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Kai Splittgerber / Dorothea Huber: Brehms Tierland. Durchgehend farbig illustriert, EDITION BÜCHERGILDE, 2011, 224 Seiten, 24,90 €

 


Brehms Tierland fällt aus der Reihe. Ein neues, außergewöhnliches Buch, ein origineller Bilderroman - ein Abenteuer. Erzählt wird vom ungebremsten Forschertrieb des kauzigen Edmund Alfred Brehm. Mit einer skurrilen Piratencrew bricht der wunderliche Wissenschaftler auf zu einer recht eigenwilligen Entdeckungsreise. Tatsächlich landet der sonderbare Professor auf einer geheimnisvollen Insel. Nie zuvor gesehene, abstruse Lebewesen spürt er dort auf. Tierland nennt er das "Neue" und dokumentiert in seinem Expeditionsbuch, wie ihm geschieht. Aufregende, irritierende Begegnungen, große Rätsel bannen den eifrigen Brehm. Er kommt aus dem Wundern nicht heraus, erlebt wilde Überraschungen, ist unheilvollen Gefahren ausgesetzt. Er beobachtet und bestaunt die unbekannten Geschöpfe auf Tierland, verfällt ihrem Zauber. Arglos stolpert der Sonderling in einen wahren Horrortrip. Dabei riskiert er alles, sogar sein Leben.

Kai Splittgerber hat überbordende Einfälle in eine schillernde Story gepackt. Er erzählt geistreich, spritzig, faszinierend, in rasantem Tempo. Die Geschichte ist bizarr, geheimnisvoll und saugt den Leser in das turbulente Geschehen. Der Autor stürzt den wunderlichen Professor in unglaubliche Abenteuer, hinein in eine gruselige, unheimliche Zwischenwelt. Dabei jagt er seine Leser von Anfang an über einen straffen Spannungsbogen. Nie schläft die Handlung ein, immer wieder treibt sie neue, verblüffende Blüten. Und in all dem verführerischen Vordergründigen verbirgt Kai Splittgerber Hintergründiges. Bei jedem Wiederlesen - und man wird dieses Buch öfter lesen - sind neue witzige Zusammenhänge, treffliche Bezüge, zu entdecken; immer gehen wieder andere Lichter auf, amüsiert man sich mehr und mehr. Denn das Buch ist lustig, unterhaltsam und spannend.

Dorothea Huber bebildert diesen in sich geschlossenen Kosmos fabelhaft. Sie setzt Kai Splittgerbers Ideen phantasievoll zu 100 Prozent um - macht anschaulich, was da passiert. Sie gibt all den Schwirrewesen, den vieräugigen Ohrenduddelern, monströsen Zünzen, kuschelversessenen Fluken, den Luftikussen und dem Fröhöllerie Gesicht und Gestalt. Das ist das kleine Wunder dieses Buches: Text und Bild könnten nicht besser zusammenpassen, fügen sich ideal zu einem Ganzen.
Dorothea Hubers Kunst ist, die schrägsten Vögel, die ver-rücktesten Ausgeburten, die aberwitzigsten Gestalten in kunterbunte Form zu bringen - klar und kraftvoll auszudrücken. Kai Splittgerber entspringt kein noch so ausgefallenes Wesen, das Dorothea Huber nicht mit Stift und Farbe lebendig macht.

Wie in einem Zauberspiegel zeigt die Grafikerin den wundersamen Reigen der Fabelwesen. Mit ihrem eigenwilligen grafischen Stil versteht sie es, Charaktere nicht nur zu zeichnen, sondern zu überzeichnen. Hier unterstreicht sie "Findewörter", dort verstärkt sie "Wortfindlinge" des Autors, so etwa sein Blaufleckenblau, sein Gefrierkatzenblau, oder die Überbläuerung des Himmels. Sie schafft unfassbare Typen zum Anfassen. Sie findet Bilder für fliegende Wäschelauge, einen Raupenschlummersack, die kleine Traurigkeit, die aus schimmernden Blasen immer wieder geboren wird. Tiefblaue Tränenseen werden sichtbar, in die sich die Bosperas hineinweinen. Mit sicherem Federstrich führt Dorothea Huber durch dieses Absurdistan und bringt dem Leser nahe, was zum Lachen und zum Weinen ist.

Sie malt den Kaninchen, die übrigens zum Verlieben sind, riesengroße Angst in die Augen. Sie macht ein zärtliches gegenseitiges Füttern sichtbar unter schützenden weiten Häuten. Sie zeigt, wie der Wollerwums sein Inneres nach außen kehren kann. Sie fertigt Abbilder vom schiefen Vulkan, von Fallen, hässlichen Ungeheuern, aussichtslosen Situationen, bis dem Leser der Angstschweiß aus der Gänsehaut bricht. Wüste Szenen wechseln ab mit kleinen feinen Skizzen. Dorothea Huber verfügt über eine große Liebe zum Detail. Hier versteckt sie Ironie und Humor vom Feinsten, weckt Lust am Suchen und Entdecken.

Das Schönste aber ist Mathilde, die Menschenfrau in ihrem Tierlandfrauhaus. Ein hinreißender Wirbelwind, schlagkräftig und liebeshungrig. Sie kocht Tee aus lebenden Teetierchen und nimmt, wenn nötig, ein Schnibelungenbad, weil es drachenharte Haut macht.
Kai Splittgerber vertauscht Männer und Frauen und stellt das Ganze noch mal auf den Kopf mit dem Matrosen, die fürchterliche Hermine im Kleid. Und wie aus dem sonderlichen Brehm und der wilden Tierlandfrau ein ungewöhnliches Liebespaar wird, wird nicht verraten.

Genug geschwärmt von diesem Funkenfeuer der Phantasie! Ich empfehle es.

ROSWITHA HOFMANN, Kaufbeuren     email
Mai 2011

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Brehms Tierland


 

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