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Franz Ruppert: Verwirrte Seelen, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 2007


Die Ordnungen der Seele als Ausdruck einer totalitären Psychologie

Franz Ruppert ist Psychologieprofessor an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München und bildet dort Sozialarbeiterinnen aus. Er gehört zu den Schülern und Verehrern von Bert Hellinger, der für seine so genannten Familienaufstellungen bekannt geworden ist. Ruppert unternimmt in seinem neuesten Buch den Versuch, Menschen mit schweren und schwersten psychischen Problemen verstehen zu wollen. Er behauptet, zur Erstellung des Buchs seien „Inspiration, Kraft und Mut" (35) nötig gewesen. Seine Energien dazu ziehe er aus seinem „Lebensschicksal, meiner Verstrickung in meine Herkunftsfamilie und der Auseinandersetzung mit meinem persönlichen seelischen Trauma" (37). Da Ruppert sich in seinem Buch mehr als zwanzig mal - zum Teil sehr ausführlich - auf die Heilslehre Bert Hellingers und dessen Familienaufstellungen bezieht, ist davon auszugehen, dass Rupperts „Heilung" im Rahmen einer Hellinger-Aufstellung seinen Anfang nahm. Und die banale „theoretische" Einsicht Rupperts, sein Traum und alle psychischen Traumata „werden letztlich nur durch Liebe geheilt" (ebd.), ist nichts anderes als ein Leitspruch Bert Hellingers. Das Neue an Rupperts Buch ist - im Gegensatz zu den Ausführungen seines Lehrers -‚ dass er erstens versucht, seine in und mit Aufstellungen gemachten Erfahrungen in eine Theorie psychischer Störungen und ihrer „Heilung" umzuarbeiten und zweitens in diesem Rahmen eine eindeutige Erklärung für die Verursachung psychischer Störungen gibt.

Rupperts Anspruch, wissenschaftlich zu arbeiten, soll in dieser Studie ebenso untersucht werden wie die impliziten ideologischen Grundannahmen seiner von ihm so bezeichneten "Psychotraumatologie".

1. Wissenschaftliche Haltung

Die in der allgemeinen psychologischen Wissenschaft geltenden Erklärungsmodelle für Rupperts Erkenntnisobjekt "seelische Verwirrung" sind für diesen "nüchtern und trocken" (12). Mit dieser Einschätzung benennt er in alltagssprachlicher Manier den Umstand, dass weder deduktiv-nomologische Erklärungsweisen (Kausalerklärungen, Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge etc.) noch probabilistische Erklärungsweisen (statistische Erklärung mit Wahrscheinlichkeitsaussagen) in der Lage sind, subjektiv erfahrenes seelisches Leiden sowohl in seiner Entstehung als auch in seiner "Systemhaftigkeit" verstehen und erklären zu können (vgl. Ahrens 2002). Damit wären zwei entscheidende Prinzipien beim Erforschen des Psychischen genannt, die von der Mainstream-Psychologie tatsächlich weitgehend ausgeklammert werden: einerseits das historische Vorgehen bei der Erklärung psychischer Probleme und andererseits die Bezugnahme auf das, was Wygotski die "soziale Entwicklungssituation" (1987, S.75) eines Menschen nennt, was in der klinischen Psychologie als Situiertheit und in der Sozialpsychologie als Gesellschaftlichkeit menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns benannt wird. Zurecht sieht Ruppert die medizinisch orientierte Psychiatrie als Institution, die nur selten in der Lage ist, die psychischen Probleme derjenigen, die psychiatrische Hilfe beanspruchen, zu meistern. Interessanterweise streift Ruppert die anti-, sozial- und gemeindepsychiatrischen Versuche, die Institution Psychiatrie ebenso zu verändern wie den Blick auf psychisch kranke Menschen, nur kurz:

"Angesichts der Flachheit der medizinischen Theorien auf dem Gebiet der »endogenen Psychosen« fällt es nicht schwer, antipsychiatrisch zu argumentieren. Die Kritik an der medizinisch dominierten Psychiatrie in den vergangenen 50 Jahren ist international und fundiert, und es fehlt nicht an Forderungen, das gesamte psychiatrische Versorgungssystem grundlegend zu verändern" (13).

Doch, so Ruppert weiter, die demokratischen Gesellschaften hätten sich damit abgefunden, psychisch Kranke ruhig zu stellen und zu verwahren, sie aber nicht zu heilen. Zudem wären auch kritische Ansätze nicht in der Lage (er nennt psychoanalytische und gemeindepsychiatrische Autoren), den psychisch Kranken „ihren Wahn zu nehmen" (14) und das Rätsel des Wahns zu erklären. Es ist nicht erstaunlich, dass Ruppert die seit Jahrhunderten unternommenen psychiatrischen Versuche, Psychosen zu erklären und sie zu therapieren, als „Misserfolge" (12) und krankmachend (13) beschreibt. Erstaunlicher ist, dass er die antipsychiatrischen Versuche, psychisch kranke Menschen in ihrer Gewordenheit und Einzigartigkeit zu verstehen, als „gutmeinende Parteinahme für die seelisch Leidenden" (14) verharmlost und ihnen unterstellt, sie hätten theoretisch nur Begrifflichkeiten anzubieten wie „»abweichendes Verhalten«, »Benachteiligung« oder »Stress«" (ebd.), welche keinesfalls adäquat seien, „um die Entstehungsgründe von Verfolgungswahn und Manie wirklich zu begreifen" (ebd.). Zu dieser vorsätzlichen falschen Darstellung antipsychiatrischer Konzepte und Begriffe gehört auch Rupperts Ignoranz gegenüber psychoanalytischen (z.B. Loch 1999), sozialpsychiatrischen (Wulff 2003; Pfefferer-Wolf 1999) und gemeindepsychologischen sowie -psychiatrischen (zusammenfassend Thom/Wulff 1990) Ansätzen, die durchaus erfolgreich daran beteiligt waren und sind, dass Menschen mit psychischen Problemen heute weniger hospitalisiert und diskriminiert werden und beginnen, die eigenen Probleme selbstverantwortlich und kooperativ zu meistern.

Der Angriff auf die medizinisch orientierte Psychiatrie ebenso wie auf alternative Ansätze beinhaltet den Vorwurf, diese würden keine Heilung bewirken. Was die sozial- und gemeindepsychiatrischen Theorien und Praxiskonzepte betrifft, so hat Ruppert sicher recht: Heilung in seinem paternalistischen Sinne ist deren Anliegen nicht; vielmehr kommt es ihnen auf die Begleitung verwirrter Menschen an, die im besten Falle dazu führen kann, dass diese die Hintergründe und die biografischen Anlässe ihrer Verwirrungen besser verstehen lernen, um ihnen nicht mehr weiterhin ausgeliefert zu sein. Die Größenfantasie Rupperts, den psychisch Kranken ihren Wahn nehmen zu können, teilt dieser aber ebenso mit Ansätzen pharmakotherapeutischer Psychiater wie deren Glauben daran zu wissen, wie der Wahn sicher und eindeutig erklärt werden kann1.
Stellt sich die Frage danach, welche wissenschaftliche Erklärung Ruppert für psychische Störungen hat und wie er behaupten kann, durch seine Art therapeutischen Handels könne man Betroffenen so helfen, „dass sich die seelische Verwirrung in ihnen und in ihrem Familiensystem so weit auflöst, dass sie wieder ein normales Leben führen können" (466), was Ruppert als Heilung bezeichnet.

Die Aussagen Rupperts zur Erklärung psychischer Störungen basieren, das betont er des Öfteren in seinem Buch (33/58/60), auf eigenen Erfahrungen und nicht etwa auf wissenschaftlichen Verfahren, diese Erfahrungen auszuwerten. Von Individuen gemachte Erfahrungen sind für theoretische Behauptungen kein Beleg. Morus Markard (1999) zeigt auf, dass Erfahrungen zum einen „im Medium gesellschaftlicher Denkformen gemacht werden" (S.8) und damit auch vermittelbar, diskutierbar und bestreitbar sind. Zum anderen sind Erfahrungen immer Erfahrungen, die wir in gesellschaftlichen Situationen und Bezügen machen. Da aber diese gesellschaftlichen Strukturen in die Erfahrungsweisen eingehen, sind sie lediglich „in theoretischer Reflexion zu begreifen" (ebd.):

„Erfahrungen, die nicht auf solche unanschaulichen, gleichwohl strukturierenden Momente hin analysiert werden, werden unvollständig oder »schief« analysiert" (ebd.).

Ruppert dagegen behauptet, Erfahrungen würden einen außer ihnen liegenden Sachverhalt beweisen können, ohne dass er die Situationen, in denen er oder andere Erfahrungen machen, einer Reflexion unterziehen würde. Am Prägnantesten wird dies in seiner Behauptung, Familienaufstellungen seien für die Psychologie das, was für die Naturwissenschaften das Mikroskop sei:

„Sie machen etwas sichtbar, was wir mit dem bloßen Auge nicht sehen können. Sie erschließen eine verborgene Welt. Sie öffnen einen Zugang für ein vertieftes Verständnis. Sie vervielfachen die therapeutischen Handlungsmöglichkeiten um Zehnerpotenzen" (289)

Ruppert ist davon überzeugt, die Methode der Familienaufstellung nach Hellinger könne „schwerste seelische Konflikte transparent machen" (290) und empirische Studien würden nachweisen, dass sich Symptome und subjektive Befindlichkeit nach Familienaufstellungen verbesserten. Gerade Rupperts Beispiel des Mikroskops ist der beste Beleg dafür, dass Familienaufstellungen weder objektiv die Ursachen für psychische Krankheiten erklären können noch empirisch abgesichert einen Heilungsprozess initiieren. Ein Mikroskop ist ein Messinstrument, das durch seine Art und Weise, wie es zu dem Gemessenen ins Verhältnis gesetzt wird, bereits das Beobachtungsergebnis strukturiert: „Messen ist ein theoriegeleiteter, modellabhängiger Eingriff in ein System... - die Methode verändert den Gegenstand, beide sind nicht voneinander unabhängig" (LdP 2001, S.57). Diese im Lexikon der Psychologie als Heisenbergsche Unschärferelation formulierte Problematik bei Messungen ignoriert Ruppert, wenn er nicht reflektiert, dass Familienaufstellungen als Methode sowohl die Erfahrungen der Teilnehmer dieser Aufstellungen strukturieren als auch die theoretisch daraus gewonnenen Aussagen mitbedingen.

Kritik an der Art von Familienaufstellung, wie sie Ruppert praktiziert, kommt deshalb auch von der „Systemischen Gesellschaft", die sich als Fachverband der systemisch tätigen Psychologlnnen und Therapeutlnnen versteht:

„In letzter Zeit hat sich ... eine »Kultur von Aufstellungsarbeit« etabliert, die sehr kritisch zu bewerten ist. Diese Art der Praxis lässt sich in weiten Teilen nicht mit den Grundsätzen systemischer Therapie vereinbaren, vor allem dann, wenn sie in anonymen Großveranstaltungen durchgeführt wird und nicht getragen ist von Kontakt und persönlicher Beziehung. ... Als einer der führenden Verbände für systemische Psychotherapie distanzieren wir uns von dieser Kultur der Aufstellungsarbeit, in der unter Ablehnung persönlicher Verantwortlichkeit für mögliche Folgen und ohne jegliche Form der Qualitätssicherung und Kontrolle (z.B. durch Supervision) Menschen einer Art von »Heilungsarbeit« ausgesetzt werden, bei der unrealistische Hoffnungen geschürt werden und ... extrem vereinfachende Zusammenhänge vermittelt werden. ... Gerade diese Praxis, in der Ratsuchende mit »der Wahrheit« konfrontiert werden, einer Wahrheit, die von der diese beschreibenden Person abgelöst ist und absolut gesetzt wird, hat mit systemischer Therapie, wie sie von der Systemischen Gesellschaft vertreten wird, nichts zu tun" (Stellungnahme 2002).

Doch solche Kritik tut Ruppert mit Bezug auf selbst gemachte Erfahrungen ab, die sich die Kritiker weigern würden zu machen und behauptet - ohne jegliche Reflexion -‚ in seinen Aufstellungen sei für diejenigen, die Augen und Ohren nicht verschließen würden, die Wirklichkeit zu erfahren (290). Für ihn würden letztlich die „zahlreichen positiven Rückmeldungen" (290) von PatientInnen, „welche die heilende Wirkung von Aufstellungen allgemein für ihre seelische Gesundheit an sich selbst erlebten" (ebd.), zählen.2

Wenn nur noch das Befinden derjenigen, die sich positiv zu einer Therapie äußern, ausschlaggebend für die Anerkennung einer Methode ist, dann ist jede Kritik sinn- und grundlos. Außerhalb dieser Logik ist nur festzustellen, dass diese Argumentationsweise für Sekten typisch ist: Kritik wird mit dem Argument zurückgewiesen, die Mitglieder der Sekte seien alle zufrieden und ihnen gehe es blendend. Nur wer selbst die Erfahrung mache (und nicht wieder ausscheide), der könne über den Inhalt der Gruppe auch vernünftig reden. Alle anderen, die sich weigerten, solche Erfahrungen zu machen, seien Nörgler, linke Spinner etc.

Ruppert geht in seinen Aufstellungen jedoch nicht nur soweit, mehr als 50 Personen teilnehmen zu lassen und ohne kritische Reflexion der Aufstellung seine „workshops" zu beenden; er stellt neben Personen auch „abstrakte seelische Größen" (291) wie Ängste, Süchte oder auch „Neurodermitis" (ebd.) auf. Darüber hinaus berichtet Ruppert von Aufstellungen, bei denen er die gesamte Familie Adolf Hitlers aufstellen ließ (413/414). Bei seiner „therapeutischen" Arbeit mit Ludwig, einem unter Druck stehendem Menschen, lässt Ruppert die Familie Ludwigs und den vom Onkel erschossenen Juden aufstellen. Ohne sich auch nur seines Zynismus' bewusst zu werden, schreibt Ruppert über das „erfahrene" Verhältnis der aufgestellten Personen zueinander:

„Die Fronten zwischen dem ermordeten jüdischen Besitzer der Hofstelle und Ludwigs Onkel und seinem Vater waren völlig verhärtet" (347).

Ludwigs „Heilung" kam nun nicht dadurch zustande, dass er sich mit der Wut, dem Hass und der Scham beschäftigte, die er empfand, als er erfuhr, wie seine engsten Verwandten sich an der Vernichtung der Juden beteiligten und sich daran auch bereicherten. Die Heilung Ludwigs kam zustande, weil Ruppert die Idee hatte, Adolf Hitler und das deutsche Volk aufzustellen und Ruppert „jemand aus Ludwigs Familie aufforderte, sich vor dem persönlichen Schicksal Adolf Hitlers zu verneigen. Dadurch löste sich die unversöhnliche Konfrontation zwischen Adolf Hitler und dem jüdischen Mann auf" (348), anschließend verneigte sich das deutsche Volk noch vor dem Schicksal des Juden. Ludwig verneigte sich dann vor seinem Mörderonkel und seinem Vater und „konnte dann auch dem jüdischen Mann mit Liebe in die Augen blicken" (ebd.).
Die erleichternde Erfahrung Ludwigs in dieser von Ruppert geleiteten Aufstellung kommt, das ist nahe liegend, dadurch zustande, dass Ludwig jegliche Auseinandersetzung emotionaler und kognitiver Art mit seinen verbrecherischen Verwandten erspart wird: Hitler ist der Schuldige und er tut einem aber leid, also verneigt man sich vor seinem schweren Schicksal. Dann (man beachte die Reihenfolge) verneigt sich das deutsche Volk vor dem Juden und entlastet sich (und damit auch Ludwig) von der Beteiligung am Judenmord. Zuletzt wird die Versöhnung zwischen Ludwig und seinem Vater und Onkel inszeniert und der Jude kann nun mit Liebe angeblickt werden. Die Aufstellung induziert genau diejenigen Gefühle, die Ludwig dann auch loswerden will und kann. Wenn es ihm besser geht, ist das lediglich ein Beleg dafür, dass die inszenierte Spannung der Aufstellung durch Ruppert aufgelöst wurde und diese Entspannung als „Lösung" von Ludwigs Lebensproblematik dargestellt wird.

2. Seelen-Ordnungen

Das Menschen- und Familienbild, das Ruppert in seinem Buch präsentiert, ist eng an die Theorie Bert Hellingers angelehnt, die sich durch ein rigides Ordnungssystem, eine klare Rollenverteilung in Subsystemen (Familie, Sippe, Nation, Volk etc.) auszeichnet und Krankheiten damit erklärt, dass Personen diese „Ordnungen der Liebe", verlassen. Am Beispiel der Geschlechterverhältnisse in Familien wird so ein reaktionäres Rollenklischee zur Grundlage „gesunder" Familienseelen. Die Ordnung zwischen Mann und Frau sei biologisch vorgegeben und zwar folgendermaßen: Männer seien wegen der in ihnen liegenden „gewaltigen Naturkraft" (113) der Sexualität, die sie in den Dienst nehme, „ob wir es wollen oder nicht" (ebd.), „von Natur aus nicht auf eine feste Partnerbindung angelegt" (114): „Die männliche Sexualität ist ihrer Natur nach auf eine hohe Paarungsfrequenz ausgerichtet, die weibliche auf eine selektive Auswahl von Geschlechtspartnern. Die männliche Sexualität hat ihre Aufgabe durch die Zeugung im Prinzip erfüllt" (113/114), Männer wollen einzig „ihre Befriedigung im Sexualakt" (114). Frauen dagegen, denen die Aufgabe zufalle, „den Nachwuchs in sich heranwachsen zu lassen, ihn zu gebären und weiterzuversorgen", hätten aus dieser biologischen Festlegung heraus eine höher entwickelte Fähigkeit zu Bindungen an andere Lebewesen. Diese Behauptung wird durch die völlig unbewiesene These des Göttinger Neurobiologen Hüther unterstützt, es komme während der Geburt zur Ausschüttung von Hormonen, die im Gehirn der Mutter „bestimmte Nervenzell-Netzwerke" (70) aktivieren würden, „welche den Prozess der frühen Bindung unterstützen und festigen" (ebd.).
Paare seien also „von Natur aus für das Ziel der Arterhaltung in den Dienst genommen" (75) und hätten diesen Ordnungsauftrag auch bedingungslos zu erfüllen. Und selbst wenn, wie Ruppert schreibt, „aus einer Vergewaltigung ein Kind entsteht" (75), also der Mann der Frau „Gewalt angetan hat" (73), dann sei es trotzdem Aufgabe der Frau, den biologischen Vater nicht zu verachten, sondern ihm Anerkennung und Liebe entgegenzubringen: „Je mehr die Mutter den abwesenden Vater des Kindes jedoch liebt und achtet, desto stärker wirkt dieser Seelenanteil von ihr auch in die Seele des Kindes hinein" (72/73). Falls sie das nicht tut, „wertet sie die väterlichen Seelenanteile im Kind ab und schwächt das Kind und seine seelische Kraft. Das Kind fühlt sich dann grundsätzlich defizitär" (73). Und dies wiederum würde dazu führen, dass aus Kindern später „verwirrte Seelen" werden, weil die Familienseele gestört sei.
Die Seelen-Ordnungen, die Ruppert konzipiert, sind reaktionär, autoritär und ausgrenzend. Denn Aufgabe der Familienseele (wie auch der Sippenseele und der Volksseele etc.) sei es, das „Nicht-Dazugehörende abzugrenzen" (64) und Getrenntes zu verbinden. Verstoßen die Individuen gegen die Regeln der Zugehörigkeit zur Familie, zur Sippe oder zur Nation, so führe dies zu schwersten Störungen, die wiederum in Gewalt, Kriegen, Kreuzzügen und Terror endeten. Dass mit solcherart „Theorie" gesellschaftliche Verhältnisse - die mit dazu beitragen, dass Menschen psychisch krank werden - gerechtfertigt werden, ist einer der Skandale dieses Buchs. Ein weiterer ist die Art und Weise, wie Ruppert seine Theorie der gestörten Familienbindungen „beweist".

Mit ideologietheoretischen Überlegungen lässt sich die Art und Weise, wie Ruppert seine Theorie begründet, als totalitäres Zirkelsystem bezeichnen. Als System funktioniert es aufgrund des Mechanismus' der nachträglichen Vorhersage. Die nachträgliche Vorhersage ist alltagssprachlich bspw. gefasst in dem Satz: „Dass er einen schwachen Willen hat, sieht man ja darin, dass er es zu nichts gebracht hat".
Ein Beispiel aus Rupperts Buch zeigt, wie diese „nachträgliche Vorhersage" in seiner Argumentation funktioniert: Für Rupperts Konstruktion verschiedener „Seelen" (Familienseele, Sippenseele, Nationenseele etc.) ist es wichtig, dass die Seele nicht nur ein Terminus ist, der Vielfältiges (Geist, Psyche etc.) bezeichnen kann; für ihn ist es wichtig, dass es „Seele" wirklich gibt. Seine "Beweisführung" arbeitet folgendermaßen:

„Die Seele gibt es, weil Menschen in einem wechselseitigen Bezug seelische Prozesse fortlaufend erzeugen. Die Seele ist daher für jeden Menschen eine Erfahrungstatsache. Jeder Mensch erlebt seelische Vorgänge im Kontakt mit anderen" (60).

Das zu Beweisende (Explanandum) ist die Seele. Die gesetzesmäßige Aussage (Explanans), mit der sie bewiesen werden soll, darf sich nach aller wissenschaftlicher Redlichkeit nicht dadurch auszeichnen, dass das zu Beweisende darin schon vorkommt. Dies ist aber bei Rupperts Argumentation der Fall. Etwas klarer formuliert funktioniert seine Beweisführung folgendermaßen: „Die Seele gibt es, weil Menschen Seelen haben. Im Kontakt mit anderen Menschen erzeugen diese Seelen seelische Prozesse. Weil dies so ist, muss jeder Mensch davon überzeugt sein, dass das, was er mit anderen Menschen im Kontakt erfährt, seine Seele bzw. seine seelischen Prozesse sind". Diese tautologische Beweisführung ist deshalb nicht zu widerlegen, weil sie einen abgeschlossenen Zirkel darstellt. Man kann daran glauben oder nicht; insofern handelt es sich bei solcherart Aussagen um religiöse, nicht aber wissenschaftliche Konstrukte. Exakt auf die selbe Art und Weise „belegt" Ruppert mit verschiedenen Praxisbeispielen seine Trauma-Typologie: Ruppert schlägt zum Verständnis der seelischen Verwirrungen „vier Arten von Trauma" (130) vor, ohne auch nur ansatzweise zu erklären, wieso er diese vier und nicht etwa drei oder fünf Trauma-Arten nennt: „existenzielle Traumen, Verlusttraumen, Bindungstraumen, Bindungssystemtraumen" (ebd.). Diesen Trauma-Arten weist er jeweils gewisse Symptomgruppen zu: z.B. folgen aus existenziellen Traumata massive Ängste oder Zwangshandlungen etc., aus Bindungssystemtraumata Schizophrenien und Psychosen. Der zentrale Begriff in Rupperts Kategorisierung ist die „Seele", vor allem die „Familienseele". Die Störung dieser Familienseele durch Abtreibungen, Morde, Selbstmorde oder „untergeschobene Kinder" (178) zeitigt schreckliche Folgen und zwar für alle Angehörigen der Familienseele. So kommt es, dass in Rupperts Familienaufstellungen noch nach zwei oder drei Generationen Morde und Selbstmorde als Auslöser für eine psychische Krankheit erkannt werden können.

Kommen wir zurück zur Seele und folgen Franz Ruppert in seinem Glauben an die Seele. Anschließend an die Behauptung, die je individuelle Seele sei eine Erfahrungstatsache, wird der Seelenbegriff erweitert: Die Seele sei nicht nur etwas Individuelles, sondern sie sei auch „als etwas erfahrbar, das über den einzelnen Menschen hinausreicht" (61). Auch hier ist zu fragen: Wie belegt der Autor diese Behauptung? Und auch hier findet man den Trick der „nachträglichen Vorhersage": die Arbeit mit Familienaufstellungen sei es, die eine solche „Familienseele" (62) erfahrbar mache; man könne es „unmittelbar sehen und spüren, wie die Mitglieder einer Familie seelisch miteinander verbunden sind" (61). Doch auch diese „erfahrbare" Familienseele reicht bei weitem nicht aus, das zu beschreiben, was größere Verbände als die Familie erfahrbar werden lassen. Ruppert nennt dazu die Sippenseele, die Clanseele, die Stammesseele, die Volksseele und die Nationenseele.3

Der „letzte Schritt dieser Seelenentwicklung" (63) sei jedoch erst getan, wenn wir Menschen uns nicht mehr vorstellen, eine Seele zu haben, sondern als Tote Teile einer großen Seele sind, „in einer Seele sind" (zit. n. Hellinger/62):

„Damit bewegen wir uns in Bereichen, die dem Religiösen und Spirituellen zuzurechnen sind. Für die Lösung seelischer Konflikte ist die Hineinnahme auch dieser Dimension häufig unverzichtbar" (63).

Nachdem die Seele nun zu einer überirdischen Einheit geworden ist, wird sie im nächsten Schritt wieder verdinglicht und als handelnde Einheit konstruiert:

„Sie wächst und entfaltet sich durch schlimme Erfahrungen wird sie vorsichtig widersprüchliche Anforderungen können die Seele sogar in Verwirrung stürzen" (63/64).

Diese Umarbeitung der Seele zu einem handlungsfähigen Subjekt hat zur Folge, dass der Mensch als Subjekt sich gegenüber seinem Seelenleben hilflos und handlungsunfähig fühlen muss. Nicht er bestimmt, nicht er entscheidet über seine Handlungen; vielmehr gibt es in Rupperts Subjektkonstruktion Rahmenbedingungen und Ordnungen, die das Individuum eindeutig in seinen Handlungen festlegen. Die „Seele" ist dabei der Hebel, über den sich die Regeln und Ordnungen im Subjekt verankern. Die Seele „bewegt das, was sie umfasst, im Rahmen einer Ordnung" (62). Grundsätzlich geht es Ruppert darum zu beweisen, dass es Pflicht der Individuen sei, die Ordnungen, in die sie hineingeboren sind, anzunehmen, weil jedes Ausscheren aus diesen Ordnung zu „Verwirrungen" führe:

„Auch das, was nicht ist und gelebt wird, muss seelisch bewältigt und als besonderes Schicksal angenommen werden. Kinder zu haben ist in diesem Sinne ebenso etwas Schicksalhaftes wie die Tatsache, keine eigenen Kinder zu haben. Wer seinem Schicksal zustimmt, so wie es ist, und es nicht für besser oder schlechter als ein anderes Schicksal bewertet, ist frei, sein eigenes Leben zu verwirklichen" (186).

Mit dieser Propaganda zur Zustimmung zu den jeweiligen Verhältnissen, in denen Menschen leben und leiden, arbeitet Ruppert ideologisch an der Entmündigung von Subjekten und an der Herstellung von Individuen, die sich freiwillig den Verhältnissen, seien sie auch noch so ungerecht und menschenverachtend, unterordnen. Dass diese theoretische Haltung auch Folgen für die Darstellung des deutschen Faschismus - dem Ruppert ein besonderes Augenmerk widmet - hat, soll im Folgenden gezeigt werden.

Ruppert widmet in seinem Buch Adolf Hitler und der Erklärung dessen persönlichen Schicksals mehr als 30 Seiten. Eingebettet ist diese Psychologisierung und Individualisierung des deutschen Faschismus in verharmlosende und die Deutschen entschuldende Floskeln zur Nazi-Zeit. So reiht Ruppert umstandslos unter diejenigen, die durch „das menschenverachtende Regime Hitlers und seiner Helfershelfer" (252) verwirrt wurden, „Täter- wie Opferfamilien, in denen wir die Auswirkungen der schrecklichen Vergangenheit an den Verwirrtheitssymptomen der später Geborenen ablesen können" (ebd.).
In den Ordnungsplänen Hellingers ist die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft durch die Individuen nicht aufzulösen. Versuchen sie dies trotzdem, so habe das krankmachende Folgen. In einer Hellingerschen Familienaufstellung berichtete eine Jüdin, sie stamme aus einer Familie, deren Mitglieder deshalb überlebt hätten, weil sie sich christlich taufen lassen hatten. Diesen sinnvollen Überlebensakt des Vaters und der Großeltern der Frau sieht Hellinger lediglich unter dem Aspekt des Verlassens der jüdischen Schicksalsgemeinschaft: "Die Großeltern und der Vater haben sich taufen lassen, waren dann besonders gute Christen und haben damit die Schicksalsgemeinschaft, aus der sie kommen, verlassen. Das hat eine schlimme Wirkung" (Hellinger 2001, S.238). Auf diese schlimme Wirkung kommt auch Ruppert zu sprechen. Er weiß zu berichten, dass „Juden manchmal ihren Glauben und ihre Herkunft verleugnen" (254), dadurch deren Kinder eine „Zerrissenheit der eigenen Herkunft gegenüber" (ebd.) spüren und deshalb psychisch krank werden würden.
Was Hellinger wie Ruppert in ihren Ausführungen zum deutschen Faschismus und bei ihrer Darstellung der jüdischen Opfer betreiben, ist das, was als Missbrauch der Opfer bezeichnet werden kann. Der katholische Theologe Norbert Reck, der eine „Theologie nach Auschwitz" (1998) entwirft, besteht darauf, dass alle Erzählungen der überlebenden Opfer des Holocaust nicht zur Illustration „des eigenen Gedankens verkommen" (127) dürften: „Wichtig ist dabei, im Auge zu behalten, dass christliche Theologen, die ein Erbe der Täterschaft zu verantworten haben, nicht Aussagen der Opfer aufgreifen können, als wären sie ihr Besitz" (ebd.). Doch auch der scheinbar wissenschaftliche Umgang mit Opfer-Erzählungen wird von Reck kritisiert: „Die Analysen der Zeugnisse als »Texte«, etwa nach linguistischen, psychologischen oder theologischen Gesichtspunkten, die also mehr in den Zeugnissen finden wollen, als die Zeugen zu sagen intendieren, gehören in erster Linie zu den Umgangsweisen, die die Zeugen als Missbrauch empfinden" (ebd., S.131). Rücksichtslos und sie auf eine Stufe mit den Tätern stellend beutet Ruppert die Erfahrungen von Juden dafür aus, um seine Theorien der familiär bedingten Traumatisierungen sowie der Ordnungssysteme, deren Verlassen psychisch krank mache, zu stützen.
Mit der Objektivierung und Funktionalisierung der Opfer- Erfahrungen für die eigene Theorie und damit ihrem Missbrauch korrespondiert die permanente Entlastung der deutschen Täter. Fast durchweg schreibt Ruppert, wenn er den deutschen Faschismus thematisiert, über den „Zweiten Weltkrieg" (252) bzw. über „Kriegssituationen" (172). Damit liegt nahe, dass er in einem nächsten Schritt die Soldaten und deren Leiden besonders hervorhebt: „Kriegsfolgen sind die schwersten Traumafolgen. Selbst die Gruppe der Kriegsgewinner zahlt einen horrenden Preis an körperlichen, seelischen und wirtschaftlichen Schäden" (ebd.). Nicht nur, dass Ruppert über die Kategorie des Leids und der seelischen Verletzungen Opfer- und Täterhandlungen auf eine Stufe stellt4. Darüber hinaus „vergisst" er über seine Thematisierung des Kriegs diejenigen, die gar nicht im Kriegszustand mit dem Deutschen Reich standen: die Juden. Das von ihnen Erlittene, das in kohärenter Sprache kaum zu fassen ist, weil die Erlebnisse selbst keine Kohärenz aufweisen, wird von Ruppert schlicht und einfach übergangen. Diesem „Vergessen" der Überlebenden-Erfahrungen steht die Behauptung gegenüber, die deutschen Täter hätten schlimmeres erlebt als die Juden: die schwersten Traumafolgen.

3. Schluss

Ruppert behauptet von seiner vorgelegten Schrift, sie würde einerseits eine „zutreffende Theorie über die Entstehung von Verfolgungswahn, Manie und wahnhafter Depression" (16) entwickeln und „auf der Basis dieser Theorie [sei] ein gezieltes therapeutischen Handeln möglich" (466). Am erstaunlichsten jedoch ist für die Leserinnen, dass das „ungelöste Rätsel" (15), das „komplizierte Rätsel" (465), als welches Ruppert den „Wahnsinn" bezeichnet, eine „einfache Lösung" (466) hat:

„So dramatisch die Erscheinungsformen von Psychosen sind und so sehr sie die Betroffenen quälen und ihre Angehörigen belasten, so banal ist nach meiner Überzeugung ihre ursächliche Erklärung und Therapie" (ebd.).

Die Banalität und Einfachheit von Rupperts Erklärungsweisen ist nicht der Realität geschuldet, sondern lediglich seiner Konstruktion einer Realität, die weder Widersprüche noch komplexe Problemlagen kennt: Ruppert vereinfacht gesellschaftlich-individuelle Zusammenhänge und er verknüpft seine „theoretischen" Erkenntnisse mit spirituell anmutenden „höheren Prinzipien" (37), mit etwas „wesentlich Größerem" als dem Menschen (ebd.), mit „Energien und Kräften, die einen Menschen an die Welt binden" (45/46), mit der „Seele als überindividuelle[r] Größe" (61) sowie mit der von Hellinger postulierten „großen Seele" (447). Mehr als zwanzig Mal würdigt er Bert Hellinger als berühmtes Vorbild und Wegbereiter seiner eigenen Thesen. Die Selbststilisierung Rupperts als Entdecker einer grandiosen Einsicht (die, obwohl banal, anderen bisher nicht in den Sinn kam), die esoterischen und außerweltlichen Bezugspunkte seiner Theorie und sein Hang, Hellinger und seine Familienaufstellung zu glorifizieren, finden ihr Gegenüber in einem klaren Feindbild: dem kritischen Menschen. Dieser wird denunziert als einer, der „seine Augen und Ohren vor der Wirklichkeit, die sich hier [in der Aufstellungssituation] zeigt, verschließt und der sich weigert, selbst Erfahrungen mit Aufstellungen zu machen" (290). In Rupperts abgeschlossenem System existiert die Möglichkeit, negative Erfahrungen mit Aufstellungen zu machen, erst gar nicht. Die wissenschaftlich unhaltbare Vorstellung, die Qualität der Ruppertschen und Hellingerschen Familienaufstellungen ergäbe sich einzig und allein aus den positiven Reaktionen der Teilnehmerinnen, erinnert an den von Ruppert selbst beschriebenen

„Größenwahn: Dieser Subtypus gilt, wenn das zentrale Wahnthema in der Überzeugung besteht, über ein großes (aber unerkanntes) Talent oder eine Einsicht zu verfügen oder eine bedeutsame Entdeckung gemacht zu haben. Weniger häufig haben Betroffene den Wahn, zu einer prominenten Person in einer besonderen Beziehung zu stehen oder selbst eine prominente Person zu sein ....Größenwahn kann einen religiösen Inhalt haben (z.B. die Person glaubt, dass sie eine besondere Botschaft einer Gottheit erhalten hat" (28).

Die psychologische Theorie Rupperts und seine Methode lassen einen ihr gegenüber kritischen Menschen als wahnsinnig erscheinen, obwohl es seine Art totalitärer Psychologie ist, der ein Hauch von Wahn eignet: Die eigene einfache Erkenntnis wird als Wahrheit bezeichnet („Die Anerkennung der Wahrheit heilt den Wahn!" [466]), ihre Grundlage hat sie in der Erfahrung des Autors, die nicht weiter hinterfragbar ist, da sie rein subjektiver Art ist. Die Methode der Hellingerschen und Ruppertschen Familienaufstellung erzeugt jedoch exakt das, was von Ruppert als Wahrheit angepriesen wird: Familienaufstellungen legen gewisse Wahrnehmungsweisen, Denkweisen und Gefühle ihrer Teilnehmerinnen schon durch das Setting der Aufstellung nahe und produzieren damit Artefakte, die subjektiv als Lösung einer aufgestellten Familienkonstellation erlebt werden. Wer jedoch darauf hinweist, dass die Erzeugung von entlastenden Gefühlen und neuen Denkweisen mehr der Inszenierung einer Aufstellung geschuldet sind als der reflektierten und psychisch belastenden Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit, dem wird vorgeworfen, er diskreditiere die Erfahrungen unzähliger Menschen, denen schon geholfen werden konnte.

Ein weiterer Skandal ist es, dass Ruppert sich nicht scheut, historisch komplexe Zusammenhänge mit seinem Familienbindungsmodell erklären zu wollen. So stellt er Adolf Hitler als eine Person dar, dessen „menschliche Seele zerbrochen" sei und der auch wegen seiner Familiengeschichte ein „emotional völlig gestörter Außenseiter und Sonderling" gewesen sei. In seinem aktuellen Seminar an der Katholischen Stiftungsfachhochschule beschäftigt sich Ruppert mit Hitlers „Gefühlen" und behauptet in seinem Vorlesungsskript, wir müssten „Hitler annehmen, um von ihm frei zu werden". Sowohl diese Art psychologisierender und pathologisierender Erklärung eines komplexen historischen Phänomens als auch die Propagierung reaktionärer Ordnungsfeststellungen als Grundlage gesunder Bindungen zwischen Menschen zeigen, dass Ruppert eins vor allem nicht am Herzen liegt: Verständnis für Menschen, die Probleme in und mit ihrem Leben in dieser Gesellschaft haben.

1 Ähnlichkeit besteht zwischen Ruppert und den konservativen Psychiatern auch in der Auseinandersetzung mit den Gegnern. So schreibt Ruppert in einem Brief an mich, den er öffentlich an seiner Fachhochschule verteilte, mein sozialpsychologischer Ansatz, „Psychosen dadurch zu erklären, dass Menschen mit ihrem Leben Probleme in dieser Gesellschaft haben", diene lediglich der „Bestätigung Ihres eigenen linken Weltbilds", weil kein Beweis für meine These erbracht sei. Diese Behauptung verknüpft Ruppert mit der Androhung, Anzeige wegen Rufschädigung und Verleumdung zu erstat- ten, weil ich ihn öffentlich kritisiert habe. Auch seinen Kritikerinnen an der Stiftungsfachhochschule hat er mit Strafanzeigen gedroht.

2 Ruppert ist es bisher auch noch erlaubt, Aufstellungen nach Hellinger an der Katholischen Stiftungsfachhochschule im Rahmen seines Psychologieunterrichts durchzuführen. Gleichzeitig stellt ihm die Fachhochschule für fast alle seine Veranstaltungen Räume zur Verfügung. Die Veranstaltungen, bei denen z.T. mehr als 50 Personen an einer Aufstellung teilnehmen, sind für Studierende der Fachhochschule kostenlos. Im November 2002 hat Ruppert eine Lehrveranstaltung, bei der Anwesenheitspflicht bestand, im Rahmen eines privaten Workshops (der pro TeilnehmerIn zwischen 150 € und 200 € kostete) durchgeführt.

3Da Ruppert an einer katholischen Hochschule lehrt, ist es durchaus von Interesse, dass sein Seelenbegriff keineswegs mit der christlichen Verwendung desselben einhergeht: Im Alten Testament hat das hebräische Wort näfäsch, das an einigen Stellen mit Seele übersetzt wird, einen weitreichenden Bedeutungsgehalt, der sich immer auf konkrete Personen bezieht („Kehle", „Gurgel", „Leben", „Person"). Im Neuen Testament übernimmt das griechische psyche die Funktion des hebräischen Worts, es wird jedoch fast durchweg im alttestamentarischen Sinn verwendet. Die Seele ist das vom Schöpfer gegebene Leben (z.B. Mt 6,25; Röm 2,9). Die Möglichkeit einer vom Leib gelösten Seele, wie wir sie bei Ruppert und Hellinger finden, wird in den paulinischen Briefen massiv abgewehrt (Kor 5,6-8).

4Die Begrifflichkeit von „seelischen Traumata" oder „Leid" sind diejenigen Kategorien, mit denen Opfer und Täter des deutschen Faschismus unter der Hand auf eine Ebene gebracht werden. Solche Kategorien, so zeigt der Theologe Norbert Reck, arbeiten ohne Bezug zu den Zeugnissen der Opfer: „Die Frage, ob sich das Geschehen von Auschwitz von anderen leidträchtigen Ereignissen unterscheidet ...‚ ist in der Perspektive des Leids nicht enthalten, sie kann von ihr ausgehend nicht gestellt und als bedeutsam erkannt werden" (1998, S.30).

Ahrens, Hans-Joachim (2002). Wissenschaftliche Erklärung, in: Lexikon der Psychologie Bd.5, S.10111), Heidelberg/Berlin: Spektrum Verlag.
Hellinger, Bert (2001). Der Abschied. Nachkommen von Tätern und Opfern stellen ihre Familien. Heidelberg: Carl Auer.
LdP = Lexikon der Psychologie (2001). Bd.3, S.57, Stichwort „Messen", Heidelberg/Berlin: Spektrum Verlag.
Loch, Wolfgang (1999). Die Krankheitslehre der Psychoanalyse. Allgemeine und spezielle psychoanalytische Theorie der Neurosen, Psychosen und psychosomatischen Erkrankungen bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen. Leipzig: S. Hirzel Verlag.
Markard Morus (1999). Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Selbstbeobachtung als Aspekte des subjektiven Weltzugangs in der Kritischen Psychologie, Forum Kritische Psychologie 41, S.5- 11.
Pfefferer-Wolf, Hans (1999). Der sozialpsychiatrische Habitus. Umrisse einer Theorie der Sozialen Psychiatrie. Frankfurt/Main: Campus.
Reck, Norbert (1998). - Im Angesicht der Zeugen. Eine Theologie nach Auschwitz. Mainz: Mathias-Grünewald-Verlag.
Stellungnahme der Systemischen Gesellschaft zur Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger (2002). http://www.systemischegesellschaft.de/aktuell/stell.html
Thom, Achim & Wulff, Erich (1990). Psychiatrie im Wandel. Erfahrungen und Perspektiven in Ost und West. Bonn: Psychiatrie Verlag.
Wulff, Erich (2003). Wahnsinnslogik. Von der Verstehbarkeit schizophrener Erfahrung. Bonn: Psychiatrie Verlag
Wygotski, Lew (1987). Ausgewählte Schriften, Bd.2. Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Persönlichkeit. Köln: Pahl Rugenstein.

Prof. Klaus Weber      
2003

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