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Alexander und Margarete Mitscherlich (1967): Die Unfähigkeit zu Trauern. 369 S., München 1988 (Piper)


Westdeutschland Mitte der 1960er Jahre: Der biedere Präsident Theodor Heuß hatte Hitlers Ermächtigungsgesetz zugestimmt, sein Nachfolger Hermann Lübke war KZ-Baumeister gewesen. Kurt-Georg Kiesinger, Nachfolger Ludwig Erhards, war Mitarbeiter in der Rundfunkabteilung des Nazi-Außenministeriums. Kontinuierlich steigende Profite und Wohlstand für alle. Wegen des Arbeitskräftemangels werden Anwerbekampagnen für Gastarbeiter gestartet. Die Gewerkschaften beschäftigen sich fast ausschließlich mit Lohnverhandlungen. Eine Große Koalition regiert ab 1966, die sogenannten Notstandgesetze wurden 1968 verabschiedet. Die neonazistische NPD zog zwischen 1965 und 1968 in sieben Landtage ein.

Das Psychoanalytiker-Ehepaar Mitscherlich diagnostiziert für die Bundesrepublik eine politische Apathie bei gleichzeitig hochgradiger Gefühlsstimulierung im Konsumbereich (S. 18). Die Bevölkerung würde sich weigern, ihre Nazi-Vergangenheit wahrzunehmen und zu verarbeiten, dass heißt »Trauerarbeit« zu leisten – Trauer um die Millionen Opfer des Dritten Reiches. Sie meinen, dass die Umwandlung von Angst, Scham und Schuldgefühlen in Selbstmitleid eine spezifisch deutsche Eigenschaft sei, ein »deutsches Syndrom«.

Die Mitscherlichs schreiben: »Henry Loewenfeld hat mit Recht darauf hingewiesen, daß eine Störung dieser Trauerarbeit beim einzelnen dessen seelische Entwicklung, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und seine spontanen und schöpferischen Fähigkeiten behindert« (S. 9). Das gelte analog für die politische Ebene: Mit der Aufdeckung unbewusster Motive, die hinter beobachtbaren Handlungen stehen, sei es möglich, Irrationales aufzugeben und zu einer Anerkennung der gesellschaftlichen Realität zu kommen (S. 21). Die Verleugnung dieser Realität stelle eine permanente Verunsicherung und Bedrohung des inneren und äußeren Friedens und damit nicht nur des materiellen Wohlstandes (der für die meisten den höchsten Wert darstellt), sondern auch der Demokratie und der geistigen Freiheit dar.

Will man einen Wahn, der zum Unzugänglichsten überhaupt gehört, aufbrechen, muss man das Unbewusste und die dahinter liegenden Motive psychologisch aufdecken und verstehen. Die Autoren gehen von zwei (beobachtbaren) Phänomenen aus: 1. Abwehr der Nazi-Vergangenheit; dazu gehört die Verleugnung, einen rassischen Krieg verloren zu haben. Stattdessen und im Widerspruch dazu werden Ansprüche an verlorene deutsche Ostgebiete gestellt. 2. »Ein lebhaftes Interesse bei allen Beteiligten für technische Probleme steht in Kontrast zu Indolenz [Trägheit, Gleichgültigkeit, G.M.], mit der unsere politischen Grundrechte behandelt werden« (S. 17). Die Hypothese der beiden Autoren lautet, zwischen der hartnäckig aufrechterhaltenen Abwehr von Erinnerungen, der Sperrung gegen eine Gefühlsbeteiligung an den in den 1960er Jahren verleugneten Vorgängen der Vergangenheit (Faschismus) und dem herrschenden politischen und sozialen Immobilismus und Provinzialismus besteht ein determinierender Zusammenhang.

Was soll überhaupt anerkannt werden, welche Wirklichkeit ist gemeint? Ihre Antwort: Es gab eine breite Zustimmung und breiteste Duldung Hitlers; er versprach die Befriedigung infantiler Omnipotenzphantasien (S. 34): »Es war herrlich, ein Volk der Auserwählten zu sein.« Das Einverständnis zwischen Führer und Volk war ungetrübt. Die Deutschen hätten bewusst einen rassischen Krieg mit dem Ziel der Vernichtung und Versklavung Osteuropas begonnen. Ein Ergebnis ihrer hemmungslosen Menschenverachtung war die Ermordung von sechs Millionen Juden. Doch die »Herrenrasse« verlor einen totalen Krieg total, die gewaltigen Eroberungs- und Ausrottungsprogramme scheiterten; es siegten die »Schwächlinge«, die »Untermenschen«, die »Minderwertigen«. Alle diese Erkenntnisse hätten zu einer kollektiven Depression führen müssen, zu einer Trauer um den geliebten Führer, und zu Reue, Selbstvorwürfen und Verzweiflung um die Verbrechen, die das Kollektiv begangen und geduldet hat. Das alles geschah nicht.

»Die Unfähigkeit zur Trauer um den erlittenen Verlust des Führers ist das Ergebnis einer intensiven Abwehr von Schuld, Scham und Angst; sie gelingt durch den Rückzug bisher starker libidinöser Besetzungen. ... Als Anlass zur Trauer wirkt übrigens nicht nur der Tod Adolf Hitlers als realer Person, sondern vor allem das Erlöschen seiner Repräsentanz als kollektives Ich-Ideal. ... Erst in zweiter Linie folgt die Abwehr der Trauer um die zahllosen Opfer der Hitlerschen Aggression« (S. 34/35). Die Autoren können das verstehen: Die Abwehr der Trauer sei ein Notfall-Vorgang, »die dem biologischen Schutz des Lebens sehr nahe kommt« (S. 35).
Der Zusammenbruch des Ich-Ideals bedeute eine völlige Entwertung des Ich. Dem eigentlich zu erwartenden seelischen Zusammenbruch wird entgangen, indem alle affektiven Brücken zur Vergangenheit Mitte 1945 schlagartig abgebrochen wurden. Auf die erhoffte »Endlösung« folgte ein zunächst entbehrungsreicher, aber normaler Alltag; der Nazismus sei damit »entwirklicht« worden. Der Nationalsozialismus blieb somit ein Traum, kein Albtraum.

Der »infantile Narzissmus der Deutschen« hatte nach Hitler als einem »Liebesobjekt« verlangt. Das Ich-Ideal wurde ausgetauscht gegen ein Führer-Ideal. In der politisch gewollten Exaltation (Überspanntheit, Erregung) setzte sich die Libido über alle Einsprüche des Über-Ich und des Gewissens hinweg. »Liebe macht blind«, sagt der Volksmund, vor allem die narzisstische Liebe, denn um die handelte es sich. Versagt dann die Vater-Autorität (Hitler), wird seine Schwäche, sein Verschwinden enttäuscht beklagt. So kommt es, dass sich der gehorsame Henker als Opfer sieht, dessen Wunsch nach Führung und Schutz enttäuscht wurde.

Mitscherlichs berufen sich auf Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921), eine Analyse des Verhältnisses zwischen Masse und Führer. Der Führer, so Freud, besetze das Ich-Ideal des Einzelmenschen. In der Verschmelzung von Führer und Individuum unterliege das bislang aufgebaute Gewissen (Über-Ich), man darf ungestraft regredieren. Das humane Gewissen, das sich rühren sollte, schweigt, wenn die Vernichtung anderer befohlen wird. Doch der (Über-)Vater wird nicht nur geliebt, sondern zugleich auch gefürchtet. Diese Ambivalenz wird entschärft durch die Erzeugung von Gegnern außerhalb der eigenen Gruppe. Der Zwang, Hitler zu folgen, wurde zur Lust durch die Erlaubnis, infantile Aggressionen ungehemmt ausleben zu dürfen.

Was heißt »Trauer«, was »bewältigen«? Trauer ist laut Mitscherlichs die allmähliche Einsicht, dass ein geliebtes Objekt nicht mehr existiert, die langsame Einwilligung in die Realität des Verlustes, verbunden mit dem stückweise Zerreißen der Bindungen an das geliebte, außerhalb einem selbst liegende Objekt, also mit Schmerzen (S. 78). Wurde aber das Objekt narzisstisch geliebt, war das geliebte Objekt also das in einem selbst liegende Ich-Ideal, befriedigte es (das Objekt) in erster Linie die Selbstliebe und die Eitelkeit. Versagt es, wird es kaltblütig fallen gelassen und bald vergessen. Es kommt, so die Mitscherlichs, nur zur Trauer um einen selbst – genauer: zu Selbstmitleid –, weil das Ich plötzlich verarmt ist.

Was schlagen die Autoren vor? Eingestehen, dass man Hitler geliebt hat, und Trauer um diesen Verlust. Erst in zweiter Linie Trauer um die Mitmenschen, die durch Duldung oder Tat massenweise getötet wurden. Mitscherlichs weisen immer wieder auf das »Infantile« an diesen Menschen hin, d.h. auf die unabgeschlossene Entwicklung. Daraus leitet sich die Forderung nach Entwicklung hin zum erwachsenen, »genitalen« Charakter ab. Die Therapie heißt Reifung und Einfühlung, heißt die Realität akzeptieren. Tatsächlich aber befinde sich das Volk der Bundesrepublik schon wieder (in den 1960er Jahren) im Stadium einer hörigen Idealisierung, diesmal gegenüber den USA. Solange die Nazizeit nicht als schmerzliche Erinnerung zugelassen werde, könne die Vergangenheit, da sie eben »unbewältigt« ist, ungebeten zurückkehren. Trauer um Hitler? Das scheint zunächst ein ziemlich absurder Gedanke. Aber er macht den Reiz dieses Buches aus. Diese Provokation wirkt dennoch befremdlich auf den Leser.

Über 45 Jahre nach der Erstveröffentlichung stellen sich zwei Fragen: Lagen die Mitscherlichs mit ihrer Diagnose richtig? Und wenn ja, gilt sie noch heute? Die 1960er Jahre waren auch ein Jahrzehnt großer Nazi-Prozesse, so 1961 gegen Eichmann in Jerusalem, gegen den General der Waffen-SS Karl Wolff in München und die Auschwitz-Prozesse 1963-65 in Frankfurt/Main. Die Zahl alter Nazis in hohen Staatsämtern war überschaubar. In den Folgejahrzehnten hat die Bundesrepublik aktiv und erfolgreich die Aussöhnung mit Frankreich und Polen betrieben. Und unterschätzten die Mitscherlichs nicht den Terror des Regimes? Standen die Deutschen wirklich geschlossen hinter Hitler? Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte lässt daran Zweifel aufkommen. Und nicht zuletzt bleibt die Frage weiter virulent, ob und in welchem Umfang sich am Individuum gewonnene Erkenntnisse auf Nationen oder Völker anwenden lassen.

Dr. Gerald Mackenthun (Berlin)      

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