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Moser Tilmann: Klinisches Notizbuch. Psychotherapeutische Fallgeschichten. Psychosozial Verlag, Gießen. 2016, 346 Seiten.


Thema

Mit dem Titel „Klinisches Notizbuch“ hat Tilmann Moser sich bewusst an Sándor Ferenczis „Klinisches Tagebuch“ von 1932 angelehnt; denn der Schüler Freuds ist für ihn der erste, der dessen Sprachkur zu überschreiten versucht hat. Name und Opus sind demnach Programm für ihn. Der Band umfasst 51 meist kürzere Abhandlungen. 29 von ihnen sind Erstveröffentlichungen, bei den übrigen handelt es sich um überarbeitete Artikel, standespolitische Stellungnahmen und Kommentare zu Publikationen anderer Autoren. Die meisten Beiträge drehen sich auf der Basis von Krankengeschichten und Behandlungssequenzen um Mosers zentrales Thema: die Erweiterung des psychoanalytischen Methodenspektrums durch gestalttherapeutisch- psychodramatische und körperorientierte Elemente unter Einschluss professionstheoretischer und ethischer Überlegungen. Der Autor weiß sich mit dieser Intention in Opposition zur weit überwiegenden Mehrheit seiner Berufsgruppe, für die Freuds Ablehnung aller Überschreitungen der Psychoanalyse als reiner „Sprachkur“ immer noch Gesetz ist und bei der, nach seiner Auffassung, das „Wort“ nicht „zum Körper“ und der „Körper“ nicht „zum Wort“ findet (S. 11).

Aufbau

Den Aufbau seiner Textsammlung hat Moser nach außen nur grob markiert. Unter „Theoretische Überlegungen“ (87-289) fasst er eine Gruppe von 38 Beiträgen zusammen, eine zweite enthält neun „Fallgeschichten von Männern“ (293-341). Der einleitende Teil besteht aus vier Texten, deren erster die Titelwahl rechtfertigen (9-12) und deren zweiter mit Hilfe eines künstlerischen Bildes vom Beginn des 19. Jahrhunderts („Quodlibet“) auf die zahlreichen Störungsbilder in den nachfolgenden Beiträgen vorbereiten (13-15) soll. Im dritten und vierten Text begründet der Autor seine schon seit Jahrzehnten geübte Praxis, Krankengeschichten unter inhaltlicher und redaktioneller Mitwirkung von Patientinnen und Patienten zu romanhaften Darstellungen zu verarbeiten (17-23; 25-33). Eine Auflistung der Erscheinungsorte bereits publizierter Arbeiten schließt den Band ab. Die Einzelnachweise waren bereits bei den einzelnen Artikeln erfolgt.

Inhalt

Ich lese Mosers „Klinisches Notizbuch“ vor allem als Hinweis darauf, was dem Autor in seiner klinischen Arbeit und in seinem Arbeitsfeld aufgefallen ist und was ihm für eine nicht nur fachliche Öffentlichkeit berichtenswert erscheint. Das sind Praxiserfahrungen, ungewöhnliche Störungsbilder, Lektüren, Probleme der Selbstverortung in seiner Berufsgruppe, Fragen, die Gutachtertätigkeiten und Supervisionen aufwerfen, nicht zuletzt Problemstellungen, die an ihn herangetragen werden. Moser verarbeitet sie in vielen kurzen und wenigen ausführlicheren, in Ich-Form gehaltenen Erzählungen und Reflexionen. Es ist an dieser Stelle nicht notwendig, sämtliche Beiträge Revue passieren zu lassen, weil manche Themen mehrfach variiert werden. Ich greife daher einige von ihnen heraus, von denen ich den Eindruck habe, dass sie dem Verfasser besonders am Herzen liegen und die ich selbst für bedeutsam halte.

Krankengeschichten

Mit „Schreiben über Patienten“ (17-23) und „Über Patienten schreiben“ (25-33) greift Moser Fragen auf, die ihn seit Jahrzehnten beschäftigen: Wie lässt sich intimes und durch das analytische Setting geschütztes klinisches Geschehen nach außen vermitteln ohne den Verlust von Anonymität und Diskretion, gerafft, aber ohne Simplifizierung, fachlich angemessen, aber ohne sperrige Terminologie? Seine Antwort darauf: Nach Möglichkeit nicht über den Patienten, sondern mit ihm zusammen schreiben, dazu hohe Wachsamkeit für Übertragung und Gegenübertragung und für die unausgesprochenen Erwartungen der Mitwirkenden an der schriftlichen Fassung ihrer eigenen Krankengeschichte. Das kann, wie Moser erfahren musste, auch in dramatischer Weise misslingen. Dennoch hält er es für sinnvoll, das analytische Geschehen auf diese Weise festzuhalten. Für ihn gilt dabei: „Oberstes Gebot […]: nil nocere, keinen Schaden anrichten, und das heißt: Kränkendes und Demütigendes vermeiden, ja sogar vorausschauend vermeiden, aber ohne zu viel Ängstlichkeit vor einem mutigen Schritt, und wo es einmal schiefging, mit aufrichtiger Entschuldigung versuchen, den Schaden wieder gut zu machen oder aus ihm zu lernen, vorausgesetzt, der Patient hält durch und kann im Aufarbeiten eines publizistischen Unglücks eine Chance sehen, die auf unerwartetes Gelände geführt hat“ (S. 33).

„Berührung“: Psychoanalyse und Körpertherapie

Moser setzt sich bekanntermaßen seit langem für die Integration anderer Methoden in die Psychoanalyse ein – um die eigene Praxis zu rechtfertigen, aber auch um die ausschließlich sprachgebundene Kur zu bereichern. Das geschieht auch in diesem Band, z. B. in den Beiträgen „Psychoanalyse und Körperpsychotherapie“ (37-45), „Bestie Mensch …“ (77-82), „Die Bedeutung der Hand in der analytischen Körperpsychotherapie“ (139-143), „Blick und Berührung“ (163-165), „Kämpfen und Rangeln“ (209-211). In seinem Aufsatz „Für eine Ethik der Berührung in der Psychoanalyse“ (37-45), der die theoretischen Beiträge einleitet, artikuliert er sein Unbehagen an der „Begrenzung auf das Verbale“ und am „Verbot jeglicher Art von Befriedigung während der Stunde“, am „Prinzip der Kontrolle“ und am „Monopol der Deutung“ (S. 42), weil die Regulative die Möglichkeiten einschränken, dem Patienten zur „Strukturbildung“ zu verhelfen (S. 43). Um sie – und nicht etwa um „Kompensation“ – geht es ihm letzten Endes bei der „Berührung“ (43). Cremerius´ Rede vom „operationalen Gebrauch“ (S. 42) der Abstinenz übersetzt er für sich so: „Abstinenz bedeutet […], jenen Zwischenraum zum Bedenken der Spannung zu gewährleisten zwischen neuer Initiative und neuen Anreizen, der Angst vor Neuem, dem Stand der Übertragung, der Neugier auf den nächsten Schritt und der Verarbeitungskapazität des Ichs“ (S. 45). Damit die Überschreitung der sprachlichen Ebene nicht im Desaster endet – ein abschreckendes Beispiel führt der Autor in „Unordnung und spätes Leid von Akoluth“ (47-51) an –, fordert er vom Analytiker eine selbsterfahrungsorientierte körpertherapeutische Ausbildung, die ihn für nonverbale Signale sensibilisiert (S. 43).

„Beschleunigungswahn“

Unter den zahlreichen Versuchen Mosers, sich in den öffentlichen Diskurs um psychoanalytisch-psychotherapeutische Fragen einzumischen – z.B. zu „therapeutischen Hausbesuchen“ (173-178), den therapeutischen Anmaßungen von Coaches (69-71), zur methodischen Rigidität psychoanalytischer Gutachter (83-85) und Supervisoren (107-110) – gehört auch ein kurzer Text mit dem Titel „Wider den Beschleunigungswahn“ (73-76), in dem er dem ökonomischen Druck auf die Dauer von Therapien nachgeht. Ich lese ihn als eine Paraphrase auf Giovanni Maios AufsatzVerstehen nach Schemata und Vorgaben? Zu den ethischen Grenzen einer Industrialisierung der Psychotherapie“ aus dem Jahr 2011 [Siehe auch den Beitrag von Moser in PP 15/2016, BK]. Moser führt über einen historischen Exkurs zur Entstehung der Wirksamkeitskonkurrenz zwischen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie bis zum inhumanen Kern heutiger Effizienzhascherei, die „so sehr dem ökonomischen und technischen Machbarkeitswahn der Moderne entspricht“ (S. 75). Ihr arbeitet die aktuelle „Manualisierung“ therapeutischer Verfahren in die Hand. Mosers Bedenken: „Der Seele lässt sich in ihren Prozessen kaum eine gravierende Beschleunigung aufzwingen, ohne dass es zu oft noch unbekannten ‚Kollateral‘-Schäden kommt, die dann ein anderer Arzt, etwa der Internist oder der Psychosomatiker, zu sehen bekommt, oder der Kostenfaktor steigt rapide an, wenn erst einmal die Serie der notwendig werdenden Klinikaufenthalte anläuft“ (S. 76).

Diskussion

Moser ist in erster Linie Ich-Erzähler und erst in zweiter Theoretiker. Die Probleme, die er aufgreift, stammen in der Regel aus der eigenen therapeutischen Praxis. Wo sie ihm von außen zufliegen oder an ihn herangetragen werden, kommen sie eher auf den Prüfstand der persönlichen Erfahrung und des eigenen Nachdenkens. Theorien aus dem Bestand der Psychoanalyse haben für ihn offenbar geringeres Gewicht. Das garantiert die Lebendigkeit seiner Texte und damit eine gewisse Öffentlichkeitswirkung. Wenn sie dazu beiträgt, die Leserschaft für psychische Prozesse und therapeutische Verfahren empfänglich zu machen, so ist das zweifellos ein wünschenswerter Erfolg. Andererseits frage ich mich z.B. beim Thema „Schreiben über Patienten“, ob Moser, so sehr er ständig Übertragung und Gegenübertragung reflektiert, im gemeinsamen Schreibprozess nicht das Gewicht der eigenen Autorität als Wissender, Ordnender, Bewertender und Schreibender unterschätzt – und damit auch die Möglichkeit einer entwicklungsfeindlichen subtilen Unterwerfung der am Schreibprozess Beteiligten. Ein zweites Problem, das aus der Erzähl- und Gedächtnisforschung bekannt ist, wirft für mich die gemeinsame Fixierung des therapeutischen Prozesses auf. Die zum geschriebenen Text gewordene Erinnerung ist in Gefahr, den Status der Endgültigkeit zu gewinnen. Sie gibt sich dann als die eigentliche Erinnerung aus, lässt keine Modifikationen mehr zu und entfremdet sich dem Subjekt. Dass die Auswahl von Patientinnen und Patienten für solche Textarbeiten unter den Nicht-Berücksichtigten Kränkungen auslösen kann, darauf verweist Moser selbst.

Was die Integration gestalt- und körpertherapeutischer Elemente zur Lösung von Blockaden in bestimmten Situationen angeht, bin ich weniger skeptisch. Es gibt dazu bereits vor Moser und über ihn hinaus seriöse Erfahrungen, Prozessbeschreibungen und Theorien, die von der sprachgebundenen Psychoanalyse nicht einfach ignoriert werden können. – Ob der jeweilige Analytiker diese Erweiterung selbst praktizieren will und kann, steht auf einem anderen Blatt. Der Autor selbst zeigt sich in seinen Fallbeschreibungen als so aufmerksam und zurückhaltend, dass ich an der „zungenlösenden“ Wirkung seiner Interventionen nicht zweifle. Als Ergänzung seiner zahlreichen Falldarstellungen und Appelle hätte ich mir einen Blick in die analytisch-körpertherapeutische Ausbildung gewünscht.

Mosers Kritik am Erfolgs- und Zeitdruck, unter dem alle Therapien stehen, sofern sie über die Kassen abgerechnet werden, zielt vor allem auf die ethische Seite des Problems. Giovanni Majo spricht ihm aus dem Herzen, wenn er schreibt: „In ethischer Hinsicht ist diese Entwicklung problematisch, weil mit der Übernahme dieser Denkkategorien der Kern dessen ausgehöhlt wird, worauf es in der Psychotherapie ankommt: nämlich die Kultur der authentischen und verstehenden Sorge um den Anderen“ (zit. S. 76). Ein zweiter Aspekt bleibt an dieser Stelle unerwähnt: in welchem Ausmaß Therapeuten sich zur Unwahrhaftigkeit gezwungen sehen, wenn sie für bestimmte Patienten ein Mehr an Stunden beantragen wollen.

Zum Formalen: Die Reihung der Beiträge hat sich mir nicht erschlossen. Dass Moser seine Überlegungen zum Schreiben über und mit Patienten an den Anfang stellt, leuchtet mir ein, weil das Buch, wie schon der Untertitel anzeigt, von Krankengeschichten dominiert wird und für sie eine Lesart vorgibt. Dagegen sind die unter „Theoretische Überlegungen“ versammelten Texte beileibe nicht alle theoretisch, und warum der Autor ihnen „Fallgeschichten von Männern“ gegenübergestellt hat, als ob im ersten Teil ausschließlich Geschichten von Frauen erzählt würden, verrät er nicht. Mir wäre es sinnvoller erschienen, Moser hätte die Beiträge nach Problemen geordnet (Schreiben, Störungsbilder, analytische Körpertherapie/Gestalttherapie, standespolitische Beiträge, Reflexion von Lektüren …).

Fazit

Tilmann Mosers„Klinisches Notizbuch“ist ein Lesebuch nicht nur für Therapeuten. Auch wen die vom Autor vorgenommene Anordnung irritiert oder wer als streng sprachorientierter Psychoanalytiker und Methodiker seinen theoretischen und praktischen Erweiterungen skeptisch gegenübersteht, begegnet in den Texten einem engagierten, nachdenklichen, selbstkritischen und originellen analytischen Therapeuten. Er mag selbst gelegentlich seine Randständigkeit betonen; aber er ist jemand, der „die Psychoanalyse“ immer wieder zum Widerspruch reizt und sie dadurch zwingt, ihre Position stets aufs Neue zu legitimieren.

Helmwart Hierdeis      
Dezember 2016

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