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Kind Jürgen: Das Tabu. Was Psychoanalytiker nicht denken dürfen, sich aber trauen sollten. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, 421 S., hardk., 49 Euro


Ein neuer Vatermord an Freud
Jürgen Kinds Kampf gegen den verkürzten Ödipus

Der milde Rauch des Zorns gegen die Anmaßung Freuds, die alleinige „Wahrheit“ der Psychoanalyse gefunden und verabsolutiert zu haben, durchzieht noch das herausragende Buch des kompetenten Zweiflers Jürgen Kind. Seine Herkunft aus der „Deutschen psychoanalytischen Gesellschaft“ im Gegensatz zur orthodoxen „Deutschen (freudianischen, T.M.) Psychoanalytischen Vereinigung“ muss erwähnt werden, damit der informierte Leser die Herkunft der Stoßrichtung erkennt.Die beiden Vereine waren sich nach dem Krieg ein paar Jahrzehnte rivalisierend spinnefeind: die „Gesellschaft“ war die Fortsetzung der Zunft der im Dritten Reich „Dagebliebenen“ mit dem ewig hervorgekehrten Makel der Anpassung, die „Vereinigung“ ist eine Neugründung 1945 durch eine kleine Schar der Freud-Getreuen, die sich bald als die „Elite“ fühlte und sich schnell wachsend gehorsam um die rechte Lehre versammelte. Inzwischen arbeiten beide Zünfte endlich einigermaßen versöhnt berufspolitisch und theoretisch wieder achtungsvoll zusammen und kooperieren in den übergeordneten Berufsverbänden.

Doch dieser Frieden ist im Gemüt des Autors noch nicht vollkommen eingekehrt: zu sehr scheint er persönlich und mit seiner Zunft unter dem geringschätzigen Überlegenheitsgefühl der „Elite“ gelitten zu haben. Doch er hat seinen Zorn ungeheuer ermäßigt und in stupender Wissenschaftlichkeit sublimiert, bis auf wenige Schlusskapitel, in denen ihm der polemische Gaul, doch in stiller Gangart, noch manchmal durchgeht.

„Zur Sache, unbeugsamer Prophet“, so könnte er Freud mit scharfer Feder zurufen. Und was ist die Sache? Die üblichen alten Vorwürfe gegen den Patriarchen sind bekannt: die Geringschätzung der Frauen, sie gelten ihm nicht als besonders klug, haben nur ein schwaches Überich, bedürfen der Führung durch denkkühne Männer, bringen ohne geistige Eigenleistung die von selbigen gezeugten wichtigen Söhne zur Welt und merken nicht einmal, das die Mädchen nur kümmerliche Blaupausen der Buben sind, in der Bedeutung verringert durch das Fehlen der zentralen biologischen Auszeichnung. Sie gedeihen ohne nennenswerte seelische Vorgeschichte, bis die künftigen Männer sich ihrer immerhin anerkannten mütterlichen Obhut entwinden und endlich dem nunmehr sprachlich fassbaren Ödipuskomplex entgegen gereift sind. Ab dieser Phase werden sie für Freud forscherlich interessant. Kinds Hauptvorwurf ist Freuds radikale Verkürzung des Ödipusmythos, der, neben der nicht weiter reflektierten grausamen Aussetzung des verstümmelten Knäbleins im Gebirge, von Pflegeeltern gerettet und großgezogen, erst bei der tödlichen Begegnung mit dem ihm ungekannten Vater Laios erwähnenswert wird, den er ermordet. Damit entsteht, verkürzt ausgedrückt, die männliche und fortan vom Fluch getroffene Seele des späteren, seelisch beschädigten Freiers seiner Mutter Jokaste.

Was Kind Freud weiter auf über 400 Seiten übel nimmt: dass er Anfang und Ende des in den griechischen Tragödien umfänglich dokumentierten Mythos weglässt und alles auf den Vatermord zentriert. Freud gewährt ihm keine Vorgeschichte eines Babys und Kindes, also all dessen, was Forschung und die weitere Psychoanalyse an einem verletzten, abgelehnten, verstümmelten, missbrauchten Kind herausgefunden haben. Und er gönnt ihm keine mörderische Nachgeschichte, mit der er Theben und seine Söhne destruktiv zugrunde richtet.

Kind erweist sich als hervorragender Kenner des ganzen Mythos und vergleicht ihn mit ähnlicher Kompetenz mit den biblischen Mythen, auch mit dem Schicksal des ebenfalls auserwählten Kindes, wie auch Freud eines war, Erstgeborener und abgöttisch geliebt und als frühes Selbstobjekt auserwählt für eine besondere Mission: die Entdeckung der psychoanalytischen „Wahrheit“. Und die, einmal entdeckt, verteidigt der Entdecker gegen alle realen und vermeintlichen Feinde. In deren Reihen werden alle angeblichen Erweiterer, Pioniere, Verfälscher und ganze „Banden“ von Verflachern mit kämpferischer Wut verbannt. Kind hat die vielfältigen Kampfmethoden Freuds und die Intrigen der zum Teil bedeutenden Schüler Freuds, anfangs im geheimen „Comitee“ der Überwachung der reinen Lehre versammelt, sorgfältig und aus dem riesigen Briefwerk von und an Freud ermittelt. Alle weiteren Psychoanalytiker wurden später „eingeschworen“ in die reine Lehre.

Trotz seines rigiden Kures hat sich die klassische Psychoanalyse durch viele mutige, oft zuerst umkämpfte Erweiterungen prächtig entwickelt, auch wenn ein Zirkel von Tabus sie immer noch umgibt. Kinds sorgfältig recherchierter Band „Tabu“ bedeutet eine harte, aber willkommene und auch faire Überprüfung des Theorie- und Methodengebäudes und könnte für das wieder fast vereinte Gedeihen der Psychoanalyse fruchtbar werden.

Tillmann Moser      
Februar 2017

Siehe auch die Besprechung von Bernd Kuck

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Das Tabu

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