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Opgen-Rhein, Carolin/Kläschen, Marion/Dettling, Michael: Pferdegestützte Therapie bei psychischen Erkrankungen. Schattauer Verlag, Stuttgart 2011, 188 S. m. 11 Abb. und einem Vorwort von Erhard Olbrich. € (D) 29,95 / € (A) 30,80


Die Griechen waren auch im Umgang mit dem Pferd Vorreiter. Wenn auch nicht in der Reittherapie, so doch in der Reitkunst. Erste schriftliche Überlieferungen stammen von Xenophon (430 – 354 vuZ): „Über die Reitkunst“ und „Der Reitoberst“. Schon darin zeigt sich eine ambivalente Haltung des Menschen zum Pferd, die auch heute noch besteht. Einerseits intensive Beziehung, andererseits Ausbeutung. Neben der Reitkunst war im 17. Jahrhundert schon bald die Rede von der gesund erhaltenden Wirkung des Reitens, worüber der Arzt Bartholomäus Castellius 1663 schrieb: Der „reitende Mensch müsse die Bewegungen des Pferdes in sich aufnehmen und mit den Bewegungen des eigenen Körpers in Einklang bringen“, (S. 4) was noch heute den reiterlichen aber auch therapeutischen Prinzipien entspricht.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Reiten nicht nur in seiner Bedeutung für die Fitness des Körpers erkannt, sondern auch als hilfreich bei Gemütskrankheiten empfohlen.

1953 wurde schließlich von dem Arzt Max Reichenbach der Begriff „Reiten als Therapie“ geprägt. Im deutschsprachigen Raum wird die Pferdegestützte Therapie seit 1970 in organisierter Form gefördert und mit entsprechendem Schrifttum in Fachkreisen diskutiert. Dabei nehmen etwa pädagogisches, heilpädagogisches und physiotherapeutisches Reiten den größten Raum ein. Die Autoren nun unterscheiden Pferdegestützte Psychotherapie, die ausdrücklich von psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten durchgeführt wird, von der im vorliegenden Text behandelten Pferdegestützten Therapie, die sie im psychiatrisch-therapeutischen Feld ansiedeln, deren Interventionen nicht auf Fachpsychotherapeuten beiderlei Geschlechts beschränkt seien.

„Dies geschieht – trotz des wenig spezifischen Begriffes – auch in Abgrenzung zu den ebenfalls weitverbreiteten oben genannten pädagogischen und heilpädagogischen sowie physiotherapeutischen Anwendungsgebieten (im Amerikanischen z.B. entsprechend: Hippotherapy). Die pferdegestützte Pädagogik/Aktivität (im Amerikanischen Equine-assisted Learning der EAGALA und Equine-facilitated Learning/Activity der EFMHA) zur Entwicklungsförderung gesunder Menschen ist hiervon ebenfalls abzugrenzen.“ (S.9)

Die Finanzierung der Pferdegestützten Psychotherapie/Therapie ist nach wie vor ungelöst, gelingt am ehesten über SGB VIII und SGB XII und wird zumindest im ambulanten Bereich vom Engagement der Behandler abhängen, da die Kosten für ein oder gar mehrere Pferde erheblich sind.

Für die Wirkweise Pferdegestützter Therapie lassen sich verschiedene Aspekte aufweisen. Schon Erich Fromm (Sozialpsychologe und Psychoanalytiker) attestierte dem Menschen eine Biophilie, die Liebe zum Lebendigen. Der Kontakt zum Tier, hier zum Pferd, kann also helfen, den in unserer technizistischen und potentiell vereinsamenden Welt verloren gegangenen ursprünglichen Kontakt zum Lebendigen wieder herzustellen. Beim Pferd besonders den Kontakt zum Spüren fremder und eigener Körperlichkeit, besonders die Möglichkeit der Erfahrung des Getragenwerdens, die sonst einem Erwachsenen nicht so leicht zu vermitteln ist, wenn er sie in der eigenen Kindheit nicht erfahren hat.
Die vom dänischen Soziologen Theodor Geiger postulierte „Du-Evidenz“ erscheint mir nicht nachvollziehbar, da das Du begrifflich an die Personalität gebunden ist, die einzig dem Menschen zukommt. Hier scheinen die Surogatfunktion der Mensch-Tier-Beziehung, die projektive Funktion der Erweiterung des Ich, und die Soziabilität, worin das Tier als Kontaktbrücke zu anderen Menschen gesehen wird (Jean Veevers), das Phänomen der Affinität des Menschen zu bestimmten Tieren besser zu beschreiben. Letzterem Aspekt ist auch die „Eisbrecherfunktion“ des Tieres zuzuordnen, der nicht nur im Umgang mit Kindern, sondern auch in der Arbeit mit durch den Menschen traumatisierten Patienten – oder überhaupt misstrauischen Menschen - große Bedeutung zukommt.
Der von Watzlawick erläuterten analogen Kommunikation kommt als eindeutige und beziehungsdefinierte Interaktion zwischen Mensch und Pferd eine große Bedeutung zu. Im Gegensatz zur digitalen Kommunikation ist sie nonverbal und entbehrt paradoxer und widersprüchlicher Signale, die potentiell krankheitsfördernd sein können.
Hinsichtlich der Interaktion in der tiergestützten Therapie werden zwei Modelle benannt: Triangulation, in der die trianguläre Beziehungsfähigkeit oder -störung des Patienten in vivo wahrgenommen und therapeutisch entwickelt werden kann. Ferner das sogenannten „Diamant-Modell“, in dem zum Triangel noch eine Führperson (professioneller Pferdetrainer) für das Pferd hinzu kommt. Psychodynamisch kann sich hier Komplexes entfalten, worauf im Text nicht näher eingegangen wird, zumal ein verhaltenstherapeutischer Hintergrund zugrunde liegt. In der Verhaltenstherapie ist das einbezogene Pferd hilfreich bei der Bedingungsanalyse gestörten Verhaltens und Erlebens. Exposition z.B. bei Angsterkrankungen, kann am Modell Pferd erlebt werden. Sein Fluchtverhalten kann die Angst als überlebenswichtig erfahrbar machen, sein Explorationsverhalten dem Patienten zum Lernmodell werden, denn Pferde fliehen zwar zunächst, explorieren dann jedoch die Quelle des Schreckens, was ihnen evolutionsbiologisch einen Vorteil verschafft, da sie so ständig dazulernen. Und schließlich ist Lernen das beste Mittel gegen die Angst.
Tiefenpsychologisch-analytische Aspekte werden im vorliegenden Text benannt, aber letztlich nicht weiter verfolgt. Vollkommenheits- und Omnipotenzgefühle, Verschmelzungs- und Verlassenheitsgefühle können im Umgang mit dem Pferd ebenso aktiviert werden, wie archaische Selbstobjekte idealisierter, versorgender und schützender Eltern-Imagines. Die kraftvolle und symbolreiche Lebendigkeit und Schönheit des Pferdes bieten reichlich Ansatzpunkte für archaische Erlebnisweisen.

Das Pferde die Emotionen des Menschen wahrnehmen und auf sie reagieren ist inzwischen vielfach nachgewiesen. Empathie, im Sinne eines echten Nach- oder Mitempfindens, ist jedoch naturwissenschaftlich nicht nachweisbar (evtl. sind auch hier Spiegelneurone von Belang, die bislang jedoch nur für den Menschen, den Affen und die Sumpfammer nachgewiesen [?] sind). Vermutlich nehmen Pferde eher verändertes Verhalten wahr. Die Untersuchungslage ist nicht eindeutig. Für die Arbeit in der Pferdegestützten Therapie ist dies letztlich unerheblich.

„Es ist aber eindeutig, dass das Bild vom tragenden, annehmenden, wertungsfrei akzeptierenden, kommunikativen Pferd stark anthropomorph ist. Pferde zeigen zwar in ihrer Kommunikation durchaus auch Wertungen, aber die Frage ist, ob sie nicht eher „ertragen“ als tragen. Sind wir uns dieser Tatsache jedoch bewusst, spricht nichts dagegen, die bestehende Anthropomorphisierung des Pferdes in der Therapie einzusetzen.“ (S. 34)

Je ein Kapitel befasst sich mit der Ausbildung des Pferdes und des Therapeuten. Beide benötigen eine solide Grundausbildung. Das Pferd in der klassischen Reitlehre, der Therapeut in einer der grundlegenden Psychotherapieverfahren, sowie eine eigene reiterliche Grundausbildung. Um die grundsätzlich positive Wirkung des Pferdes auf den Menschen therapeutisch nutzbar zu machen, bedarf es natürlich einer gelenkten Intervention, die ebenfalls gelernt sein will. Dazu kommen Führtechniken, Gelassenheitstraining mit Materialgewöhnung u.a., deren Einsatz je nach Anforderungen in der therapeutischen Situation variieren kann. Zur Psychohygiene des Pferdes gehört neben dem Gymnastizieren und Sensibilisieren des Pferdekörpers eine artgerechte Haltung. Ein Pferd, dass in der Herde lebt, ist für die Wahrnehmung interaktiver Signale sensibler als einzeln aufgestallte Pferde. Außerdem kann sich das Pferd besser von der durchaus anstrengenden Arbeit mit psychisch kranken Menschen erholen.

Ein breiter Praxisteil vermittelt die Einsatzmöglichkeiten bei konkreten psychiatrischen Krankheitsbildern, wobei die Pferdegestützte Therapie ein Baustein innerhalb integrativer Behandlungsmethodik ist. Einsatzmöglichkeiten sehen die AutorInnen bei Schizophrenie, depressiven Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Posttraumatischer Belastungsstörung, Essstörungen sowie bei demenziellen Störungen. Die Abschnitte folgen einem einheitlichen Aufbau durch Darstellung epidemiologischer Daten, dem Krankheitsbild aus klinisch-psychiatrischer Sicht und schließlich zu Aufbau und Planung der Therapieeinheiten. Abgerundet wird der Text durch ein verhaltenstherapeutisches Fallbeispiel und ein Kapitel über Patientenerfahrungen. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis findet sich am Ende des Buches und lädt zu weiterem Studium ein.

Insgesamt gibt das Buch einen guten Einblick in die Grundlagen der Pferdegestützten Therapie. Der systematische Aufbau macht es zu einem Lehrbuch mit den zugehörigen Vor- und Nachteilen. Der Vorteil ist sicher die systematische Aufbereitung, der Nachteil ist die Einbuße an Lebendigkeit. Selbst das Fallbeispiel mutet etwas dröge an. Der Text aus der "Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie" sollte ergänzend gelesen werden, um einen Eindruck von der lebendigen Interaktion zwischen Patient/Klient und Pferd und dem therapeutischen Potential zu gewinnen.


Bonn, April 2011
Dipl.-Psych. B.Kuck 

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Pferdegestützte Therapie


 

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