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Annemarie Laimböck: Schwierige Passagen. Herausforderungen an die psychoanalytische Methode. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt/M 2007.


Frau Laimböck ist Analytikerin in Innsbruck und hat im Jahr 2000 einen Text zum psychoanalytischen Erstgespräch (edition diskort) vorgelegt, in dem sie ausdrücklich für die offene, unstrukturierte Haltung der Analytikerin plädiert, im Gegensatz zu den halboffenen oder strukturierten Interviews. Es kann darauf vertraut werden, dass sich die Szene mit vielen für die weitere Therapie relevanten Themen entfaltet, ja besser entfaltet, als wenn der potentielle Patient durch allzu viele Interventionen in der Entfaltung der Szene gestört wird.

Im vorliegenden Text beschäftigt sich die Autorin weiterhin mit der genuin analytischen Haltung, deren Hauptmerkmal das Sich-offen-Halten für Begegnendes ist. Dies wird besonders in „schwierigen Passagen“ wichtig, die meist mit Unsicherheiten auf Seiten des Analytikers einhergehen. In solchen Phasen der Analyse steht die Behandlung auf des Messers Schneide und es entscheidet sich, ob hier eine Schwierigkeit gemeistert wird oder für dieses Mal – nicht selten für immer – zum Scheitern führt. Die Regel im zwischenmenschlichen Zusammenspiel ist ja eh schon das Missverstehen und es gehört einiges dazu, diesem Missverstehen im therapeutischen Kontext nicht Tür und Tor zu öffnen. Wie im normalen Leben, so geschieht Missverstehen oder Missdeutung in Analysen oft genug aus Angst im Gegenüber, etwa wenn liebgewordene Vorurteile in Frage gestellt werden, innere Gewißheiten ins Wanken geraten. Und just an dieser Stelle greift der Analytiker auf Theorien zurück, nach deren Maßgabe er dann versucht weiter zu behandeln.

Die Autorin zeigt an Beispielen aus der analytischen Literatur und an eigenen Fallvignetten, dass die Beibehaltung der gleichschwebenden Aufmerksamkeit, das Zulassen von innerer Unsicherheit, die Lösung erbringen kann, was jedoch an die Bereitschaft zur kreativen Neuschaffung individueller Begegnung gebunden ist. Schon Otto Rank der ungeliebte Dissident der frühen Psychoanalyse vertrat die Auffassung, dass für jeden Patienten die Therapie neu erfunden werden muss.
Nicht von ungefähr erinnert Frau Laimböck an Theodor Reik (Hören mit dem dritten Ohr) und an die hermeneutische Methode. Anknüpfend an Argelander sucht sie die Lücken und Brüche im „Text“, um so zum Verstehen des Individuellen und der sich konkret ereignenden therapeutischen Beziehung zu gelangen. Gerade der hermeneutische Zirkel zeichnet sich durch das Paradox aus, alle Theorien zu vergessen und selbst noch die eigene Person. Dabei meint Vergessen gleichsam das Offenhalten für Begegnendes, wobei dem Unbewussten die Führung überlassen wird. Lücken und Bruchstellen bieten dann den Anlass, gerade hier den Zirkel neu beginnen zu lassen. Heute wissen wir sogar, dass es hirnphysiologisch notwendig ist, sich der Führung durch das Unbewusste zu überlassen, weil es eine viel größere Zahl von Daten und Fakten verarbeiten kann, als dies dem Bewusstsein je möglich ist. Theorien werden damit nicht überflüssig, vielmehr ist es Aufgabe des „Textauslegers“, sein Wissen und seine Person immer zu erweitern, damit er überhaupt in die Verlegenheit kommt, mehr zu verstehen, als eine Theorie sich träumen lässt.



Bernd Kuck, Bonn     email
März 2008

 

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Laimböck: Schwierige Passagen
Schwierige Passagen


 

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