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Daniel Norman Stern (1990): Tagebuch eines Babys. 172 S., Piper Verlag München, 2. Auflage 1991, inzwischen 19. Auflage 2011

 


Anlässlich eines Nachrufs auf den bedeutenden Säuglingsforscher Daniel Stern (16. 8.1934, New York – 12. 11. 2012, Genf) im Psychotherapeutenjournal (2/2013) las ich sein populär geschriebenes Buch, das die Früchte seiner wissenschaftlichen Arbeit aus der konkreten Säuglingsbeobachtung einem breiteren Publikum zugänglich macht. Stern schildert die Wahrnehmungen und Empfindungen des fiktiven Säuglings Joey in ausgewählten Alltagsszenen vor seinem vierten Lebensjahr. Da der Säugling noch nicht über eigene Sprache verfügt, wählt Stern zur Darstellung eine Sprache aus der Welt der Klänge, des Raumes, der Bewegung, des Wetters und der Bilder. Erwachsene Menschen westlicher Kulturen haben oft den Zugang zu diesen Welten des Erlebens verloren. Sie interpretieren Äu­ßerungen und Verhalten von Säuglingen und Kleinkindern aus ihrer Perspektive und verfehlen so oft genug eine bedürfnisgerechte Antwort. Dies Verfehlen betrifft nicht nur das Interaktionsgesche­hen zwischen Säugling und Betreuungsperson (meist die Mutter), sondern findet sich in Theorien über die Entwicklung des Menschen, sowie in allgemeinen Vorurteilen über das menschliche Verhalten in der Gesellschaft und ihren Institutionen.

Aber nicht nur in Familien, auch in der Gesellschaft existieren ganz bestimmte Vorstellungen, die innerhalb von Schulen und anderen Institutionen das Verhalten der Menschen prägen. Wissenschaftliche Theorien zur Entwicklung der menschlichen Psyche – beispielsweise jene von Freud, Margaret Mahler oder Erik Erikson – haben meist ihren Ursprung in solchen verborgenen, beziehungsweise unausgesprochenen Phantasien über das kindliche Erleben (S. 12f).

Stern hat in seinen Säuglingsbeobachtungen raffinierte Anordnungen eingesetzt (u.a. moderne Videotechniken), um gleichsam dem Säugling Antwortmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, die wir Erwachsenen besser verstehen können und auch intuitiv passende Antworten der Betreuungspersonen wissenschaftlich belegbar machen. All diese Erkenntnisse fließen in dieses fiktive Tagebuch ein, wobei

diese Autobiographie keinesfalls einheitlich ist, sondern allenfalls eine Legierung aus Spekulationen, Phantasien und Fakten, welche unserem derzeitigen Wissen über die frü­he Kindheit entstammen (S. 13).

Als Beispiel die Versprachlichung von Joeys Erleben im Alter von viereinhalb Monaten in der Interaktion mit seiner Mutter in folgender Szene: Er sitzt auf ihrem Schoß und betrachtet ihr Gesicht. Das Gesicht der Mutter ist ohne Ausdruck, da sie wohl gerade gedanklich abwesend ist. Er schaut ihr in die Augen und die Mutter lächelt, und Joey lächelt ebenfalls, beide stahlen sich an. Seine Mutter initiert nun ein Spiel, indem sie sich vorbeugt und mit ihrer Nase Joeys Nase berührt, dabei zeigt ihr Gesicht den Ausdruck übertriebener Überraschung, begleitet von lustigen Gurrlauten. Joey quietscht vergnügt, wenn sich ihre Nasen berühren. Das Spiel wird von der Mutter gesteigert, wobei sie ihrem Gesicht einen Ausdruck von Bedrohlichkeit gibt. Joeys Spannung steigert sich, sein Lächeln wird starr. Die Mutter scheint dies nicht bemerkt zu haben, nähert sich immer ausgelassener seinem Gesicht und macht nun auch noch einen anschwellenden „ooooooh“-Laut. Joeys Gesicht verdüstert sich und er schließt die Augen und wendet den Kopf ab. Nun hat die Mutter bemerkt, dass sie zu weit gegangen ist. Sie stoppt das „Spiel“, tut eine Zeitlang gar nichts. Dann flüstert und lächelt sie einladend, so dass Joey den Kopf ihr wieder zuwendet. Diese Spiel-Interaktion versprachlicht Stern nun folgendermaßen:

Plötzlich dreht sich ihr Wind. Mit einem Mal kippt die Welt ihres Gesichts nach oben und neue Räume öffnen sich. Mit einer kräftig-frischen Brise kommt sie jetzt auf mich zu. Die Brise stimmt ihr eigenes anschwellendes Lied an – seine Töne berühren mich und hüllen mich ein. Geborgen in dieser wunderbaren Hülle gleite ich in schwerelosem Entzücken rasch zu ihr hin. Nun bewegt sie sich zurück und ihr Wind legt sich für eine Weile – aber nur um neue Kraft zu sammeln. Erneut jagt ein Windstoß heran. Während ich warte, daß er näherkommt, wächst die Aufregung in mir. Da ist er – er hat mich getroffen. (…) Noch immer bewege ich mich mit atemloser Geschwindigkeit, doch ich taumle leicht. In der plötzlichen Windstille versuche ich, Luft zu schöpfen. Aber schon stürmt ihre nächste Bö auf mich zu, den Raum und alle Geräusche aufpeitschend. Sie hat mich erreicht – nun erfaßt sie mich. Ich versuche ihrer Gewalt standzuhalten und mit ihr Schritt zu halten, aber sie schüttelt mich durch und durch. Ich zittere, mein Körper weicht ihr aus. Einen Augenblick zögere ich. Dann drehe ich ab und wende dem Wind meinen Rücken zu. Ganz allein gleite ich nun in stille Gewässer. Dieser friedliche Ort besänftigt den Aufruhr in meinem Innern. Er legt sich, ich werde ruhig und bin getröstet. In dieser köstlichen Ruhe streift etwas später ein weicher Hauch seitlich meinen Kopf. Er erfrischt mich und ich wende mich um. Da ist der besänftigte Himmel. Das Wasser kräuselt sich sanft unter dem lauen Lufthauch (S. 64f).

Wunderbare Schilderung, die eine größere Nähe zur Literatur hat als zu wissenschaftlicher Sprache. Anschließend folgt nun die Erläuterung des Erlebens von Joey.
In gleichem Aufbau - Schilderung einer Alltagssituation, Versprachlichung von Joeys Erleben und Kommentar - haben die Leser nun Anteil an teilweise sprunghaften Entwicklungsschüben bis zum vierten Lebensjahr.
Ein wunderbares Buch, dass Eltern und allen Interessierten ebenso wie Fachleuten einen herrlich lebensnahen und lebendigen Einblick in das Erleben des Säuglings und Kleinkindes auf dem aktuel­len Stand der Forschung vermittelt.

Ein kleiner Wermutstropfen findet sich allerdings in diesem Buch, der mit sprachlicher Ungenauigkeit zusammenhängt. Das kann an der Übersetzung liegen oder an der ungenauen Verwendung von Emotion, feeling und sense im Englischen. So ist im Text häufig von Gefühlen die Rede, wo der Säugling noch gar keine haben kann. Nach Max Scheler sind Gefühle geistige Akte und damit an Symbolisierungsfähigkeit und Sprache gebunden. Demnach hat der Säugling Empfindungen, Wahrnehmungen und ein Erleben, aber eben keine Gefühle. Zunächst werden Empfindungen und Verhaltensäußerungen des Säuglings und Kleinkindes durch die Versprachlichung am Gegenüber zu Gefühlen, indem z.B. ein Verhalten als wütend, ein Gesichtsausdruck als traurig interpretiert werden. Für den Säugling, das Kleinkind sind es jedoch zunächst Empfindungen von Anspannung, Strampeln und Mitteilung durch den ganzen Leib erschütterndes Schreien oder Empfindungen bestimmter Muskelgruppen im Gesicht oder der Gelähmtheit des Leibes. Erst mit dem Erwerb der Sprache und der Fähigkeit zu eigenem Denken werden geistige Akte möglich und damit durchaus sehr individuelle Gefühle.

Bernd Kuck      
Juli 2013

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