logo

Uehle-Stauffer, Beatrice : Mein Leben leben. Else Freistadt-Herzka 1899 bis 1953. Zwischen Leidenschaft, Psychologie und Exil. Passagen Verlag Wien 1995


Dieses Buch von Beatrice Uehle-Stauffer ist eine kleine Sensation, weil sie in einem wichtigen Punkt ein neues und zudem ungünstiges Licht auf den Wiener Individualpsychologen Alfred Adler (1870-1937) wirft. Während die Forschung zu Sigmund Freud und die Anfänge der Psychoanalyse schon immer detailverliebt war und nach wie vor anschwillt, ist eine entsprechende Anstrengung, was den Begründer der Individualpsychologie betrifft, nicht festzustellen. Das liegt auch an Adler selbst, der beispielsweise - ganz im Gegensatz zu Freud - so gut wie keine Briefe schrieb.
Indem sich Uehle-Stauffer offenbar auf Bitten des Sohnes mit dem Leben von Else Freistadt (1899-1953) befasste, gelang ihr fast nebenbei, die Geschichte der frühen Individualpsychologie um einige Details zu bereichern. Es soll gleich hier erwähnt werden, dass das Leben der Else Freistadt aus Wien letztlich blaß bleibt; das ist auch nicht anders zu erwarten, wenn man einem Menschen nachspürt, der vom Nationalsozialismus verfolgt wurde und dessen Lebensdokumente zum größeren Teil verschollen sind.
Offenbar war Furcht oder Angst in Elses Kindheit ein vorherrschendes Gefühl. Die Kinderfrau war abergläubisch und unwissend, die Eltern lebten in einer ernsten jüdischen Tradition. Else wuchs als Älteste auf, mit einem deutlichen Trend zur Melancholie, später, in der Pubertät auf der Suche nach dem "zauberhaften Etwas", das sie nicht finden kann. In der Schulzeit war sie ein stiller Bücherwurm und vermutlich muß ihre Kurzsichtigkeit erwähnt werden; diese Organminderwertigkeit verstärkt sich später zur Erblindung eines Auges, was ihr neben den grausamen politischen Zeitumständen einen weiteren großen Stein in den Weg gelegt hat. Sie schwärmte in der Jugendzeit für eine Direktorin einer Fortbildungsschule; sie kann offenbar mit niemandem reden, auch über ihre Schwärmereien nicht, außer zu ihrem Tagebuch, das eine Hauptquelle dieser Biographie darstellt. Es war nie zur Veröffentlichung vorgesehen, so dass wir annehmen können, es gibt uns einen relativ unverstellten Einblick in ihr Seelenleben.
Zu ihrer charakteristischen Eigenschaft gehört, sich nicht mit Haut und Haaren einer Lehre oder psychologischen Richtung zu verschreiben. Sie bewahrt innere Freiheit und Selbständigkeit des Denkens. Andererseits scheint gerade diese kritische Distanz ihre Karriere behindert zu haben. Hinzu kommt ihre Liebesbereitschaft, ihre emotionale Involviertheit in jene Menschen, denen sie sich anschließt, seien es der Philosoph Ewald oder die Psychologen Adler, Wexberg, Ragaz und Charlotte Bühler. Arbeits- und Liebesbeziehung verwischten sich bei ihr. Flirts kann sie nicht als unverbindlich betrachten, und sie drängt nach "Tieferem".
Else Freistadt lernt Adler im Sommer 1925 kennen. Sie beschreibt ihn als forsch, real, prächtig, stämmig, gütig, ohne Sentimentalität, unpathetisch und vertrauensvoll; im großen und ganzen eine Vaterfigur. Sie ist sogleich auf ihre charakteristische Art emotional involviert, offenbar stark liebesbereit und fast gar nicht, oder nur am Rande, auf eine sachliche Beziehung aus. Die Bekanntschaft der beiden wird schon nach wenigen Wochen quälend, beide erwarten Unterschiedliches von diesem Verhältnis. Adler wird als Anwalt und Förderer der Frauen und Verfechter der Gleichberechtigung dargestellt. Er zieht Else sofort zur Mitarbeit an der Individualpsychologie heran; es erscheinen zwei Aufsätze in der Zeitschrift für Individualpsychologie und ein Beitrag im "Handbuch der Individualpsychologie" (herausgegeben von Wexberg). Nach der unglücklichen Liebesbeziehung zum Philosophen Ewald befindet sich Else in einem Zustand innerer Unruhe, der Suche und des Selbstzweifels, wobei vor allem ihre fehlende Schönheit einen herausragenden Anlaß für Minderwertigkeitsgefühle darstellt.
Das Überraschende: Adler und Freistadt gehen eine sexuelle Beziehung ein.
Er ist ihr erster sexueller Kontakt, der überschattet ist nicht nur vom Altersunterschied (Adler war gut doppelt so alt wie sie) und den unterschiedlichen Erwartungen, sondern zusätzlich von der Angst vor einer Schwangerschaft sowie beunruhigenden, rätselhaften starken Blutungen bei Else, vielleicht durch einen Riß in der Schleimhaut wegen Trockenheit. Adler, das erfahren wir aus ihrem Tagebuch, sagt ihr beruhigend, er sei zeugungsunfähig; vielleicht meint er, er sei vasektomiert. Während er ein erotisches Abenteuer mit einer etwas verwirrten jungen Frau will, möchte sie nun endlich mit sechsundzwanzig die Sexualität kennenlernen und gleichzeitig ihre Vorstellungen von der großen Liebe verwirklichen. Ihre Beziehung scheint von beiden Seiten aus etwas Forderndes an sich zu haben; er strebt nach Lusterfüllung, sie nach Ehe, Geborgenheit und Austausch. Sie: "Ich will immer um jeden Preis bei ihm sein." Er will den Koitus.
Gegenüber der Sexualität ist sie ambivalent eingestellt, doch vermerkt sie, sich selbst beruhigend, bei dem verheirateten Adler sei die Gefahr "einer dauerhaften sexuellen Bindung" gering. Während Adler offenbar mit Potenzschwierigkeiten rang und Else als Versüßung seines harten Alltags ansah, hatte sie ein großes Verlangen nach Zärtlichkeit, Liebe und Geborgenheit zu einem ihr überlegenen Manne. Durch diese Diskrepanz ist die Beziehung für sie beide fast von Anfang an unerträglich. Auch scheint sie unreif, schwankend, wenig selbstsicher, möglicherweise überfordert von den Zeitumständen, die von gebildeten Frauen Selbständigkeit und männliche Tugenden erwartete.
Adlers Reaktion auf ihre Schwangerschaftsangst erscheint mir im negativen Sinne männlich und geradezu verletzend. Ihm mangelt es plötzlich an den von ihr beschriebenen positiven Eigenschaften, wenn er sagt: Mit ihrer Übelkeit wolle sie nur Macht über ihn (S. 95). Doch tatsächlich, so meine ich, wollte sie nur Mitgefühl. Adler sieht selbst sehr schnell, daß es zwischen ihnen nicht klappt. Er will keine Schwierigkeiten, vielmehr eine fröhlich arbeitende Frau, die die Sache der Individualpsychologie voran bringt. Adler wird - in ihrer Schilderung - immer gereizter, wohl weil sie ihn bedrängt. Er scheint in dieser Zeit arbeitsmäßig völlig überlastet und will eine junge Frau, die ihm für ein paar Stunden die Sorgen vertreibt. Gleichzeitig arbeitet er an einer sachlichen Beziehung, kann aber selbst gleichzeitig nicht auf die Sexualität verzichten.
Offenbar hat Adler noch weitere Frauenbeziehungen nebenbei oder doch schon bald nach Else Freistadt. Zitat aus ihrem Tagebuch: "Er sagte, du wirst es mir nicht übelnehmen, wenn sich eine andere mir widmet." Seltsam, diese passive Satzkonstruktion, da Adler - wieder laut Freistadts Tagebuch - anfangs aktiv mit ihr flirtet. Doch Else kann das Persönliche nicht vom Sachlichen trennen, seine zunehmenden Unfreundlichkeiten und Zurückweisungen kann sie nicht interpretieren und darauf reagieren. So quält sich diese Beziehung über ein weiteres Jahr bis Oktober 1926.
Uehle-Stauffer wendet nun in einer Zusammenfassung Adlers psychologische Theorie auf die konkrete Beziehung an, und muß feststellen, daß seine eigenen Ansprüche von ihm kurzerhand verdrängt werden. Er handle ganz im patriarchalischen Stil seiner Zeit, "er nimmt sich im intimen Verhältnis zu Else das, was er sucht, und ist nicht bereit, die Bedürfnisse seines Gegenübers wahrzunehmen, geschweige denn zu reflektieren." (S.105) Er zeigt sich erstaunlich unwissend bezüglich der weiblichen Psyche und der Bedürfnisse des weiblichen Körpers. Er weicht klärenden Aussprachen aus und erwartet vielmehr Einfühlung in seine Lage. Andererseits setzt er sich stark für Elses berufliche Karriere ein, indem er ihr Patienten vermittelt und ihr Kurse zu individualpsychologischen Themen anvertraut. Adler lobt ihre fesselnde Beredtsamkeit, die sie in vielen Vorträgen über psychologische Themen übt. Offenbar erwartet er, daß sie sich seinen theoretischen Ansichten bedingungslos unterordnet. Else wiederum steht der Individualpsychologie mit der für sie typischen kritischen Distanz gegenüber. Offenbar hatte das reale gruppendynamische Geschehen im Adler-Kreis keinen Einfluß auf die dort entwickelten psychologischen Theorien; sie wurden in diesem Zirkel oftmals aus dem Diskurs ausgespart (S.252). Die hohen Maßstäbe, die Adler an die Gleichwertigkeit von Mann und Frau und die Gleichstellung der Geschlechter vertrat, konnten tatsächlich von ihm zumindest in der Beziehung zu Else nicht gelebt werden.
1927 erhält Else ihren Doktortitel und ist sehr erfolgreich in der Lehr- und Vortragstätigkeit, während gleichzeitig quälende Selbstzweifel weitergehen. Sie hat rätselhafte Fieberanfälle und eine Netzhautablösung, die zur Erblindung führt, ist aber beruflich sehr aktiv, worüber aber das Tagebuch nur wenig Auskunft gibt. Es scheint sich meist im engen Kreis ihrer Empfindungen zu bewegen und nur selten den Blick nach draußen zu wenden. Welch ein Unterschied beispielsweise zu den Tagebüchern von Käthe Kollwitz, die die Zeitläufte mit einfangen!
In den weiteren Beziehungen Freistadts zu den Männern liegen Glück und Qual immer dicht beieinander; "ich finde mich allein aber noch immer nicht zurecht" (S.126), oder "ich bin maßlos verschreckt" (S.137). Sie heiratet 1932 den tüchtigen und rechtschaffenen Herzka; im August 1938 müssen sie in die Schweiz emigrieren. Die folgenden zehn Jahre sind geprägt durch den zermürbenden Kampf um eine Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz, durch die Sorge um Familienmitglieder, die nicht fliehen konnten, und um ihre Augenkrankheit. In der Beziehung zu Herzka scheint sie aber einen Partner gefunden zu haben, der ihren intellektuellen Ansprüchen genügt, und der langsam ihre hohen und schwärmerischen Erwartungen an das Glück vergessen läßt.
Das Buch geht ausführlich auf die Zeitumstände des Roten Wiens, der Machtübernahme der Nazis in Österreich, die Emigration und ähnliche Zeitläufte ein, wohinter das konkrete Leben von Else zurücktritt. Einerseits engagiert sie sich im Beruf, andererseits spielen für sie zeitlebens Liebes- und Freundschaftsbeziehungen eine dominierende Rolle. "Fast alles, was sie erlebte, auch beruflich, bezog sich auf einen geliebten Menschen." (S.245) Ihr Verlangen nach einer tiefen, umfassenden Zweierbeziehung, ihre gleichzeitige Suche nach einer Vaterfigur sind fast tragisch zu nennen. Ihre Art, sich laufend selber darin zu bestätigen, weder hübsch noch attraktiv zu sein, hat für den Leser etwas Bedrückendes (S.240). "Gründe, warum sich Else Alfred Adler zugewandt hat, sind zum einen sicher sein soziales Engagement, die direkte Umsetzung von psychologischen Theorien in die Praxis, die auch Else mit der Gründung und Führung ihres Kinderheims und ihres Kindergartens vollzogen hat. Zum anderen mag das Adler'sche Konzept vom Überwinden des Minderwertigkeitsgefühls Else besonders angesprochen haben." (S.252)
Insgesamt bleibt das Leben von Else Freistadt-Herzka etwas blaß, was nur zum Teil der Autorin anzulasten ist, die Hauptursache liegt in den grausamen Zeitumständen. Aber das Buch ist auch ansonsten nicht besonders flüssig und spannend geschrieben, sondern kommt eher konventionell und hölzern daher. Die eigenwillige Interpunktion erschwert das Lesen zusätzlich.
Betrachten wir noch einmal Else: Ihr umfassendes Sehnen nach Glück wurde nicht erfüllt - und konnte es wohl auch nicht. Ihre persönlichen Eigenschaften waren nicht dazu angetan, eine Bannerträgerin der Individualpsychologie zu werden. Mich beeindruckt aber ihre ungebrochene Tapferkeit, diesen verrückten Zeitumständen zu trotzen. Sie war offenbar eine begabte Rednerin und - das kann man im Anhang nachlesen - eine gute Schriftstellerin, die psychologische Gedanken schnörkellos und gut verständlich aufs Papier brachte.
Und betrachten wir Adler: Der erste Schock über Adlers Ehebruch hat sich bei mir rasch gelegt. Ein Grund liegt vielleicht darin, daß er an Else bis auf wenige Wochen keine Freude hatte. Das war sozusagen die Strafe für sein mangelndes Einfühlungsvermögen und die Unfähigkeit, sein psychologisches Wissen auf die Beziehung anzuwenden. Mit diesem Buch hat Adler einen kräftigen Kratzer abbekommen. Else Herzka beschreibt einen mürrischen, überforderten Mann, gleichzeitig ein erfolgreicher Dompteur eines lebendigen Zirkels von Menschen, auf der Höhe seines Ruhms und auf dem Sprung nach Amerika. Das Buch von Uehle-Stauffer wird mithelfen, uns davor zu bewahren, Adler zu heroisieren und zu dogmatisieren.

Gerald Mackenthun, Berlin
(April 1997)

zurück