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Schmitt, Eric-Emmanuel: Adolf H. Zwei Leben. Roman, Fischer Verlag, Frankfurt/M 2010


Die Idee an sich ist schon faszinierend: Hätte aus dem jungen Adolf Hitler ein anderer werden können? Voraussetzungen, diese Überlegung überhaupt zuzulassen, sind da gleich mehrere. Zunächst gilt es, Hitler zu entdämonisieren, ihn nicht als Ungeheuer darzustellen, sondern ihm das Menschliche zu lassen. Erst so wird ein Verstehen überhaupt möglich, rückt diesen Menschen aber beängstigend in die Nähe der Zeitgenossen, des Lesers und damit jedes Menschen, der sich solcher Taten nicht fähig erachtet. Hier können wir wieder einmal Goethe bemühen, der von sich gesagt hat, es gäbe kein Verbrechen, dass er nicht in der Vorstellung schon selbst begangen hätte. Verstehen heißt deshalb noch lange nicht: akzeptieren, lange nicht: gutheißen. Verstehen ist die Voraussetzung dazu, nicht einfach blind selbst hinein zu tappen. Verstehen heißt auch, die Betrachtung der Abgründe in der eigenen Seele nicht scheuen. Mit der Verleugnung beginnt die Wiederholung, und was wir nicht verstanden haben in der eigenen Geschichte, sind wir gezwungen zu wiederholen - individuell und kollektiv. Wo es an Verstehen mangelt, wo die Verdrängungen und Verleugnungen, auch Verleugnung von Schuldgefühlen, an der Tagesordnung sind, da wird schnell gut Gemeintes zu neuem Unheil. So schreibt der Autor in seinem Arbeitsjournal, welches dem Roman als Anhang beigegeben ist:

“Eiskalte Ironie der Geschichte: Es bedurfte nach dem Krieg der Erschütterung der Weltöffentlichkeit durch die Entdeckung der Schlächtereien, damit der seit langem geforderte Staat Israel geschaffen wurde. Ohne Hitler kein Israel. Hitler war der Katalysator des Zionismus. Eiskalt läuft es mir den Rücken herunter...
Und ich werde den Gedanken nicht los, ohne Hitler und die durch das Grauen ausgelösten Emotionen hätte man nicht in Palästina mit solcher Hast und mit soviel Mißachtung der dort ansässigen Bevolkerung Israel aufgebaut.”

Zwei Lebensläufe - oder unterschiedliche Ausgänge eines Lebensverlaufes, der Stellungsnahme des Idividuums zum ihm im Leben Begegnenenden. Schmitt siedelt die Zäsur in der Kunstakademie in München an. Das eine Mal scheitert Hitler zum zweiten Mal und wird nicht aufgenommen. Adolf H. hingegen wird angenommen und beginnt eine künstlerische Ausbildung.
In der Tiefenpsychologie sprechen wir von Schwellensituationen im Leben eines Menschen und seine Antwort darauf. Schmitt nimmt weitere Stationen im jungen Leben des Adolf Hitler und des Adolf H. hinzu, die ihnen gleichsam gemeinsam begegnen, mit denen sie jedoch grundverschieden umgehen. Schmitt hält diesen Ansatz überzeugend durch. Dabei entsteht nicht der Eindruck, der Hitlerismus sei allein ein persönliches, ein individuelles Phänomen. Natürlich müssen Zeitgeist, gesamtgesellschaftliche Situation und auch weltpolitische Konstellation sich zu einem äußerst problematischen Gemisch zusammen fügen. Aber auch das individuelle Leben ist nicht einfach Schicksal, sondern wird mitgestaltet.

Daher ist es nicht einfach amüsant, wenn Schmitt den jungen Adolf H., der an seinem Ungeschick gegenüber Frauen und in der Sexualität leidet - eine wichtige Voraussetzung für Veränderung -, Freud begegnen lässt. Dies ist ein Plädoyer für die Erforschung des eigenen Inneren, dafür, sich den Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten zu stellen, um sie überwinden zu können. Adolf Hitler verleugnet seine Probleme, deutet sie um, macht sie in Manier der schwer gestörten narzisstischen Persönlichkeit zur Unfähigkeit der anderen, seine Größe zu erkennen. Adolf H. leidet an seinen Unzulänglichkeiten, sucht sie zu ergründen und zu überwinden.
Zugegeben ist es idealtypisch, denn es gelingt Adolf H. Die Garantie, dass eine Psychoanalyse die Persönlichkeit auf neue Wege führt, gibt es nicht. Sie ist und bleibt aber eine großartige Möglichkeit, Selbsterkenntnis zu erlangen und Engen und Schädigungen der Person zu weiten und zu überwinden. Das ist durchaus etwas anderes als Symptome zu kurieren.

Dies setzt allerdings dem Grunde nach eine philosophische Haltung voraus. Im Roman scheint der Autor implizit dem psychoanalytischen Ansatz der Selbsterkenntnis zu folgen und dem existenzphilosophischen Ansatz, auf die Geworfenheit des Menschen einen Entwurf als aktive Antwort zu entwickeln. Im Arbeitsjournal heißt es dazu:

“ Die Überlegung eines Lektors von Albin Michel weist meiner Entscheidung [für den Titel des Romans, BK] die Richtung. Er fragt sich, und das darf er natürlich, ob die Erarbeitung des virtuellen Hitler nicht von völliger Willkür geleitet wird.
Vom ersten Tag an antworte ich auf diese Frage, und mein gesamtes Buch besteht in dieser Antwort. Da ist keinerlei Willkür, sondern ein philosophisches Prinzip und eine ethische Absicht: Ich arbeite an einem antagonistischen Doppelporträt. Adolf H. sucht sich zu verstehen, während der echte Hitler nichts von sich weiß. Adolf H. erkennt die Existenz von Problemen in sich an, während Hitler sie begräbt. Adolf H. heilt sich und öffnet sich den anderen, während Hitler in seiner Neurose versinkt und jede menschliche Beziehung kappt. Adolf H. stellt sich der Realität, während Hitler sie leugnet, sobald sie seinen Wünschen entgegensteht. Adolf H. erlernt Demut, während Hitler »der Führer« wird, ein lebender Gott. Adolf H. öffnet sich der Welt, Hitler zerstört sie, um sie wieder in Ordnung zu bringen.”

Schmitt räumt mit einigen Irrtümern auf, die ihm in der Literatur zu Adolf Hitler begegnet sind. Die These vom jüdischen Großvater Hitlers sei wissenschaftlich nicht haltbar, jedoch von der Idee getragen, dass der Holokaust im Grunde Brudermord war. Wenn ich im anderen das Humanum töte, dann töte ich mich im Grunde selbst. “Jeder Genozid ist Humanozid. Im Grunde ist jeder Mord Selbstmord.”
Hitler war nicht von Anbeginn Antisemit, selbst wenn er dies in "Mein Kampf" glauben machen wollte. Er wurde erst nach 1918 zum Antisemiten, als er einfache und zugleich dümmliche Erklärungen für seine sinnlosen vier Jahre im Schützengraben suchte.
Hitlers Sexualität war nicht pervers. Damit würde man ihn wieder als den Anders- und Abartigen darstellen. Schmitt kann deutlich machen, dass man ein Individuum nicht versteht, wenn man seine Sexualität nicht verstehend einbezieht. Das heißt nicht - wie die orthodoxe Psychoanalyse - alles auf des Libidoschicksal zu reduzieren. Sexualität ist jedoch Ausdruck der Beziehung zum anderen und zu sich selbst. Schmitt unterscheidet eine altruistische Sexualität von einer egozentrischen. Erstere sucht im Gegenüber den anderen zu ergründen, zu verstehen und so seine Lust zu steigern, also wirklich mit ihm in Beziehung zu treten, sich ihm gegenüber zu öffnen. Letztere sieht im anderen nur das Objekt zur Befriedigung, er bedient sich des anderen, bleibt letztlich verschlossen und ohne Beziehung. Hitler hatte so gut wie kein Geschlechtsleben (über seine Onaniepraktiken wissen wir nichts), auf jeden Fall eines ohne Partner (was auch homoerotische Beziehungen ausschließt). “Er begnügt sich damit, die Menge zu begatten. Ich sollte einen Text über die Sublimierung seines gescheiterten Sexuallebens in seinem Leben als Redner schreiben.”

Ein sehr lesenswerter Roman, psychologisch stimmig und lehrreich. Historisch ist der Text zu Adolf Hitler wohl auch korrekt. Nicht ganz stimmig finde ich, dass die jüdischen Eltern der zweiten Frau von Adolf H. anscheinend in Berlin nach der Nazizeit eines natürlichen Todes sterben, auch dass seine Frau anscheinend unbehelligt in Berlin weiter ihre Parfüms herstellen kann und auch dass Adolf H. selbst unbehelligt blieb, obwohl er in einer sogenannten "Mischehe" lebte. Die Tagebücher von Victor Klemperer sprechen da eine andere Sprache.

Bernd Kuck, Bonn Dezember 2010     email

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