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Horne/Lanyado Ann/Monica (Hrsg.): Übergangsobjekt und Möglichkeitsraum. Die Kreativität Winnicott'schen Denkens für die klinische Praxis. Aus dem Englischen übersetzt von Eberhard Knoll, Brandes & Apsel, Frankfurt a.M. 2016


Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit in der Psychotherapie sein, dass es nicht auf den Wortlaut und den Inhalt einer Deutung ankommt oder gar die intendierte Absicht derie* Therapeut*in, sondern darauf, was derie so genannte Patient*in daraus macht. Das ist für ein medizinalisiertes Modell von Psychotherapie nicht wirklich vorstellbar. Hier soll derie Leidende behandelt werden und einfach tun und machen, was derie Behandler*in ihrm aufträgt oder was in der Leitlinie steht (ich erlaube mir übertreibend zu generalisieren). Ebenso gilt es in der Psychotherapie, möglichst ohne vorgefasste Meinung an das Gegenüber heranzutreten, d.h. im Grunde eine hermeneutische Vorgehensweise anzustreben, in der auch Theorien als Vorurteile aufgefasst werden, die es gilt kritisch zu hinterfragen, am besten sogar alle Theorien im konkreten Kontakt zu "vergessen" und sich der Begegnung mit dem fremden Anderen zu öffnen. Das war offenbar das Anliegen von Winnicott, unter dem "Vorrang des Unbekannten", d.h.

"die Wirkkraft der vorläufigen Vermutung", die der Analytiker aufspürt und mit Hilfe seines sogenannten Patienten transformiert - so wie es vor langer Zeit Freud tat, der dem Unbewussten innerhalb des Bewusstseins den Vorrang gab und ihm die zentrale Bedeutung zusprach (S. 8)

sich also derm sogenannten Patient*in so zu nähern, das bislang beiden Protagonist*innen Unbekannte zu entdecken. Das auch Psychoanalytiker*innen dabei zu sehr an der Theorie haften können und so am ursprünglichen Kern der Analyse, aufklärerisch, unorthodox und unkonventionell zu sein, vorbei gehen (z.B. Sternberger, Borderline Kommunikation), macht die Bemühung der Autor*innen im vorliegenden Band umso wertvoller. Sie versuchen die menschlich-inhaltliche Mitteilung Winnicotts aufzufassen und handelnd umzusetzen, statt Buchstaben auszulegen.

Nach Winnicott hat das Kind, das zu einem Ängstlichen Erwachsenen geworden ist, nicht an seiner angeblichen "Wesensart" gelitten, sondern darunter, wie man ihm im Leben begegnete. Die Reaktionen der Mutter auf das Kind hat es geprägt. In gleicher Weise ist für Winnicott nicht der Wortlaut der Deutungen in einer psychoanalytischen Behandlung oder die Absicht, die dahinter steckt, entscheidend, sondern das, was der sogenannte Patient daraus macht. Wichtig ist nicht die "gegebene Tatsache", sondern das, was daraus gemacht werden kann. Unsere Worte werden nicht missverstanden, sie werden mehr oder weniger sinnvoll wahrgenommen (15).

Nebenbei: Das ist bestes Gedankengut in Anlehnung an Alfred Adler, dem viel Geschmähten in der psychoanalytischen "Gemeinde" (auch im vorliegenden Text ist mir der Name Adler nicht begegnet).

In gewisser Weise stellen sich die Autor*innen gegen den Zeitgeist (wobei sie auch über die Zwänge des britischen Gesundheitssystems klagen), worin sie Winnicott ebenfalls folgen. Schlichte Menschlichkeit und die Überzeugung, dass Therapien so lange dauern, "wie sie eben dauern, genau wie jeder Mensch sein eigenes Tempo hat" (18), sind gefragt. Absolventen der BAP-Ausbildung (Britsh Association of Psychotherapists) wurden gebeten, ihre Auseinandersetzung mit dem Werk Winnicotts niederzuschreiben, wobei sie sich das Thema frei wählen konnten. So entstand dieser interessante und anregende Band, in dem zwar überwiegend Kinder- und Jugendlichen Therapeut*innen zu Wort kommen, dabei jedoch alle Leser*innen der therapeutischen Profession gleichermaßen angeregt werden.

*Ich versuche immer dann, wenn alle Geschlechter gemeint sind, dies in einem veränderten Artikel und der *-Schreibweise zum Ausdruck zu bringen. Das ist gewöhnungsbedürftig. Da Sprache jedoch Bewusstsein formt, sehe ich darin eine Möglichkeit, von der Gleichwertigkeit der Geschlechter sprachlichen Gebrauch zu machen. Gleiches gilt für die Indefinitpronomina "frau" und "man", die sich so in das gemeinsame "mensch" wandeln.

Bernd Kuck      
Dezember 2019; Erstveröffentlichung: PP 16, Ausgabe August 2017, Seite 405

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