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Krämer, Walter (2011): Die Angst der Woche. Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten. München (Piper), 285 S., 19,95 Euro


Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer hat in seinem Institut ein Pinnbrett zum Thema "Die Angst der Woche". Krämers Buch Die Angst der Woche (2011) beginnt mit der Aufzählung aberwitziger Alarmmeldungen, die von den Gefahren durch herabfallende Kokosnüsse über sich vermeintlich häufende Hai-Angriffe bis hin zur angeblich gesundheitsschädlichen zuckerfreien Limonade reichen. Es scheint kaum ein Verhalten zu geben, dass nicht irgendwie mit Krebs zu tun hat. Marathonläufer zum Beispiel haben ein leicht erhöhtes Risiko, daran zu sterben. Ebenso, wer täglich anderthalb Plätzchen ist. Aber woran sterben die Deutschen tatsächlich? An Übergewicht, zu hohem Blutdruck, Diabetes, mangelnder Bewegung und Rauchen. Danach kommen Straßenverkehr und Haushaltsunfälle. Und worüber schreiben die Medien? Über Bakterien in Autowaschanlagen, Giften in Babyschnullern und möglichen Erdnuss-Allergien in vermeintlich falsch deklarierten Lebensmitteln. "Heute ist die Epidemiologie zu einem Selbstbedienungsladen für Panikmacher verkommen“, ärgert sich Krämer. Die Diskrepanz zwischen Berichterstattung und tatsächlichen Gefahren ist offenkundig. Ob je ein einziger Säugling an Bisphenol Alpha in Babyschnullern erkrankte, ist mehr als fraglich. Die Medien berichten aber so, als ob Menschen unmittelbar vor der tödlichen Bedrohung stehen. Die Formel, "steht im Verdacht krebserregend zu sein", ist ein probater medialer Panikverstärker.

Krämer wendet viel Aufmerksamkeit darauf zu belegen, dass die Alarmliste der deutschen Medien und die Bereitschaft der Bevölkerung, darauf anzusprechen, in Deutschland größer sind als in anderen Ländern. Seine Recherche ergab, dass die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau drei- bis viermal mehr Angstmeldungen als El Pais in Spanien, Le Figaro in Frankreich oder La Repubblica in Italien publizieren. Und noch etwas ist erstaunlich: Deutsche Zeitungen schreiben viel über Dioxinbelastung (um nur ein Beispiel zu nennen) und andere Gefährdungen im Ausland, und glauben, diese Meldungen, von denen das deutsche Publikum nichts hat, nicht vorenthalten zu dürfen. Bei der Fukushima-Havarie schien in Deutschland die Welt unterzugehen, nicht in Japan. Die Angst ist ein Meister aus Deutschland.

Krebs ist die Angstmetapher schlechthin für unsere Zeit. Mit Krebs lässt sich zuverlässig Panik erzeugen. In der Hamburger Zeit beispielsweise wurde die Meinung vertreten, Krebs liege in der Luft, im Wasser, in den Chemikalien, in den Medikamenten; Krebs sei der Tribut an die Industrialisierung, die Folge eines ungezügelten Wirtschaftswachstum. Dies dürfte die Mehrheitsmeinung der Deutschen sein. Tatsächlich ist Krebs unvermeidlich, weil bei der DNA-Replikation unweigerlich Fehler auftreten. Je länger wir leben, desto länger haben unsere Zellen Zeit, bei ihren Teilung und Vermehrung Fehler zu machen. Von den zusätzlichen, menschengemachten Krebsursachen sind eigentlich nur das Rauchen und das fette Essen zu nennen. Je älter wir werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, Krebs zu entwickeln und daran zu sterben. Als die mittlere Lebenserwartung bei 40 Jahren lag, war Krebs kein Thema. Die Krebshäufigkeit in den einzelnen Altersstufen steigt nicht, was darauf hindeutet, dass die Industrialisierung mit der Krebshäufigkeit nichts zu tun hat.

Wenn das Wort Chemie fällt, assoziieren die meisten Menschen „Vergiftung“. Krämer erregt sich über die so genannte REACH-Verordnung der EU-Kommission in Brüssel, mit der die Kontrolle über künstlich hergestellte chemische Stoffe noch einmal ausgeweitet wurde. Der Nutzen kann mit Recht angezweifelt werden. Die Elimination auch der letzten Risiko-Promille kostet Unsummen von Geld. Genau das scheint bei REACH der Fall zu sein. Der erhoffte gesundheitliche Nutzen tritt nicht ein, wie Krämer mathematisch beweist. Ausführlich beschäftigt er sich mit der Desinformationskampagne politisch interessierter Kreise bezüglich einer angeblich erhöhten Leukämierate in der Nähe von bestimmten Kernkraftwerken. Die wenigsten Häufungen von Leukämie bei Kindern und Jugendlichen liegen um Kernkraftwerke herum; eher findet man signifikant mehr Leukämiefälle in der Nähe von katholischen Kirchen, Fußballstadien oder Parteibüros der Grünen.

Krämer weiß aber auch, dass die überzeugendsten Argumente gegen Panikmache an den meisten Menschen abprallen. Die Einstellung zu Gefahr und Risiko ist nicht kopf-, sondern bauchgesteuert. Aber mit Argumenten besteht immerhin die Chance, dass sich die Risikobewältigung Zentimeter für Zentimeter von den Gefühlen weg zur Vernunft verschiebt (S. 275). Der zweite Schritt ist der Abschied von der Null-Risiko-Illusion. Die Bürger sollten lernen, mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten richtig umzugehen. Gegen falsche Angst und kontraproduktive Panik hilft allein Vernunft und Statistik.

© Gerald Mackenthun, Berlin 2011


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