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Steinberger Johann: Borderline-Kommunikation. Eine konversationsanalytische Studie. Psychosozial Verlag, Gießen 2016, 190 Seiten.1


Steinberger möchte im Wege der Konversationsanalyse den Kommunikationsstil von Borderline Patienten analysieren. Dazu nutzt er Briefe oder Transkripte von Therapiestunden. Er will anhand von „Datenmaterial“ klären, wie die Mechanismen aus Übertragung und Gegenübertragung „in uns ablaufen“ (S. 74). Dem „Unerwarteten“ begegnen (ebd.), und nicht in der Anwendung von Theorien und Manualen liegt die therapeutische Kompetenz.

Soweit der Anspruch. Es ist auf jeden Fall mutig, die eigenen Therapiegespräche zu veröffentlichen. Meine Kritik möchte ich daher nur als Veränderung der Perspektive verstanden wissen. Die kurzen Sequenzen aus dem Interview mit W.A. sprechen für sich.

Es geht um ein Kontaktbedürfnis, das zurückgewiesen wird. Die Tonband Aufnahme freut A., weil er hofft gehört, aufgenommen zu werden (S. 176). Beim Handy, da „kann ma mit‘n Ohr zu Ohr und mit‘n Mikro zum Mund. Da braucht ma nicht so blöd redn“ (S. 178) wie in der Therapiestunde. Er hätte gern ein Honorar, weil er die Interventionen nicht hilfreich erlebt, würde ihm gerne ein Glas Wasser überschütten. Der Therapeut bleibt einsilbig. A.: „Sag‘n Sie nicht immer ja wie ein kleiner Bub, dem man was Neues erzählt, das er nicht versteht“ (S.180). Ein Kontaktangebot stößt auf Einsilbigkeit: „Mmmh“. Nun bringt Herr A. das Theorem der Spiegelung auf die Bühne. Der Therapeut reagiert mit einer Deutung und A. bietet ihm an, dass er doch derjenige sei, der ihn spiegele. Wieder eine verpasste Chance. Herr A. erteilt dem Therapeuten aggressiv ironisch einen Titel: „Diplomgesundheitskrankenpfleger Psychotherapeut Therapiezentrum. Sie haben ein Propädeutikum gemacht oder noch nicht“ (S. 183). Th.:„Sie kennen sich ganz gut aus in der Ausbildung“ (ebd,). Es schmerzt, wie der intelligente A. in seinem Kontaktbedürfnis abgewiesen wird. A. : „Sie antworten mit Ja oder Nein. [...]. Wolln Sie nicht auch ein bissel sprechen? Bitte um eine Wortspende“ (S.184). Th.: „Sie möchten eine Wortspende?“ A.: „Von Ihnen ja. Wie empfinden Sie die Situation jetzt? Lustig, bedrückend, blöd? Therapeutisch? Untherapeutisch? [...] Bitte um ein Referat von mindestens einer Minute“ (ebd.). Nach ein paar Worten des Therapeuten kommentiert Herr A.: „Spenden Sie weiter“. „Warum schweigen Sie so frech?“ Der Therapeut fragt allen Ernstes, was ihn so unzufrieden macht. A.: „Ich will Nähe, ich will Zärtlichkeit“. „Gebn Sie mir die Hände, die Hände, bitte, nur die Hände hinlegen. Ja. Berühr‘n Sie mich mit einer Hand. Nur die Fingerspitzen.“ Hier wäre Raum für eine leibfundierte Intervention (Heisterkamp), hier könnte A. auf der Handlungsebene berührt werden und würde wahrgenommen in dem, was ihm vermutlich seit frühster Kindheit mangelte, statt ihn abweisend zu retraumatisieren. Da wir wesentlich aus dem Misslingen lernen, ist der vorliegende Text in dieser Hinsicht sehr zu empfehlen.

1Die ausführliche Besprechung erscheint in der Zeitschrift für Individualpsychologie 3/2017.

Bernd Kuck      
Mai 2017

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Steinberger
Borderline-Kommunikation


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