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Hilgers Micha: Der authentische Psychotherapeut. Professionalität und Lebendigkeit in der Psychotherapie. Schattauer Verlag 2018, 369 Seiten


Im Vorwort heißt es: „Authentizität bedeutet (...), die Offenheit zu besitzen, das Staunen und die Prozesshaftigkeit dem Patienten zu vermitteln und keine Sicherheit vorzutäuschen, wo keine ist. Denn Lebendigkeit von Psychotherapie lebt von Irrtum und Korrektur, von der Falsifizierbarkeit der Hypothesen: Therapieerfolg zeigt sich gerade darin, dass Foki geändert, Ziele neu definiert und Konflikte anders gedacht werden müssen“. Das ist ein gutes Motto für den vorliegenden Text. Das Thema ist spannend und herausfordernd. Wie bewegt mensch* sich als Psychotherapeut*in in der Öffentlichkeit? Welche Deformierungen erleidet derie Psychotherapeut*in in der Ausbildung? Umgang mit Humor in der Psychotherapie und wie geht derie Psychotherapeut*in mit dem Thema Sexualität um, ein Thema, dass in Psychotherapien kaum noch von Belang sei, wenn es nicht zentral um Symptome der sexueller Dysfunktion geht. Dass derie Psychotherapeut*in in einer relational verstandenen Psychotherapie selbstverständlich Wahrnehmungen derie Patient*in nicht leugnet (etwa, gerade nicht aufmerksam gewesen zu sein), ist offenbar nicht immer so, zumal dann nicht, wenn derie Behandler*in um den Erhalt der Machtposition bangt. Hier geht es auf den ersten siebzig Seiten zentral um die Authentizität und die Lektüre ist anregend und spannend. Beispiele aus der eigenen Praxis werden eingeblendet; Kränkbarkeiten benannt, wenn das Pflegepersonal in einer Klinik den Zugang zurm Patient*in findet, was derm Psychotherapeut*in versagt blieb. Grundsätzlich wird auch das Problem der publizierten Falldarstellungen benannt, die meist großartig gelungene Behandlungen beschreiben, was den Ausbildungskandidat*innen ein verzerrtes Bild realer Mühen vermittelt und ihnen Insuffizienzgefühle verschafft.

Anregend bleibt die Lektüre auch auf den nächsten siebzig Seiten, wo es um Dissozialität, Gruppentherapie, den Zeitfaktor in der Psychotherapie und schließlich um den nur sehr verkürzt in die Freudsche Psychoanalyse eingegangenen Ödipus-Mythos geht. Und doch stellt sich bei der Lektüre eine Enttäuschung ein: Große Erwartungen werden durch den Titel geweckt und nur bedingt eingelöst. Wahrscheinlich hat ihn der Verlag festgelegt. Im Untertitel müsste eigentlich stehen: „Und andere Aufsätze“. So ereignet sich das Paradox, dass die Aufmachung nicht authentisch ist.

* Versuch, mit der Gleichstellung der Geschlechter sprachlich ernst zu machen und statt "man" verwende ich "mensch".

Bernd Kuck      
Dezember 2019, zuerst veröffentlicht: Ärzteblatt PP 17, Ausgabe August 2018, Seite 369

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Der authentische Psychotherapeut

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