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Rattner, Josef/Danzer, Gerhard: Selbstverwirklichung. Seelische Hygiene und Sinnsuche im Dasein, Würzburg 2006, 237 Seiten, Königshausen & Neumann,


Die Leserin/der Leser wird vielleicht enttäuscht oder erfreut sein. Es handelt sich nicht um einen Text, der unter dem Modetitel der Selbstverwirklichung leichte Kost und leichtes Spiel verspricht, wie in so manch einem Ratgeber. Auch hat die hier bezielte Selbstverwirklichung nichts mit Nabelschau zu tun, vielmehr wird ein beachtliches Pensum von dem verlangt, der sich mit Hilfe dieses Buches auf den Weg der Selbstverwirklichung begeben will.

So manch einer fragt sich, worin wohl der Sinn des Lebens besteht. Folgt er den Gedanken der Autoren, so braucht er sich darum keine Sorgen mehr zu machen, denn die Möglichkeiten sind schier grenzenlos. Wollte man sich nur auf den Weg begeben, um Weltoffenheit, Teilhabe an den Existenzfragen von Stadt und Land zu erlangen, ohne sich von allen möglichen Ideologien vereinnahmen zu lassen, so wäre damit schon ein sinnvolles Leben gestaltet. Damit begibt sich der Sinnsucher auf die Spuren von Alfred Adler. Unternimmt er das Projekt der Individuation, in dem er die Persona ablegt, die äußere Hülle dessen, was der Mensch so vorstellt, er sich der Erforschung des Verdrängten (des Schattens nach C.G. Jung) widmet, ohne im Frommsein und in der Mythenforschung zu versinken (S. 25), so sucht er sein „inneres Afrika“ (Jean Paul) zu erkunden, wobei ihm Selbsterkenntnis, Menschenkenntnis und Weltkenntnis zu teil werden. Dabei hilft ihm die Bewunderung des Wertvollen, um sein Ich zu kultivieren. Große Bewunderer waren etwa Nietzsche und Rilke. In einer Phänomenanalyse der Fähigkeit zur Bewunderung wird transparent, dass der Blick aufs Wertvolle hilft, an der Welt nicht zu verzweifeln, ohne deshalb unkritisch zu werden. Die Person entfaltet sich in der Liebe – man liebt sich hinauf (Max Scheler). Es ist ja nach wie vor merkwürdig, dass so wenig von wertvollen Eigenschaften und Taten z.B. in der Presse berichtet wird. Phänomenologisch folgt daraus eine Fixierung auf den Unwert, was es fast unmöglich macht, das Wertvolle zu bezielen. Der heute von Politikern aus dem konservativen Lager propagierte Rückgriff auf die sogenannten „christlichen Werte“ erscheint dagegen billig – nun „Geiz ist ja geil“.

Lesen würde da schon ein bisschen weiter helfen. Hier kann der Mensch seine Persönlichkeit ebenfalls entwickeln, wenngleich sich die tiefenpsychologischen Autoren natürlich bewusst sind, dass Engen und Einseitigkeiten der Leser, ihre unbewussten Konflikte, den Lektürefrüchten Grenzen setzen. Gelungene Lektüre setzt ja bereits den offenen Menschen voraus, der gleichsam tote Buchstaben lebendig machen muss. Erst eine grundsätzliche Offenheit schafft den Zugang zum Lerninhalt. Die reichhaltige Lektüre ist natürlich nicht mit Allerweltstexten des Massengeschmackes möglich. Hier ist es gut, sich Mentoren anzuschließen, um in der Auswahl der Lektüre der Geisteswelt auf der Höhe der Zeit zu begegnen. Da kann man getrost den Anfang mit diesem Text machen. „Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins davon zu Geld und kaufe damit dieses Buch“ (Lichtenberg).

In einem weiteren Aufsatz wird für die Sammelleidenschaft eine Lanze gebrochen. Die von der Psychoanalyse behauptete anale Grundhaltung ist doch arg reduktionistisch, wenngleich sie hier und da zutreffen mag. Wie jeder Reduktionismus läßt auch der psychoanalytische die Phänomene verarmen. Rattner schildert die Sammlerleidenschaft in ihrer Vielschichtigkeit als „Ich-Protese und Selbstwertsteigerung“ (45), wobei er u.a. die Goethesche Freude am Sammeln zum Beleg nimmt. Freud selbst ist ein weiteres Beispiel. Zwar darf er wohl im psychoanalytischen Sinne als Analcharakter angesprochen werden; seine Antikensammlung steht zugleich in engem Zusammenhang mit seiner Arbeit an den historischen Ursprüngen der Einzelseele wie auch der Menschheit.

Man gewinnt nichts dabei, wenn man solche hochgesinnten Bestrebungen biologistisch in infantilen triebhaften Konstitutionen verankern will“ (52)

Ebenso differenzierte Würdigung finden die Sammler Stefan Zweig und Honoré de Balzac.

Als weitere Möglichkeit der Selbstverwirklichung, worin die vornehmste Aufgabe des Menschen gesehen wird – schließlich ist er vermutlich bis auf weiteres das einzige Lebewesen mit Selbstbewusstsein und damit „Lichtung des Seins“ (Heidegger) – wird die Entwicklung zum Generalisten gesehen. Dem steht allerdings oft genug die Eitelkeit vieler Menschen entgegen. Sich einem neuen Feld zu öffnen geht immer mit einem gesunden Kleinheitsgefühl einher, der Einsicht der eigenen Unwissenheit. Dem sucht sich der eitle Mensch zu entziehen. Nicht etwa, weil dem Menschen die Eitelkeit naturhaft zueignet, wie etwa La Rochefoucauld und viele nach ihm meinen. Vielmehr besteht die reale Erziehungspraxis in unserer Kultur immer noch in der Erniedrigung des Kindes, wodurch ein künstliches Minderwertigkeitsgefühl in ihm erzeugt wird. Fest im Unbewussten verankert, wird ihm ein kompensatorisches Größenselbst entgegen gestellt, welches die brüchige Person zusammenhalten soll. Kohut hat darauf seine ganze Narzißmustheorie gegründet. Gefährlich ist diese Haltung, weil sie für Nationalismus, Konfessionalismus und Rassismus empfänglich macht.

Eitelkeit ist per se konservativ oder gar reaktionär, schließt sie doch alles aus, was nicht Ich ist.“ (78)

Es folgt schließlich ein kleines Kompendium der großartigen Weite kultureller Sphären, in denen jeder nach seinen Interessen teilhaben, um nach Kräften sein Welt- und Menschbild am „Weltgeist“ (Hegel) zu schulen und letztlich seine Eitelkeit (i.e. Ichhaftigkeit) überwinden könnte.

Im Aufsatz „Psychologie der Hingabefähigkeit“ (s. 85f) begegnet der lesende Mensch faktischer Ganzheitspsychologie. Ausgehend von dem viele Menschen beseelenden Wunsch nach Hingabefähigkeit in der Sexualität, wird eine Zusammenhangsbetrachtung entfaltet, welche den verkürzten Ansatz von Sexualtherapien als kleine Pünktchen im Kosmos menschlicher Werdensnotwendigkeiten erscheinen lässt, möchte jemand auf diesem Felde wirklich etwas für sich erreichen.

Immanuel Kant sah drei Möglichkeiten, die Schwierigkeiten des Lebens zu mildern: Die eine ist der Schlaf, eine weitere die Hoffnung und die dritte das Lachen. (96) Damit ist eine weitere Möglichkeit der Selbstverwirklichung genannt: der Humor. Aber ebenso bieten die Kunst und die Philosophie große Möglichkeiten, wobei die Beschäftigung auf diesen Feldern immer mit einer inneren Notwendigkeit, einem wahrhaften inneren Bestreben zu tun hat, nichts mit Ausschmückungen der dem Schein verhafteten Existenz. Kunst und Philosophie können wesentlich zur Menschwerdung beitragen. Etwa die Kunst, indem sie den Blick für das Schöne und Ästhetische schult – sicherlich nicht der einzige Auftrag oder das einzige Anliegen der Kunst. Aber Rattner geht es immer um die Orientierung am Wertvollen. Denn der Blick zieht einen dorthin, worauf er ruht (v. Gebsattel). Und wer das Wertvolle fördern will, der klebt nicht am Kotigen, sieht es aber gleichwohl.
Ebenso kann die Philosophie – jenseits des Katheders – zur Selbstkenntnis des Menschen beitragen. Zwingend ist dies natürlich nicht, wissen wir doch von „kunstliebenden“ Menschverächter und Akrobaten der philosophischen Höhenflüge, deren Flugbahn wenig oder keine Mitmenschlichkeit und Selbsterkenntnis berührte. Kann hier die Tiefenpsychologie hilfreich sein, so ist sie ebenfalls kein Garant. Ohne die Grundforderung ethischer Maxime: „Sei Du selbst! Werde, der Du bist!“, die sich der Adept gleichsam als innerste Angelegenheit vorgibt, wird keine der menschlichen Weisheiten im Einzelnen zu einem ethischen Verhaltenskodex führen. Wie lächerlich wirken da Anleitungen aus der Abteilung Lebenshilfe der Buchhandlungen.

Alles in allem hohe Anforderungen. Aber die Menschwerdung ist eben nur ein Fakultativum. Hier hat die Frage von Wiglaf Droste ihre Berechtigung: „Stumpft der Mensch vom Gaffen ab?“
Und doch: Dieses Pensum birgt die Gefahr, dass vor solch hohen Ansprüchen kaum jemand bestehen kann. Drum werden in den Texten auch nur Tote bewundert. Entweder gibt es nach Meinung der Autoren keine lebenden bedeutenden Menschen oder sie werden erst nach ihrem Ableben als solche erkannt; so ist es zumindest bei den Künstlern gang und gäbe. Es wäre aber wohl eine dankbare Aufgabe, in Zeiten der mangelnden Vorbilder, lebende Menschen zu portraitieren. Aber vielleicht gelingt es besser im zeitlichen Abstand, die Größe eines Menschen zu erfassen.

Wer Weisheit sucht, der findet sie z.B. in der Frühzeit der chinesischen Philosophie des Konfuzius. Im Kern sei es Konfzius um den edlen Menschen gegangen, der hauptsächlich damit befasst ist, sich zum wehrhaften Mitmenschen, bei dem Reden und Taten eine Einheit bilden, zu entwickeln.
Goethes Lebens- und Entwicklungsweg wird nachgezeichnet, vor allem, um vor dem Giganten nicht zu kapitulieren, sondern das Werden des Menschen zu studieren, dessen Lebensentwurf über weite Strecken als gelungen angesehen werden kann. Goethe fand den Weg in das kompensatorische Tätigsein, da er ganau wußte, „dass Grübeln und Lamentieren immer weiter in die Verstrickung hinabzuführen pflegen.“ Er lernte, seine persönlichen Schwierigkeiten „durch nützliche Arbeit für die Gemeinschaft kompensatorisch zu überwachsen (...).“ (131)

Spezielle Formen der Selbstrealisation“ zeichnet auf dem Boden der Wertphilosophie eine etwas andere Motivationstheorie für den Menschen, die an Kurzbiographien von Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche exemplifiziert wird. Sie hatten gegen erhebliche Widerstände der Majorität anzukämpfen, die sich mit Vorliebe der Realisation niederer Werte hingeben, dabei jedoch nicht versäumen, die Bezieler höchster Werte (i.S. Nicolai Hartmanns) zu bekämpfen.

Wie soll ein Mensch innerhalb der Mittelmäßigkeit seiner Zeitgenossen leben, wenn er von genialen und großherzigen Ideen erfüllt ist? Jede Gemeinschaft bildet eine gewissen Mediokrtät aus, die sie als Gesetz und Regel empfindet. Wer davon abweicht, gilt als Ketzer, komischer Kauz, Sonderling, Egozentriker und Asozialer.“ (145)

Die Aufsätze „Humor als Lebensanschauung“ und „Das Leben als Kunstwerk“ visieren ebenfalls Entwicklung und Entfaltung der Person an. Dabei ist das Erringen einer humorigen Einstellung zum Leben selbst schon Ausdruck der Lebenskunst. Idealismus im schönsten Wortsinne, als Entfaltung oberster Werte, damit die Person werthaltig werde bzw. danach strebe.
Weitere Bespiele gelungener männlicher und weiblicher Lebensentwürfe runden den Text ab.

Das alles will so gar nicht in unsere Zeit, in die Spaßkultur passen. Hier ist nichts leicht zu haben und doch ohne den „Geist der Schwere“ übermitelt. Der gesamte Text kann als Exemplifizierung und Anleitung zu Nietzsches Ausspruch gelesen werden: „Nicht nur fort, sondern hinauf sollt ihr euch pflanzen!“

Bernd Kuck, Bonn, April 2007

© PPFI, B. Kuck

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