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Kind Jürgen: Das Tabu. Was Psychoanalytiker nicht denken dürfen, sich aber trauen sollten. Klett-Cotta, Stuttgart 2017


Freud hat den Ödipus-Mythos nur zu kleinen Teilen in seine Theorie vom Ödipuskomplex eingebunden. Nur soweit, wie es ihm für seine Theorie passte, und hat damit den Mythos in ein Pro­krustesbett gezwängt. Kind macht umfänglich deutlich, wie lange dieses Denkverbot, den Ödipuskomplex in seiner beschränkten Variante zu hinterfragen, Psychoanalyti­ker*innen blockiert hat – und noch blockiert. Unter Bezug auf die Handhabung des Ödipuskomplexes in der Psychoanalyse macht Kind einige Denkverbote deutlich und rückt die Psychoanylse näher an eine Religi­on heran, wobei sie natür­lich den Wissenschaftscharakter einbüßt. Diese Kritik ist nicht neu. Hier aber kommt sie wieder ein­mal von einem Mitglied der „Gemeinde“ (Cremerius, selbst Kernberg ha­ben Kritisches formuliert).

Frühe Kritiker (Adler, Jung, Ferenczi, Rank) wurden schnell „exkommuniziert“. Und es ist kein Wunder, dass Adler zum Beispiel nach seinem Austritt aus der Mittwochsgesellschaft den „Verein für freie Psychoanalyse“ gründete. Denn schon früh gab es bestimmte Dogmen, die nicht mehr zur Debatte standen. Dazu gehörte später auch der Ödipuskomplex, ohne dessen Akzeptanz der Titel „Psychoanalytiker“ verwirkt war.

Diese dogmatische Haltung bildete sich auch in der Ausbildung ab, wie Kind schreibt. Und wohl nahezu jeder Kandidat wird sich an solche Dogmen erinnern. In meiner Weiterbildung wurde etwa das Dogma der Verführungstheorie hoch gehalten, als längst schon in der fachlichen Debatte die weite Verbreitung der sexuellen Übergriffe in der Familie diskutiert wurde. Der Dozent damals wollte die Diskussion dadurch beenden, dass er meinte: „Sie wollen doch nicht hinter Freud zurück gehen?“ Nein, aber auch nicht bei ihm stehen bleiben!

Dass Freud nicht immer redlich war, zeigte sich schon früh in der Kokainaffäre (Sigmund Freud, Schriften über Kokain, hrsg. von Albrecht Hirschmüller, Fischer TB Verlag, Frankfurt am Main 1996). Später dann im Umgang mit der gemeinschaftlich mit Fließ durchgeführten Fehlbehandlung der Emma Eckstein, der Affäre Jungs mit Sabina Spiel­rein und eben auch in der Reduktion des Ödipus-Mythos.

Kind arbeitet heraus, dass schon Ödipus bestimmte unangenehme Fragen nicht stellte. So gab er sich mit ausweichenden Antworten seiner Adoptiveltern zufrieden, konfrontierte auch den nicht, der das Gerücht über seine Herkunft in die Welt setzte. Und er fragte auch beim Orakel von Delphi nicht nach. Überhaupt ist der Mythos eine Schnittstelle von der Matrilinearität zum Patriar­chat und just im patriarchalischen Sinne setzt auch Freud den Mythos ein. Es sind die Väter, die sich vor den Söhnen ängstigen und sie auf verschiedene Art und Weise ausschalten wol­len. Es sind immer die Alten, die Kriege anzetteln, in denen dann die Jungen hingeschlachtet wer­den. Laios, der Vater von Ödipus, war darüber hinaus ein Kinderschänder. Er war pädophil, hatte den Sohn eines anderen entführt und vergewaltigt, so dass sein Orakelspruch in der Mythologie, er würde durch die Hand seines Sohnes zu Tode kommen, auch als Strafe der Götter für seine Missetat angesehen werden kann. Darüber hinaus war die Zeugung des Ödipus schon dramatisch belastet, da der pädophile Laios wenig Interesse an seiner Frau Iokaste hatte, diese ihn unter Alkohol setzte und so zum Zeugungsakt zwang (erstaunlich allerdings, dass er da noch potent gewesen sein soll).

Der Orakelspruch ist dabei mehrdeutig (S. 41). So bedeutet er auch, dass Laios durch seinen Sohn abgelöst wird. Seinerzeit war es durchaus üblich, den herrschenden König zu tö­ten, solange er noch bei Kräften war. Verbunden damit war die archaische Vorstellung, seine Kraft würde auf den Sohn übergehen. Und tatsächlich bewahrheitet sich der Orakelspruch als Laios neu­erdings sich auf den Weg nach Delphi macht, da er mit der Plage der Sphinx vor den Toren Thebens nicht fertig wurde. Und merkwürdig immerhin, dass Iokaste nicht bemerkt haben will, dass Ödipus verletzte Fußfesseln hatte, sie an den Sohn erinnern und assoziativ zur Gleichaltrigkeit des Sohnes mit ihrem neuen Gatten führen müsste. Die psychoanalytische Perspektive schränkt sich auf das sexuelle Begehren des Sohnes und den Vatermord ein. Nicht berücksichtigt wird, dass es hier um Machtgewinn geht. Die ‚alte Vettel‘ ehelicht Ödipus und er erhält immerhin ein Königreich dafür.

Ein starker Vorwurf – allerdings einer, der nicht nur die Psychoanalyse trifft – besteht darin, dass sich Psychoanalytiker*innen von einer Theorie leiten lassen. Sie finden dann bei den Patienten, was die Theorie vorgibt, haben das Suchen aufgegeben, weil ja Freud schon alles gefunden hat. Der Vorwurf trifft hoffentlich heute nicht mehr in dem Maße zu, mindestens seit der Objektbeziehungstheorie (die freilich immer noch von „Objekten“ spricht), besonders aber seit der intersubjektiven Wende in der Psychoanalyse. Bei letzterem Ansatz begegnen sich Subjekte und folglich entsteht zwischen ihnen ein interaktioneller Prozess, wird nun auch ‚Begegnung‘ theoretisch gefasst.

Besonders der Psychoanalytiker, dessen Tätigkeit auch darin besteht, gewohnte Zusammenhänge bei seinem Patienten zu hinterfragen, mag dazu tendieren, dann, wenn sich Zusammenhänge auflösen, wenn er nichts mehr versteht und mit seiner Hermeneutik am Ende ist, einen solchen offenen Zu­stand vorzeitig durch eine Deutung zu beenden. Eine solche Deutung soll da Sinn stiften, wo sich noch keiner erschlossen hat, mit dem Ziel, das für Patient und Analytiker schwer erträgliche Gefühl, nicht zu wissen, worum es geht, zu beenden. Solche Interpretationen befreien aber eher den Analytiker aus seiner Orientierungskrise, als dass sie neue Zusammenhänge entstehen lassen. Ge­legentlich trifft man auf die Vorstellung, eine solche Orientierungslosigkeit des Analytikers einer unbewussten Tendenz des Patienten zuschreiben zu können. Dieser sei es, der zum Beispiel aus Neid die konstruktiv-deutende Arbeit des Analytikers nicht ertrage und sie deshalb (unbewusst) lähmen müsse. Ein sol­che Ansatz ist aber in sich selbst schon fragwürdig, da er den Zustand des „Identitätsverlustes durch Einbuße der Deutungskompetenz“ als potenziell fruchtbar verwirft. Hingegen kann dieser Zustand auch als „status nascendi“ für neue Zusammenhänge verstanden werden, für die alle bisherigen Namen (Deutungen und Theorien) nicht taugten und ein neuer Name bzw. Sinn gefun­den werden muss (S. 141f).

Interessant ist auch der Aspekt, wonach die Theorie von der Urhorde und dem kollektiven Vatermord schon zu Freuds Zeiten unhaltbar war und als reine Spekulation kritisiert wurde. Die Psychoanalyse musste sich bereits 1920 den Vorwurf gefallen lassen, die historische Ethnologie nicht zur Kenntnis genommen zu haben (S. 157).

Das Vorbild einer Haltung, die Wahrheit gefunden zu haben, ist Ödipus, der die Auskunft des Orakels für bare Münze nimmt, indes die Priesterin möglicherweise nur eine Vermutung geäußert hat. Die Überzeugung, die Wahrheit zu kennen, macht notwendig blind. Dies ein wesentlicher Kern des Konfliktes zwischen Freud und Ferenczi. Ferenczi wusste nur, dass er nicht wissen kann, ja zusammen mit derm1 Patient*in herausfinden muss, was des Pudels Kern möglicherweise sein kann. Darin kann Ferenczi als Vorläufer der intersubjektiven Theorie angesehen werden. Wie auch Rank, der meinte, für jeden Fall müsse die Behandlung neu erfunden werden. Meint fran jedoch, die Wahrheit schon zu haben, dann manipuliert fran dien Patient*in. Es kann dazu führen,

dass aus jemandem, der kommt, um herauszufinden, wer er ist, je­mand wird, dem gesagt wird, wer er sei; aus jemandem, der sucht, jemand, der akzeptieren soll, was ein anderer meint, gefunden zu haben (S. 163).

Die in Psychoanalysen und in Ausbildungen vorfallenden Grenzverletzungen sind nach Kinds Auffassung nicht nur Folge schlecht ausgebildeter Therapeut*innen, sondern sind ein „strukturimmanenter Faktor der Psychoanalyse“ (S. 166). Wie bereits in den Anfängen der psychoanalytischen „Bewegung“ wurden die Adepten zu Selbstobjekten des genialen Erfinders der Psychoanalyse. Da wurde das Wohl und Wehe nicht nur der Patient*innen, sondern auch das der Mitstreiter*innen davon abhängig gemacht, ob es „der Sache“ dienlich sei. Sowohl das Beharren Freuds darauf, dass seine Patient*innen seine Deutungen akzeptieren, wie seine Forderung, dass die Teilnehmer*innen (Mitglieder) der Mittwochsgesellschaft an ausschließlich seine Theorien glauben, als auch das Einschwören der Herren des Geheimkomitees,

in dem die Mitglieder anstrebten, sich per Analyse durch Freud einer seelischen Angleichung zu unterziehen, das Prinzip ist das gleiche: Wandlung des individuellen Selbst zum verlängerten Arm des Selbst eines anderen, des nunmehr zentralen Subjekts. Das Streben nach dem Status, gewissermaßen zur Außenstelle des Freud‘schen Selbst zu werden… (S. 183).

Wer sich weigerte, wurde pathologisiert.

Es waren stets diese unerhörten Situationen, die Freud mit seinen Selbstobjekten erlebte. Alle, Adler, Stekel, Jung, Rank, Ferenczi, Reich emanzi­pierten sich, brachen den Selbstobjektstatus auf, und es ist leicht nachvoll­ziehbar, das bei Verlust seiner Selbstobjekte das zentrale Subjekt Maßnahmen ergreifen wird, die geeignet sind, ins Gleichgewicht zurückzufinden. Alle wur­den sie verurteilt (S. 187).

Im Fall der missbräuchlichen, ja gefährlichen Behandlung der Emma Eckstein durch Fließ und Freud, kann Kind zeigen, dass es sich um einen besonders eklatanten Fall von „Höherbewer­tung einer Theorie gegenüber der Ratio und die Verweigerung der Akzeptanz von Schuld“ handelt (S. 199). Diese Art von Beugung der Tatsachen bis sie sich zur Theorie fügen, führte Karl Abraham im Falle der sexuellen Übergriffe weiter, bis daraus ein Wunsch der misshandelten Kinder wurde.

„Der Gewinn an se­xueller Vorlust oder Befriedigungslust“ heißt es bei ihm, „ist es, nach dem die kindliche Libido tendiert, wenn das Kind sich dem Trauma hingibt [Hervorhebung JK]“. Und weiter: „Das Kind erleidet das Trauma aus einer Absicht seines Unbe­wussten. Das Erleiden sexueller Traumen in der Kindheit gehört, wenn ihm ein unbewusstes Wollen zugrunde liegt, zu den masochistischen Äußerungen des Sexualtriebes. Es stellt also eine Form infantiler Sexualbetätigung dar“, ein Standpunkt, den Hirsch (1994, S. 41) als „ein Beispiel »schwärzester« Psy­choanalyse“ bezeichnet. Auch in der Gegenwart lebt dieses Denken fort. So kann man im Zusammenhang mit dem Missbrauchskandal an der Deutschen Odenwaldschule, einem sogenannten Eliteinternat, in der Frankfurter Allgemeinen vom 21.3.2010 lesen: „Der Doyen der deutschen Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, hatte den Spieß gleich ganz umgedreht und behauptet, falls es überhaupt zu Vorfällen gekommen sei, dann, weil der Lehrer von Schülern ver­führt worden wäre“ (Fußnote 255, S. 203).

Zum strukturellen Problem der Psychoanalyse gehört auch die „Clanbildung“ in den Ausbildungsinstituten. Aus der Abschottung gegenüber anderen Wissenschaften (hier ist Kind nicht mehr aktuell, denn es hat mehr und mehr eine Öffnung stattgefunden. Um nur ein Beispiel zu nennen, sei auf den Dialog verwiesen, den Leuzinger-Bohleber mit den Neurowissenschaftler*innen aufgenommen hat.) folgt Anbetung des Totems Freud als Urahn. Dabei wird allerdings missachtet, dass es in den frühen Kulturen ein Endogamieverbot und ein Exogamiegebot gegeben hat.

Nach Kinds These findet sich unter dem Ödipuskomplex ein weiterer verborgen, der mit der präödipalen Entwicklungsphase in Zusammenhang steht und im wesentlichen die Mutter im Zen­trum hat – die Freud aus seiner Wahrnehmung ausklammerte, besonders in ihrer narzisstischen Be­dürftigkeit dem Sohn gegenüber.
Das ist kein wirklich neuer Aspekt. Denn in der patriarchalischen Kultur, in der es der Frau verunmöglicht wurde, ihren Wirkungskreis über das Haus hinaus auszuweiten, legt diese ihre Wünsche und Sehnsüchte in die Aktivitäten des Sohnes, an denen sie narzisstisch partizipiert.

Kind legt hier nicht unbedingt bisher nicht Gedachtes vor, führt aber versprengte Kritiken zu einem Gesamtbild zusammen. Ausgehend vom Ödipusmythos und dessen rundimentäre Beachtung in der Psychoanalyse macht er die Engen und Einseitigkeiten und die daraus resultierenden strukturellen Defizite der Psychoanalyse transparent. Gelingt es der Psychoanalyse nicht, sich davon zu verabschieden, die reine Lehre zu vertreten, die die Wahrheit für sich gepachtet hat, dann wird sie an Bedeutung einbüßen, nicht nur zu einer unter anderen Betrachtungsweisen psychischen Lebens werden, sondern in Vergessenheit geraten. Das wäre um so bedauerlicher, da sie über eine differenzierte Theorie zum Verständnis unbewusster Konflikte verfügt, sowie über fundierte Konzepte und Techniken zu deren Aufdeckung. Dazu müsste sie die Entidealisierung ihres Begründers zulassen, ohne diese mit dem Vatermord gleichzusetzen (S. 410).

Bernd Kuck      
Juni 2018

Siehe auch die Besprechung von Tillmann Moser

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