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Jungclaussen, Ingo: Handbuch Psychotherapie-Antrag. Psychodynamisches Verstehen und effizientes Berichtschreiben in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Stuttgart (Schattauer)2013, 328 Seiten, Großformat, Euro 49,95

 


Dies großformatige Werk ist ein weiterer Versuch, Psychotherapeuten das oftmals als lästig empfundene Schreiben von Patientenberichten zu erleichtern. Der Autor Ingo Jungclaussen ist Diplompsychologe in Köln, der als Supervisor und Coach in Sachen Berichteschreiben umfangreiche Erfahrungen sammeln konnte. Der Autor bricht mit guten Argumenten eine Lanze für das Gutachterverfahren. Es hat im Detail Mängel und viele stöhnen unter dieser Arbeit, aber es gibt im Augenblick keine wirklich gute Alternative.

Jungclaussen nimmt den Leser zunächst mit in die Anfänge der Tiefenpsychologie, indem er ausführlich psychodynamische Theorien erläutert, angefangen bei Freuds Triebtheorie. Jeweils 85 weitere Seiten nehmen dann die Psychodynamik von Konfliktstörungen und die von Strukturstörungen ein. Eine besonderes Merkmal und Eigenschöpfung des Autors ist die "psychogenetische Konflikttabelle", sie umfasst ebenfalls rund 85 Seiten. Der Rest des Buches ist den unterschiedlichen Antragstypen gewidmet. Im Internet findet sich eine Fülle weiterer Texte; dazu ist eine Registrierung beim Schatthauer-Verlag nötig. Es handelt sich um Vertiefungen der im Buch behandelten Themen.

Hier liegt das Hauptproblem des Buches. 330 Seiten sind schon umfangreich genug, im Internetteil aber wird der hilfesuchende Leser endgültig erschlagen. Es ist, als ob Jungclaussen sein gesamtes Wissen über den Leser glaubte ausschütten zu müssen. Die Folge ist eine störende Unübersichtlichkeit. Das liegt zum Teil auch am Stoff selbst, den psychodynamischen Theorien, die oftmals wie Wildwuchs oder ein Flickenteppich sich widersprechender Aussagen anmuten.

Jungclaussen ist auf die klassische Psychoanalyse geeicht, die den inneren, unbewussten frühkindlichen Konflikten eines Menschen den zentralen Stellenwert beimisst, während die Struktur- und die Traumaperspektiven zu kurz kommen. Der tiefenpsychologisch fundierte Therapieansatz hat mit der Fokussierung auf unbewusste Konflikte ein Problem, denn Strukturdefizite, Traumata und aktuelle ungelöste Konflikte spielen für die Entstehung seelischer Störungen oftmals ebenso eine Rolle. Doch innerhalb der psychodynamischen Theorien gibt es keinen Konsens über die Abgrenzung von innerem Konflikt und Struktur. Der Leser wird mit diesen unaufgelösten inhaltlichen Widersprüchen allein gelassen.

Schlimmer noch, dem Leser wird deutlich vor Augen geführt, dass der Anspruch der klassischen Psychoanalyse, für strukturgestörte Patienten mit ihrem wilden Übertragungsgeschehen zuständig zu sein, über Jahrzehnte zu Unrecht aufrecht erhalten wurde. Der Leser wagt nicht an die vielen damit zusammenhängenden Behandlungsfehler zu denken. Umso unverständlicher, dass Jungclaussen den Fokus auf die überholte oder zumindest ergänzungsbedürftige Konfliktdynamik richtet.

Natürlich werden von ihm alle wesentlichen Teile einer Therapie – Diagnostik, Ätiologie, Theorie, Psychodynamik, Beziehung und Ziel – berücksichtigt. Hilfreich sind die Kriterien für die Abgrenzung einer tiefenpsychologisch fundierten Therapie von einer analytischen Therapie (S. 21f.). Aber schon die von ihm entwickelte "psychogenetische Konflikttabelle" lässt den Leser verzweifeln. Sie soll eine neue Arbeitshilfe in der Konfliktdiagnostik sein und der Reduzierung von Komplexität dienen. Der Autor arbeitet mit nunmehr 15 Grundkonflikten, die auf 60 Seiten ausgebreitet werden; allein die Vorbemerkungen zur Konflikttabelle umfassen 15 doppelspaltige Seiten. Diese Tabelle ist nur jenen verständlich, die, wie der Autor, tief in die psychodynamische Theorie eingestiegen ist. Ob ein Novize in der Kunst der Psychotherapie davon profitiert, ist eher fraglich.

Das Buch samt Internettexten leidet unter einer Überfrachtung im Detail, der Autor schien unfähig zur Selbstbegrenzung. Jungclaussen zitiert einen VT-Gutachter, der meinte, Ziel der Therapieausbildung sollte sein, dass junge Therapeuten und Therapeutinnen "in ein bis zwei Stunden" einen Antrag zu Stande bringen, der den Qualitätskriterien genügt. Er selbst, Jungclaussen, benötige 45-90 min (S. 299). Das dürfte eine Zeitspanne sein, die die meisten Therapeuten niemals schaffen. Leider trägt der Autor wenig dazu bei, dass derart traumhaft kurze Zeiten erreicht werden. Der Leser wird begraben unter einer Woge von grundlegenden theoretischen Informationen und einer ungefilterten Sammlung von Einzel- und Nebenaspekten. Nicht jeder wird dies als hilfreich für die Erstellung eines Berichts empfinden. Ausbildungskandidaten ist das Buch nicht zu empfehlen.

Dr. Gerald Mackenthun      
Mai 2013

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Jungclaussen, Handbuch Psychotherapie-Antrag.

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