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Wiltschko Johannes (Hg.): Focusing und Philosophie. Eugene T. Gendlin über die Praxis körperbezognen Philosophierens. facultas Verlags- u. Buchhandels AG, Wien 2008


"Dort, wo die Sprache aufhört, wohnen wir wirklich." (Gendlin)

Eugene T. Gentlin hat über die Praxis körperbezogenen Philosophierens gesprochen und sich ausgetauscht. Wiltschko hat aus transkribierten Tonbandaufzeichnungen daraus einen Text zusammengestellt, der den Vorteil hat, nicht auf Übersetzungen angewiesen zu sein, da Gendlin in deutscher Sprache sein Denken explizierte.

Gendlin, gebürtiger Wiener, lebte in der Stadt von 1926 bis 1938. Als Zwölfjähriger floh er mit seinen Eltern vor der Nazibarba­rei nach USA. Dort studierte er dann an der Universität von Chicago Philosophie und hat dort bis 1995 Philosophie gelehrt. Das Zusammenwirken von Erleben und Sprache hat ihn bereits in seiner Dorktorarbeit (1958, „The function of experiencing in symbolization“) beschäftigt. Im Counseling Center der Universität begegnete er Carl Rogers, bei dem er Selbsterfahrung und therapeutische Ausbildung erfuhr.

Seine Philosophie ist auch ein Plädoyer für eine Philosophie aus einer Erste-Person-Perspektive. Dabei läuft eine Kritik am gängigen Wissenschaftsbetrieb mit, in dem die natur­wissenschaftliche Perspektive alle anderen zu überschwemmen droht. Und es ist ja gerade ein Merkmal der naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung, dass der Mensch als subjektiver Faktor eliminiert werden soll, um zu sogenannt objektiven Forschungsergebnissen zu gelangen. Das hat zu erheblichen Erfolgen in der Bewältigung von Problemen mit toten Dingen geführt. Und in den Wissenschaften vom Lebendigen zu einer Verdinglichung der Betrachtung und des Umgangs mit dem Lebendigen geführt. Stichworte sind etwa Industrialisierung der Landwirtschaft mit unge­bremstem Einsatz von Pflanzen- und Insektenvernichtungsmitteln und mit „Fleischproduktion“ in Massentierhaltung. Ironisierend heißt es etwa bei dem Kabarettisten René Sydow: „Das haben wir von der Fleischindustrie gelernt: Die Fühlkette darf nicht unterbrochen werden.“

Im Zentrum von Gentlins Denken steht das Denken aus der Mitte des Menschen. Der "Felt sense", der schwer zu greifen ist, als ein Empfinden aus der Mitte der leiblichen Existenz des Menschen, wird zum Gradmesser, ob die Gedanken, ob dass, was jemand ausdrücken möchte, sich als stimmig erweist. Dabei bewegt er sich durchaus am Rande eines Relativismus, denn für ihn gibt es keine eine Wahrheit, sondern viele verschiedene. Originelles entsteht erst, wenn der Mensch im Achten auf sein implizites Geschehen, in dem sich z.B. im "crossing" implizit Verinnerlichtes zu Neuem zusammen findet. Und wenn es auch heißt, dass der Leser nicht auf ihm bekannte Modelle zurückgreifen soll, um sich verständlich zu machen, was Gendlin meint, der quer steht zum Mainstream des üblichen Denkens; so erinnert es an die Phänomenologie, wenn es um möglichst exaktes Beschreiben dessen geht, was der Mensch sagen will. Erinnert es an den Hermeneutischen Zirkel, in dem man nur voran kommt, wenn man alles „vergisst“, was man bislang an Wissen angesammelt hat – denn das braucht es durchaus. Und der Witz ist ja, dass Wissen erst nach Durcharbeitung und aktivem Aneignen zu implizit Verfügbarem wird. Und die Hirnforscher haben uns gelehrt, dass im Unbewussten vielmehr gleichzeitig „online“ gehalten werden kann, als dies dem Bewusstsein über­haupt möglich ist.

Beim Focussing, beim Felt sense geht es darum, etwas von innen zu entdecken, wo die Neurobiologie von außen erforscht. Der Felt sense erinnert dabei an Sokrates' Daimon. Wenn der sich nicht meldete, dann war alles in Ordnung, war er auf dem rechten Weg. Bei Gendlin geht es gerade anders herum: Wenn es sich innerlich stimmig anfühlt, dann passt es derzeit, auch wenn es nächste Woche oder in einem Jahr sich anders anfühlen kann.

Mit diesen Grundlagen arbeitet Gendlin auch therapeutisch. Auch wenn Gendlin bestimmte Kautelen im Hintergrund und auch explizit mitlaufen hat, so ist darin durchaus die sokratische Methode, den anderen selbst finden zu lassen was er im Innersten weiß, wiederzufinden. Damit natürlich auch die Frage aufgeworfen, ob der Protagonist z.B. des therapeutischen Gesprächs dann wirklich seines findet oder eben doch etwas, das vom Fragenden (Therapeuten) induziert wurde. Denn bekanntlich ist Mit-Sein interaktionell. Solange jedoch die Verstehensbemühung nicht darin ausgeht, dem anderen etwas überzustülpen, weil man ihn ja besser versteht, als er sich selbst, bleibt es immer eine Anregung und Erweiterung der Weltbezüge aller Beteiligten.

Gendlin bezieht sich ausdrücklich auf Dilthey (Verstehende Psychologie) und damit auch auf dessen Wissenschaftsbegriff. Nach Dilthey erklären wir die Natur und verstehen Seelisches. Oder mit Gendlin verschärft: Für tote Dinge (denn die Pflanzen- und Tierwelt zählt er zum Lebendigen und damit ist Erklären nicht hinreichend) reichen die atomistischen Wissenschaften, für das Lebendige benötigen wir den Felt Sense, einen Zugang, der aus dem lebendigen Körper erwächst.

Bernd Kuck      
Mai 2015

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