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Laura Van Dernoot Lipsky: Trauma Stewardship: An Everyday Guide to Caring for Self While Caring for Others. Broschur, MCGRAW-HILL Professional Verlag 2009, Englisch, 264 Seiten.

 


Aus der Einführung: Wir besuchten unsere Verwandten in der Karibik. Wir waren auf die Spitze einiger Klippen einer kleinen Insel hinaufgewandert, und für einen Moment stand die ganze Familie still zusammen, staunend, auf die See hinunterschauend. Es war ein wunderbarer Anblick. Da war türkises Wasser soweit das Auge reichte, wolkenloser Himmel, und Luft, die sich unbeschreiblich anfühlte. Als wir die Kante des Kliffs erreichten war mein erster Gedanke, „Das ist unglaublich schön.“ Mein zweiter Gedanke war, „Ich frage mich, wie viele Menschen sich wohl das Leben genommen haben, indem sie sich von diesen Klippen gestürzt haben.“

Soweit zum Beginn des Buches. Erst als ihr Vater daraufhin fragte, „Bist du sicher, dass all die Trauma-Arbeit dich nicht selbst erwischt hat?“ reflektiert die Autorin, was sie da gerade gedacht hat - und was das über sie aussagt. So begann für sie die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema der sekundären Traumatisierung.

Allzu leicht geraten wir in die Falle zu meinen, dass viel auch viel hilft, ohne zu bemerken, dass alles gar nichts mehr ist, wenn wir nicht mehr dabei sind. Gerade Traumatherapeuten, unabhängig ihrer methodischen Ausrichtung, scheinen anfällig dafür, die Welt im Kleinen retten zu wollen - sie arbeiten viel, der Kontakt mit Kollegen, Hobbys, private Beziehungen werden oft hintenangestellt.

Irgendwann wird dann von anderen festgestellt, dass die Sensibilität im Zwischenmenschlichen nachlässt, eine gewisse Fokussierung auf das nächste Projekt, die nächste Klientin festzustellen ist, ein ständiges Beschäftigtsein, Ruhe zu finden wird auf später verschoben. Es ist ja so - der Bedarf ist groß, die Not oft noch größer, die strukturellen Rahmenbedingungen werden in Institutionen immer enger geschnallt, was das Engagement des Einzelnen herausfordert. Und Menschen in sozialen Berufen erleben häufig, dass ihr persönliches Engagement, ihr Einsatz und ihre Kompetenz und Erfahrung den entscheidenden Unterschied macht.

Natürlich sind das klassische Symptome der Mitempfindungsmüdigkeit, einer Vorstufe des Burnout-Syndroms. Sie betrifft Helfer im weitesten Sinne.

Das Autorenteam hat viele solcher Fälle kennen gelernt und begleitet, ausgehend von der Erfahrung eigener Betroffenheit. Sie schreiben für und über eine breitere Gemeinschaft von Menschen, die gewöhnlich jeweils allein vor Ort für eine bessere Welt kämpfen, Therapeuten, Sozialarbeiter, Öko-Aktivisten, medizinisches Personal, „kurz gesagt, jeden, der mit dem Leid, dem Schmerz, der Krise anderer oder unseres Planeten zu tun hat“. Ihre Perspektive überschreitet die personale Ebene und benennt in Ansätzen auch gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge, regt also auch eine systemische Sichtweise an.

Die Fallbeschreibungen liefern schöne Illustrationen und erhöhen den Wiedererkennungswert bei anderen und sich selbst. Cartoons zum Thema lockern die Texte auf, so dass sich das Buch als Lesebuch auch in Teilen gut „wegschmöckern“ lässt, mittlere bis etwas bessere Englischkenntnisse vorausgesetzt. Es bleibt immer eine gewisse Leichtigkeit und beobachtende Distanz mit gleichzeitig freundlicher Nähe gewahrt, potentiell Belastendes wechselt sich ab mit Anregungen, Hinweisen, netten kleinen Geschichten und Übungen. Statt also der schon vorhandenen Last die der Realisierung erschwerend hinzufügen, werden überall Auswege und Hinweise geboten, die einladen, es besser werden zu lassen als es ist. Aus meiner Sicht ein Buch, das des Lesens in Muße wert ist und hilfreich sein wird, in der Profession das eigene Mensch-Sein nicht aus den Augen zu verlieren.

Harald Eisenberg, Gelsenkirchen      email
Juni 2011

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Lipsky: Trauma Stewardship
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