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Reiners, Holger: Das heimatlose Ich.  Aus der Depression zurück ins Leben, Kösel Verlag, München 2002, 192 Seiten


Depressionen als Chance zu begreifen erscheint dem, der in ihr steckt, nahezu als Zynismus. Der erfolgreiche Autor von über 20 Büchern zu Themen der Architektur weiß wovon er spricht, denn er kämpfte mit den Depressionen seit seinem 17. Lebensjahr. Viele Jahre hat es gedauert, bis er überhaupt zu einer adäquaten Behandlung fand. Aus dem eigenen Erleben, aus der Gewinnung seines Lebens, schildert hier ein Betroffener, welche Irrwege er durchlaufen musste, welchem Unverständnis er bei Laien aber auch bei Fachleuten begegnete. In dem Versuch, die Krankheit anderen verständlich zu machen, vergleicht er sie mit körperlichen Erkrankungen, die immer noch eine höhere Akzeptanz in der Gesellschaft erfahren. Wie der Titel schon nahe legt, ging es für ihn darum, eine Heimat für sein Ich zu finden, was vorrangig bedeutete, sich von Erwartungen anderer zu befreien. Die Psychoanalyse spricht vom tyrannischen Über-Ich, das u.a. den Niederschlag der Erwartungen wichtiger Bezugspersonen verkörpert, so etwa der Eltern. Und unser Auto beschreibt, wie alle im Grunde wussten, was für ihn gut sei, wie auch in verschiedenen Begegnungen mit professionellen „Helfern“ kaum eine wirkliche Begegnung mit dem Menschen stattfand. Erst die Kombination von Antidepressiva mit der verstehenden Begegnung mit einem analytisch orientierten Psychotherapeuten schaffte die Grundlage, aus dem Abgrund einen Ausweg zu finden, sich auf eigene Ressourcen zu besinnen und sie weiter zu entwickeln. „Therapeuten helfen – nicht Therapien!“ Hier wird eine Lanze gebrochen für das Wesentliche in der Therapie des Menschen: Annehmende und verstehende Beziehung. So konnte Herr Reiners den Mut fassen, seine eigene Antwort auf die Fragen des Lebens zu suchen und zu finden. Offenheit gegenüber allen ängstigenden Themen, besonders dem des immer präsenten Auswegs im „Freitod“ – schon den Begriff sieht der Autor zu recht als sehr problematisch an, weil es kaum je eine wirklich freie Wahl ist – gehören ebenso dazu, wie Sport und Geduld und Verständnis von Freunden und Liebespartnern. 

Es liegt hier ein Buch vor, das im Grundtenor optimistisch ist und Betroffenen Mut machen will, Angehörigen und Freunden das Dilemma begreiflich macht, in dem der an Depression Erkrankte steckt. Aber den „Professionellen“ auch den Spiegel vorhält, mitvollziehbar macht, dass es zwar wesentlich um die Aufgabe von Lebensillusionen geht, die sich zu einer Tyrannei der Solls (Karen Horney) verdichtet haben, dass es aber für die Therapeuten darum geht, wirklich im Einzelfall die Anstrengung zu  unternehmen herauszufinden, um welche Illusionen es geht. Ließt man dann noch das Buch von dem selbst betroffenen Psychiater Piet C. Kuiper (Seelenfinsternis, Ffm. 1991), dann versteht man das Ringen, das vom Patienten, wie auch vom Therapeuten aufgebracht werden muss, um endlich der zwischenmenschlichen Begegnung Raum zu geben.

Bernd Kuck   
Bonn, Januar 2003

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Das heimatlose Ich. 
Aus der Depression zurück ins Leben.


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