimmt nichts Geringeres, als darzulegen, dass auch in seinem Denken der Mensch keine völlige Ausnahmeerscheinung ist, sondern in der evolutionären Reihe mit den hochzerebralen Tieren steht. Auch ist das Denken in Sprache nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Vielmehr ist anzunehmen, dass eine Entwicklung über Jahrtausende dorthin geführt hat. Und wenn in der Evolution sich etwas als brauchbar erwiesen hat, dann wird es nicht einfach aufgegeben, vielmehr ruht die weitere Entwicklung auf den Vorstufen. Wenn das zutrifft, dann müssten sich solche Vorstufen des hochentwickelten abstrakten Denkens mittels Sprache noch heute in geistigen Tätigkeiten ders Mensch*in auffinden lassen.

Davidson zum Beispiel vertritt einen extrem abgrenzenden Standpunkt, wenn er postuliert, jemand könne erst denken, wenn er eigene Standpunkte vertritt und die anderer interpretieren kann. Für Davidson ist Sprache eine notwendige Bedingung für die Möglichkeit zu denken (Perl/Wild 2005, 319). Lohmar findet daher, dass die These von Davidson alle anderen Möglichkeiten von vornherein ausschließt.

„Die Übertragung des idealen Modells einer kohärenten und zusammenhängenden Wissenschaftssprache auf das Denken eines Lebewesens ist überzogen und nicht sinnvoll. Mögliche Alternativen zur Sprache als einzig leistungsfähigem System der symbolischen Darstellung von Erkenntnis und Denken (Sprach-Paradigma) werden von Davidson nicht erwogen“ (48).

Lohmar hingegen kann an Beispielen unter anderem aus der Primatenforschung zeigen, dass es durchaus plausibel ist anzunehmen, dass schon Tiere über Formen des Denkens verfügen. Und, was auch für Psychotherapeuten besonders interessant ist, er kann mittels der phänomenologischen Methode nachweisen, dass es beim Menschen noch heute ein Denken ohne Sprache gibt, dass sogar dem Denken mittels Sprache in einigen wesentlichen Bereiche überlegen ist. Ähnlich wie wir im Unbewussten wesentlich mehr Gedächtnisinhalte ‚online‘ halten können als dies im Bewussten der Fall ist (hier sind es fünf bis sieben Elemente, weshalb es zum Beispiel hilfreich ist, die Ziffern langer Telefonnummern so zu gruppieren, dass sie diesem Faktum genügen und so besser zu memorieren sind), können wir im „szenisch-phantasmatischen“ System komplexe Inhalte mühelos erfassen und verstehen. Wenn wir jetzt allerdings versuchen, dies in Worte zu fassen, stoßen wir unter Umständen auf erhebliche Schwierigkeiten, da wir im sprachlichen Denken einer linearen Abfolge der Gedanken folgen müssen. Temple Grandin (2015) etwa denkt nur in Bildern und hat erhebliche Mühe aufgewendet – und muss dies noch -, um das in Bildern Gedachte „öffentlich“ zu machen, damit sie diese Gedanken mit anderen teilen kann.

Das war homo erectus vor 2,3 bis 1,8 Millionen Jahren nicht möglich. Dennoch hat er schon weite Teile der Erde besiedelt. Das heißt doch aber, dass er bereits komplexere Denkleistungen ohne Sprache vollbracht haben muss und seine Erkenntnisse an die Nachfahren weitergegeben haben muss. Vielleicht so ähnlich wie eine Makkakenart in Japan, die ihre Kartoffeln waschen, bevor sie sie verspeisen. Das tun übrigens nur diese Makkaken und geben ihre Kenntnis über Zeigen und Nachahmen weiter.

Und können sich wohl viele Leser*innen daran erinnern, wie sie versucht haben mittels einer unstimmigen Gebrauchsanweisung Möbel zusammenzusetzen? Ist das handelnde Probieren nicht bereits eine Form des Denkens? Erst recht, wenn Sie mit dem ungelösten Problem ins Bett gehen, nicht schlafen können und alle ‚denkbaren‘ Lösungen im Geiste durchgehen, plötzlich den erlösenden Einfall haben? Da haben Sie noch kein Wort gesprochen, aber eben auch keines gedacht!

Sowohl sprachliches- als auch „szenisch-phantasmatisches“ System haben Vor- und Nachteile. So lassen sich im szenisch-phantasmatischen System abstrakte Sachverhalten nicht oder nicht gut darstellen. Aber selbst so komplexe Gefühle wie zum Beispiel Schuldgefühle finden gleichwohl in das szenisch-phantasmatische System, indem etwa im Tagtraum das Gesicht eine Person auftaucht, die für mein Erleben mit dem Thema Schuld verbunden ist („phantasmatische Deviationen“). Komplexe gruppendynamische Situationen und Szenen lassen sich hingegen sprachlich nur mit vielen Worten und noch mehr Übung in der Darstellung öffentlich machen, haben aber im individuellen Erleben Wirkungen.

Ein spannendes Buch, das sicherlich innerhalb der Philosophie eine wichtige Debatte anregen könnte, für unsere Vorstellung von der Position ders Mensch*in in der Evolution von großer Bedeutung ist und speziell für die Psychotherapie wichtige Aufschlüsse zum Beispiel für die „private Logik“ (Alfred Adler) ders sogenannten ‚neurotischen‘ Menschen*in bereit hält.

1Hier experimentiere ich mit der Umsetzung der Gleichwertigkeit der Geschlechter. Das »man« ist so ein Wort, in dem stillschweigend die männliche Dominanz anklingt; die gängigen Artikel würden zur umständlichen Schreibweise »der Patient/die Patientin« zwingen, was meist mit der schlechten Lesbarkeit abgelehnt wird. Ein neuer Artikel braucht indes nur Umgewöhnung.

Literatur
Gabriel, Markus (2018): Der Sinn des Denkens, Ullstein 2018
Grandin, Temple (2015): Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier. Eine Autistin entdeckt die Spra­che der Tiere. Verlag Rad und Sozia­les
Perler, Dominik/Wild, Markus (Hg.) (2005): Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer ak­tuellen Diskussion, suhrkamp TB, Frankfurt am Main 2005

Bernd Kuck      
Januar 2019

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Denken ohne Sprache

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