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Machiavelli, Nicolò (1513/1532): Der Fürst. 2001, Frankfurt/M.-Leipzig 2001 (Insel- Taschenbuch)


Niccolò Machiavelli (1469-1527) gilt als der Begründer der modernen politischen Theorie, er legte die erste neuzeitliche Machtanalyse vor. Keiner hatte bis dahin die Regeln und Gesetze der politischen Disziplin formuliert. Er lebte zur Zeit der unruhigen Renaissance in Florenz, wo er 1498 Sekretär der Staatskanzlei wurde und bis 1512 in der Außen- und Verteidigungspolitik des Stadtstaates tätig war. In diplomatischer Mission beim Vatikan und in Deutschland sowie der Schweiz hatte er Gelegenheit, Menschen und Herrschaftsformen ausgiebig zu beobachten. 1512 erlitt die Republik Florenz eine militärische Niederlage gegen französische Besatzer; die Medici und damit auch Machiavelli wurden gestürzt und gefangengesetzt. Italien hatte unter den Machtkämpfen zwischen Franzosen und Spaniern um italienische Städte und Provinzen zu leiden, außerdem mischten der Papst, Schweizer Söldner und deutsche Landsknechte mit.

Zunächst kamen die Medici recht schnell wieder an die Macht. Mit mehreren Schriften bewarb sich der überzeugte Republikaner Machiavelli erneut für den Medici-Staatsdienst: Il Principe – Der Fürst (1513), Discorsi (Wesen der Republik; 1513-17) und Geschichte von Florenz (1521). Das Buch Der Fürst wurde 1513 handschriftlich verfasst und 1516 Lorenzo die Medici (1492-1519) überreicht. Gedruckt wurde das Büchlein erst 1532.

Die zentrale Frage Machiavellis lautet, wie lässt sich (politische) Macht erwerben, erhalten und steigern? Ein zentraler Begriff und Wert seines schmalen Buches ist virtù, was Tugend, Tüchtigkeit, Kraft, politische Energie, Tatendrang, Willenskraft und Machtstreben bedeutet. Macht wird, und das ist neu, ohne alle moralische Wertung allein von der Wirkung her definiert: Ist sie geeignet, Macht zu erwerben und zu erhalten und zugleich die Bevölkerung im Zaum zu halten? Es gibt also keine transzendente Herleitung mehr.

»Machiavelli (antizipierte) als erster die Heraufkunft oder die Wiederkehr eines rein weltlichen Bereichs, dessen Prinzipien und Verhaltensregeln sich von den Geboten der Kirche emanzipierten und dessen moralische Wertsetzungen von keiner Transzendenz mehr gegründet und begründet sein würden. Dies ist der Sinn seiner vielfach missverstandenen Lehre, dass es in der Politik darum gehe, zu lernen, ‚nicht gut zu sein’, nämlich nicht im Sinne christlicher Moralvorstellungen zu handeln« (Arendt, H.: Über die Revolution (1965), München 1994, S. 43).

Es geht um Eroberungen von Staaten und wie man sie hält, um die Bildung von Kolonien, um das Austarieren von Macht, wie man sich Freunde kauft und wie man die Feinde unterdrückt, es geht um das Schmieden von Bündnissen – immer mit dem Ziel der Machteroberung und des Machterhalts. Machiavelli greift dabei auf viele historische Beispiele und Erfahrungen zurück. Das Machtspiel wird mit großer Nüchternheit und Pragmatismus betrachtet. Glück und Schicksal spielen allerdings auch eine Rolle. Deren Einfluss soll aber durch kluges, d.h. machtbewusstes Handeln eingedämmt werden. Das ewige Hin und Her im Machtgefüge schien ihm eine Selbstverständlichkeit.

Man könne wohl Herrschaft, aber keinen Ruhm durch Mord, Verrat und Unmenschlichkeit erwerben, schreibt er. Grausamkeit werde zu Recht, wenn »das Böse« ein einziges Mal zur eigenen Sicherheit ausgeübt wird, dann aber aufhört. Ein Missbrauch wäre es, wenn das Böse mit der Zeit eher zunimmt als nachlässt. Damit zusammenhängende Gewalttaten müssen schnell und eindeutig erfolgen, dann würden sie eher vergessen. Wohltaten aber sollen nach und nach erwiesen werden, damit sie sich besser einprägen. Das Volk sei leicht zu befrieden, es wolle kaum mehr, als nicht unterdrückt zu werden.

Ein zentraler Punkt sind die Streitkräfte. Eine gute Bewaffnung habe sich immer ausgezahlt, die Friedfertigen seien ja jedes Mal untergegangen. Söldner und Hilfstruppen seien aber gefährlich, denn in ihrer Zuneigung wankelmütig und unzuverlässig. Wer also auf keinen Fall siegen will, so Machiavelli ironisch, möge sich auf Söldner und Hilfstruppen stützen.

Doch die Kriegskunst bleibt die wichtigste Beschäftigung eines Fürsten. Nur die Bewaffnung bringt Ruhm und Ehre, während das unkriegerische Wesen eine Schmach sei, vor welcher sich der Fürst hüten müsse. Zwischen einem Bewaffneten und einem Unbewaffneten gebe es kein Verhältnis. Man könne nicht erwarten, dass der Bewaffnete dem Unbewaffneten willig gehorcht. Der Unbewaffneten fühlt sich unter Bewaffneten eher unsicher; er müsse immer die Gewalt fürchten. Auch in Friedenszeiten solle man stets an den Krieg denken.

Machiavelli geht es um Klugheit, genauer gesagt um die Klugheit der Autokraten, und Klugheit bedeutet, Macht zu erringen und Macht zu halten. Macht ist Selbstzweck. Ein Fürst dürfe durchaus grausam sein, dass sei jedenfalls besser, als wenn er durch Nachgiebigkeit Unordnung schaffen und Aufstände provoziert. Man solle vom Volk sowohl gefürchtet als auch geliebt werden. Als Feldherren müssen sie erbarmungslos Härte zeigen, was die Verehrung und die Furcht des Soldaten sichert. Selten gewinne ein Fürst Ruhm durch vorbildliche Taten, vielmehr erwerbe er sich Achtung durch große Unternehmungen, vor allem Eroberungen und Kriegszüge.

Ein Fürst braucht nicht tugendhaft zu sein, es reicht, wenn man ihn für tugendhaft hält. Zum Erringen und Behalten der Macht muss ein Fürst flexibel sein und dabei gegen alle Tugenden der Menschlichkeit verstoßen. Er dürfe das aber nicht so weit treiben, dass die Menschen ihn hassen und verachten. Das Volk soll nicht unzufrieden werden, denn sonst drohen Verschwörungen. Davon gab es damals genug, nicht alle waren erfolgreich, aber wie viele Fürsten starben in Ausübung ihres Amtes eines unnatürlichen Todes. Die beste Sicherheit für einen Fürsten sei die Zuneigung des Volkes.

Natürlich ist die Auswahl treu ergebene Minister von großer Bedeutung. Eine Gefahr stellen die Schmeichler dar. Ein Fürst dürfe nicht zu sehr auf andere hören, sonst wird er verachtet. Andererseits muss er aber guten Ratschlägen zugänglich sein. Am besten ist es, einen engen Kreis von Vertrauten um sich zu scharen, die allein es wagen dürfen, dem Fürst gegenüber eine andere Meinung zu vertreten.

Im letzten Kapitel fordert Machiavelli den jungen Lorenzo Medici auf, Italien zu einen. Wenn es einer schafft, dann dieses Geschlecht. Der Aufruf Machiavellis an die Medici richtete sich gegen die verheerende Herrschaft der Franzosen seit 1494.

Seinen unmittelbaren Zweck hat das Buch allerdings verfehlt. Die Medici konnten Italien nicht vereinen, regierten allerdings Florenz, doch nur bis 1527, dem Jahr, in dem Machiavelli starb. Der Individualismus der Renaissance war einer der Gründe, warum die italienischen Städte mit ihrem Umland starke Fürstentümer oder Republiken bildeten, die sich nicht zu einer Nation formen ließen. Diese fünf großen Republiken waren Florenz, Mailand, Venedig, Rom und Neapel. Unter anderem wurde Neapel von den Franzosen und dann für zwei Jahrhunderte von den Spaniern unterworfen.

Machavellis Büchlein wurde von Anfang an angefeindet: »Ich sage Euch, dass Ihr ein durch und durch schädlicher Mensch seid und dass ich Euch nicht in meinem Haus haben möchte... Von Grund auf destruktiv seid Ihr, im Wesen schwärzer als Kohle« (Filippo de Nerli (päpstlicher Gouverneur), zit. n.: Reinhardt, V.: Machiavelli oder die Kunst der Macht, München 2012, S. 7).

Doch was den Gebrauch der Gewalt angeht, so ist das Alte Testament eine viel härtere Lektüre. Woran liegt es also, dass Machiavelli Anstoß erregte? Er erregte Bestürzung, weil er die Vorteile und Annehmlichkeiten einiger Laster schilderte. Seine Ausführungen beruhen auf bitteren Erfahrungen. In den damaligen Kriegen waren Plünderungen und Grausamkeiten schon ins Maßlose gesteigert worden, einerseits durch die Entwicklung von Schusswaffen und andererseits durch den Kauf von Söldnerheeren.

Der gebildete Europäer hat heute Mühe mit der Lektüre. Die Politik hat einen radikalen Wandel vollzogen. Krieg ist in Demokratien kein Mittel der Politik mehr. Politik hat Krieg zu vermeiden, das ist ihr erster Zweck. So kann Machiavellis Schrift uns Heutigen nicht zur Anleitung dienen. Als Vorwurf aber spielt der »Machiavellismus« in der politischen Debatte weiterhin eine Rolle.

Dr. Gerald Mackenthun      
Januar 2015

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