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Shay, Jonathan: Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust, Hamburg 1998.


Der erste Kriegsberichterstatter, Homer, beschrieb bereits, was sich in Vietnam in vielfacher Weise erneut zutragen sollte: die schwere Traumatisierung der kämpfenden Soldaten, die sich einmal bei Achill im Trojanischen Krieg, tausendfach bei amerikanischen Soldaten in Vietnam ereignete und im "Berserkertum" ausdrückte. Shay findet alle Symptome, die er bei Vietnamveteranen ausmachte in Homers Ilias wieder, was er in überzeugender Weise darzustellen versteht. Wäre es nicht bereits ein Frevel, im ethischen Sinne von humanitärer Kriegführung zu sprechen, so wurden zumindest im Trojanischen Krieg nicht alle zwischenmenschlichen Zusammenhänge aufgelöst.

Shay, der mit schwersttraumatisierten Vietnamveteranen gearbeitet hat, ist nicht unbedingt ein Kriegsgegner. Damit sind seine Untersuchungen selbst für Verantwortliche in der Militäradministration nicht einfach vom Tisch zu fegen. Genauer: Er ist gegen den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln (von Clausewitz), eigentlich sogar durch die Arbeit politisiert und zielt auf die Abschaffung des Krieges. Er ist aber soweit Realist zu sehen, dass der Weg dorthin noch weit ist. Er zollt dem Soldaten Respekt, der seinen Kopf hinhält, oft im Glauben, für eine gute Sache zu kämpfen. Der Respekt vor dem Feind ist eine Haltung, die den Griechen noch selbstverständlich war. Erst mit dem Monotheismus, speziell dem Christentum, kam die Dehumanisierung des Feindes zum Tragen (exemplifiziert an der biblischen Geschichte von David und Goliath). Die Herabwürdigung des Menschen zum Getier öffnete den Weg, den entmenschlichten Anderen abzuschlachten, jeglichen Respekt vor dem Du einzubüßen - das schlägt jedoch auf einen selbst zurück und macht unfähig zur menschlichen Gemeinschaft. Für den Vietnamveteranen ist der Feind überall.

Die Arbeit mit ehemaligen Kämpfern ist schwer, zumal dann, wenn sie nicht nur Opfer, sondern - wie meist - auch Täter sind. Aber jeder kann zum Täter werden unter derart extremen Bedingungen. Seit dem Millgrim-Experiment wissen wir, dass schon unter weniger extremen Bedingungen Täter entstehen.

Diagnostisch wurden Vietnamveteranen, wenn sie nicht einfach in Gefängnissen landeten, als Schizophrene oder Manisch-Depressive eingeordnet. Erst ab Mitte der achtziger Jahre wurde vermehrt die Diagnose posttraumatische Persönlichkeitsstörung (PTSD = post-traumatic stress disorder) gestellt und angemessenere Behandlungsmöglichkeiten wurden gesucht.

Selbst wer nicht mit Kriegsteilnehmern arbeitet kann hier viel über die Folgen von Dauerstreß unter lebensbedrohlichen Verhältnissen lernen, wie sie uns etwa in der psychotherapeutischen Praxis bei manchen schwersttraumatisierten Inzestopfern begegnen. Zentral ist die grundlegende Zerstörung des zwischenmenschlichen Vertrauens durch den Verrat "an dem, was recht ist". Das heißt auch Kriegszustand in der Familie, die eigentlich Geborgenheit geben soll. Verrat oft durch die Mutter, die Shay hier mit der Armee gleichsetzt, da die Abhängigkeit des modernen Soldaten unter versorgerischem und fürsorgerischem Gesichtspunkt der eines Kleinkindes entspricht. Die Parallelen gehen noch weiter. Etwa hinsichtlich der Industrialisierung des menschlichen "Materials"; die Verunmöglichung der Trauer durch gesellschaftliche Verleugnung; die Isolierung und Vereinzelung; die Verdrehung der Schuldfrage. Lediglich zum Berserker wird meist nur der Soldat - die Suizidalität hat viele Gesichter. Natürlich kann das hier vermittelte Wissen missbraucht werden. Totalitäre Systeme erzeugen damit "effektive" Folterer. Ironischerweise verlieren gerade die "Verteidiger der Demokratie", zu denen u.a. die Vietnamsoldaten erklärt wurden, die wichtigsten Fähigkeiten für demokratische Prozesse: Die Fähigkeit zum kritischen Diskurs, der u.a. auf der Sicherheit gründet, bei einer politischen Auseinandersetzung nicht einfach getötet zu werden; Gestaltung der Zukunft; Teilnahme an politischen, öffentlichen Veranstaltungen; Vertrauen in Worte.

Dieses Wissen kann natürlich ebenso zur Heilung und Linderung verwand werden, wo diese möglich ist. Vor allem auch zur Stärkung der Vision: Abschaffung kriegerischer Auseinandersetzung. Ächtung jeder Form von Geschäften mit dem Tod. Immerhin wurde auch die Sklaverei formal-öffentlich abgeschafft, die noch vor 150 Jahren als selbstverständlich angesehen wurde.


Dipl.-Psych. B.Kuck, Bonn, Januar 2001

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Achill in Vietnam.


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