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Uslar, Detlev von: Leib, Welt, Seele. Höhepunkte in der Geschichte der Philosophischen Psychologie. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, 257 Seiten.


Tatsächlich spannt v. Uslar einen weiten Bogen von Heraklit und der griechischen Naturphilosophie bis zu Gadamers Hermeneutik. Das schreckt durchaus nicht ab, sondern könnte helfen, einen Mangel so mancher Psychologie oder Psychotherapie - gerade auch in der heute gängigen oder intendierten Praxis - zu beheben: Philosophische Fundierung und Reflexion.

Angesichts des weiter zunehmenden parzellierenden und symptomatischen Denkens und Handelns in der Psychotherapie, worin sich eine Auswirkung der Medizinalisierung zeigt, ist das Zitat von Heraklit als Motto für den vorliegenden Text gut gewählt:

"Der Seele Grenzen kannst Du im Gehen nie erreichen, und wenn Du jeglichen Weg zu Ende gingest, einen so tiefen Sinn (einen so tiefen Logos) hat sie." (Fragment 45)

Hirnphysiologisch feuern im Traum nur die Neuronen, aber schon Heraklit war klar, dass der Traum dem Träumer eine Welt ist, ein Gedanke, der in ausgefeilter Form bei Heidegger wiederkehrt, wenn er vom grundsätzlichen In-der-Welt-Sein des Menschen spricht.

Die "Alten" waren mehr auf eine ganzheitliche Betrachtung orientiert. So sah Parmenides im Denken und Sein das Selbe. Die denkende Seele hat immer Teil am Ganzen, weshalb Denken nicht losgelöst von "der Wahrheit des Gedachten", als losgelöster innerer Prozess betrachtet werden kann. "Und das heisst, dass man das Denken nicht unabhängig vom Sein der gedachten Sache verstehen kann." (S. 16) Darin liegt bereits ein Ansatz zum "hermeneutischen Zirkel", in dem die Denkbewegung ständig vom Einzelnen zum Ganzen und vom Ganzen zum Einzelnen oszilliert.

Bei Aristoteles waren Seele und Körper noch nicht von einander getrennt. Dies blieb dem Denken Descartes vorbehalten. Aristoteles gab auf die selbst gestellte Frage, was denn die Seele sei, sinngemäß zur Antwort: 'Seele ist die Wirklichkeit des Leibes. Sie ist die lebendige Präsenz eines leiblichen Lebewesens, die Art und Weise, wie es da ist.' (S.47) Diesen Gedanken wird Nietzsche (der im übrigen erstaunlich knapp bei v. Uslar zu Worte kommt) später neu beleben, wenn es bei ihm heißt: Was ist denn die Seele anderes als etwas am Leibe? Die heutige "Körperpsychotherapie" hat hier eine ihrer Wurzeln. Unsere menschliche Existenz zeichnet sich gerade dadurch aus, dass wir nicht nur einen werkzeugartigen Körper haben, sondern zugleich dieser Körper sind .

Was an dieser Psychologie des Aristoteles für uns von entscheidender Bedeutung ist, ist gerade diese Zusammenschau von Leiblichkeit und Geist. Es ist ein und das selbe Lebewesen, der Mensch, in dem Leben und Geist zusammengehören und nicht wie bei Descartes getrennte Substanzen sind. (S. 54)

In heutiger Zeit ist das Subjektive zum 'bloß Psychischen' herabgestuft worden. Aristoteles hingegen sah im Subjektiven, im "subiectum", das Zugrundegelegte, die elementare Greifbarkeit aller Dinge. Beim Menschen ist dies der lebendige Leib, "dessen Wirklichkeit und Lebendigkeit eben die Seele ist". Das Objekt (das Gegenüberliegende) ist die Welt. Auf sie richten sich die Organe unseres Körpers ebenso, wie das Denken.

So schreitet unser Autor von Höhepunkt zu Höhepunkt in der Geschichte der Philosophischen Psychologie. Es fehlt natürlich nicht die Erörterung der Zeit bei Augustinus. Bei ihm wird die Gegenwart zu einem Augenblick, eingebunden in bereits Vergangenes und erst noch Zukünftiges. Das hat für den Augenblick, der eigentlich kaum zu fassen ist, erhebliche Konsequenzen, die sich etwa im Vortrag eines Liedes oder Gedichtes zeigen:

Wenn ich ein Lied singe oder ein Gedicht aufsage, dann ist immer ein Teil der Melodie des Gesanges oder ein Teil des Verses schon vergangen; ein Teil steht noch aus. Ich laufe gleichsam mit dem Augenblick hindurch, aber ich behalte das schon Gesagte, Gesungene, Gespielte, und ich antizipiere zugleich das Kommende, die Auflösung der Melodie, die Vollendung des Verses. (S. 82)

Beziehen wir solches Denken auf die Symptomatik eines Menschen, so stellt diese nur eine Momentaufnahme dar. Ohne eine Zusammenhangsbetrachtung wird nicht wirklich Wesentliches erfaßt. Selbst das Ursache-Wirkungs-Theorem kann hier in die Irre gehen. So wird z.B. ein Patient auf Allergien getestet, weil man eine Hautreaktion als allergisch verursacht vermutet. Das Untersuchungsergebnis wird als hochgradige Allergie auf Bienenstiche interpretiert, was aus dem Vorhandensein von Antikörpern geschlossen wird. Daran schließt sich die Warnung vor einem allergischen Schock an, wofür auch sofort ein entsprechendes Medikament für den Notfall angeboten wird. Der Patient ist jedoch seit vielen Jahren Hobbyimker und schon häufiger von seinen Bienen gestochen worden. Einen allergischen Schock hat er nie erlitten.

Die Trennung des Augenblicks vom gelebten Leben kann mindestens so verhängnisvoll sein, wie die Trennung von Seele und Körper. Aus didaktischen Gründen ist dies sicherlich zulässig und die großen Erfolge der Naturwissenschaften, zu denen auch die Medizin zählt, zeigen die Berechtigung. Wo aber Modelle verabsolutiert werden, verlieren die Anwender den Kontakt zum Lebensbezug. Dies wird heute etwa in den manchmal leichtfertig erscheinenden Schlüssen der Hirnforscher deutlich. Aber was z.B. Bewußtsein ist,

kann nur ein Wesen begreifen, das Bewusstsein hat. Vor aller Rückführung auf körperliche Vorgänge zum Beispiel im Gehirn, muss man schon immer wissen, was Bewusstsein ist. Seine innere Struktur kann man nur ganz und gar in sich selber erfassen. (S. 86)

Dieser Gedanke geht auf Descartes zurück, ist allerdings durch die Trennung von Körper und Seele erkauft, mit ihren positiven - aber eben auch negativen Konsequenzen für die weitere Geschichte.

Und so geht es weiter durch die Ideengeschichte. Spinoza, Leibniz, Lock und Hume kommen ebenso zur Sprache, wie Kant, Schelling und Hegel. Dilthey mit seiner "Verstehenden Psychologie" kommt ausführlicher zur Vorstellung. Es können hier unmöglich alle Denkwege referiert werden - schließlich lohnt es sich, selbst zu lesen. Erwähnt werden soll noch Husserls Phänomenologische Psychologie, die mit dem berühmten Ausspruch "Zurück zu den Sachen" um 1900 auf den Plan trat. Dabei vermeidet Husserl sowohl den Psychologismus wie das positivistische Mißverständnis. Zurück zu den Sachen meint, die Phänomene so schauen, wie sie sich zeigen unter Absehung von Modellvorstellungen. Für den psychotherapeutischen Zugang zum Menschen, wie für jeden verstehenden Zugang zu ihm überhaupt, äußerst bedeutsam, wird doch so mancher Patient in vorgefaßte theoretische Annahmen gezwängt, woraus notwendig eine Verfehlung des Gegenübers folgt.

Husserl hat gleichsam den Weg freigeschlagen für eine Betrachtungsweise in der Psychologie, die nicht sofort zum Erklären fortschreitet, sondern sich zuerst ganz in das Phänomen und den Phänomenzusammenhang vertieft. (S. 169)

Wichtig für die heutige Debatte um die Gleichrangigkeit von Natur- und Geisteswissenschaften ist unbedingt Nicolai Hartmann mit seiner Schichtenlehre. Hartmann konnte zeigen, dass sich vier Seinsschichten unterscheiden lassen:

  • Die Schicht des Anorganischen Seins, der unbelebten Natur.
  • Die Schicht des Organischen Seins, des Lebens.
  • Die Schicht des Seelischen Seins, als Innesein und Bewußtsein.
  • Die Schicht des Geistigen Seins, z.B. in Kunst Denken und Wissenschaft. (S. 175)
  • Hier ist nicht an eine Schichtung von Dingen gedacht, sondern es geht um eine Schichtung von Seins-Bestimmungen und -Prinzipien, um eine kategoriale Schichtung. Die höheren Schichten überbauen und überformen die jeweils tieferen. Das bedeutet, dass z.B. das organische Sein teil hat am anorganischen, in dem z.B. die Gesetze der Kausalität gelten. Aber dennoch ist das organische Leben noch etwas spezifisch anderes.
    Besonders gravierend wird dies, wenn auf der Ebene des seelischen oder geistigen Seins allein mit den Werkzeugen der Naturwissenschaften hantiert wird: Man begeht einen Kategorienfehler!

    Dabei hat Hartmann immer die Abhängigkeit der höheren von der jeweils tieferen Schicht betont.

    So sagte er z.B. einmal in einer Vorlesung: "Wenn ein Mensch das Pech hat, aus dem dritten Stock eines Hauses aus dem Fenster zu stürzen, dann fällt er nach dem Fallgesetz." (S.178)

    Das Seelisch-Geistige zeigt sich im personalen - und im objektiven Geist. Dies ist die eigentliche Domäne der Geisteswissenschaften, die im Rang den Naturwissenschaften in nichts nachstehen. Geistige Realität ist eine ebenso harte Realität wie die der physikalischen Natur, auch wenn wir es darin nicht immer mit "harten", sondern oft "weichen" "Daten" zu tun haben.

    Aus Hartmanns Überlegungen folgt, dass jegliche "Nichts-als-Erklärungen" unzulässig sind. So ist Leben niemals nichts als physikalisches und chemisches Geschehen; Bewußtsein ist niemals nichts als Hirntätigkeit; geistiges Sein ist niemals nichts als psychologisches Geschehen und kann folglich nicht allein daraus erklärt oder verstanden werden.

    Ebenso hat Helmuth Plessner, in der Auseinandersetzung mit der Umweltlehre Jacob von Uexkülls, herausgearbeitet, dass der Mensch sich vom tierischen Sein unterscheidet durch seine "exzentrische Positionalität". Hier handelt es sich eben um eine andere Qualität - oder wie Hartmann sagen würde: um eine andere Seinskategorie. Hat das Tier eine Umwelt, in der es "angepflockt ist an den Pfahl des Augenblicks" (Nietzsche), so hat der Mensch neben der Umwelt eine Welt. Er kann aus der Umwelt heraustreten, über sie nachdenken, sie in Frage stellen. So springt er gleichsam in einer exzentrischen Weise aus ihr heraus, indes das Tier mit seiner "Zentralität" der Umwelt verhaftet bleibt.

    Fehlen darf in einer solchen Darstellung natürlich auch Martin Heidegger nicht. V. Uslar versteht es, die oft schwierigen Gedanken Heideggers in gut verständlicher Weise wiederzugeben. In seiner Seinsontologie stellt Heidegger die Frage nach dem Sein schlechthin. Wichtig sind die Überlegungen zum In-der-Welt-Sein des Menschen, sein üblicherweise Aufgehen im "man" und die ihm zuwachsende Aufgabe, sich vom Man-Sein zum eigentlichen Selbst-Sein zu entwickeln. Bedeutsam sind die Gedanken zum "Zuhandenen", all das, was dem Menschen in der Welt an Dingen (z.B. Handwerkszeug) begegnet, die ihm sofort größere Verweisungszusammenhänge eröffnen. In den "Existentialen" der Zeitlichkeit, Geschichtlichkeit, und des Mit-seins wird das Dasein (der Mensch) erst eigentlich verstehbar. Wenn Heidegger davon spricht, dass das Dasein ein Vorlaufen zum Tode hin sei, dann wird es schon etwas mystisch. Im Kern geht es aber wohl um die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit, die uns ebenso mit Angst erfüllt, wie das Aufgeben des Man-Selbst. Durch diese Angst müsse der Mensch aber hindurch, um zum eigentlichen Selbst-Sein zu kommen. Dieser eher düsternen Sicht hat seinerzeit Friedrich Bollnow entgegengehalten, dass es bei Heidegger ziemlich freudlos zugehe. Entwicklung sei aber auch in der Freude möglich, wie schon Spinoza ausführte, wonach das Erreichen einer Stufe höherer Vollkommenheit in das Gefühl der Freude mündet.
    Gegen Heideggers Existenzialontologie ist immer wieder eingewendet worden, dass sie den Leib vernachlässigt. Tatsächlich war es Medard Boss (Daseinsanalytiker in der Schweiz), der das Leibsein oder die Leiblichkeit als weiteres Existential einführte, wenn auch in engem Austausch mit Heidegger.

    Im Ganzen ein sehr lesenswertes Buch, in dem auch dem philosophisch nicht Geschulten ein gut verständlicher Zugang zur Philosophischen Psychologie ermöglicht wird. Den einen oder anderen Philosophen vermißt der Leser durchaus, besonders hinsichtlich des Leibes (etwa V.v.Weizsäcker). Nietzsche kommt zu kurz, Schopenhauer wird nicht erwähnt und die französischen Philosophen werden nur kurz genannt (Sartre, Ricoeur) oder kommen gar nicht vor, was z.B. hinsichtlich Maurice Merleau-Pontys schade ist.
     
    Dipl.-Psych. Bernd Kuck, Bonn
    Oktober 2005

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