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Han Israels: Der Fall Freud. Die Geburt der Psychoanalyse aus der Lüge. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Europäische Verlagsanstalt Hamburg, Holländisch 1993, dt. 1999


So manches, was Freud über seinen Werdegang schrieb, entspricht nicht der Wahrheit. Freud schreckte nicht vor Handlungen zurück, die im Widerspruch zur wissenschaftlichen Redlichkeit stehen. Es finden sich einige Falschangaben in Freuds Frühwerk, die auch in späteren Auflagen nicht korrigiert wurden. Freud hatte wenig Respekt vor einzelnen Tatsachen, er mied die Empirie (was ihm von Biographen wie Ernest Jones als "Genie" ausgelegt wurde) und er hielt stur an spontanen Ideen fest, auch wenn sich die Tatsachen der Idee widersetzten.

Der niederländische Psychologiehistoriker Han Israels wirft in "Der Fall Freud" dem Begründer der Psychoanalyse nicht direkt vor, zu lügen, doch Freud schwindelte und stellte sich und seine Leistungen besser dar, als sie tatsächlich waren, wobei er nicht vor der Verunglimpfung von Kollegen und Weggefährten zurückschreckte. Auch übertrieb Freud seine Originalität und seine Einsamkeit zu Beginn seiner psychoanalytischen Laufbahn gewaltig.

Die Unredlichkeit spielte schon eine Rolle in Freuds Forschung über Kokain Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhundert, legt Israels dar. Freud glaubte, Kokain führe zu einer Stärkung der Muskelkraft. Als er bei seinen Versuchspersonen zu keinem Ergebnis kam, veröffentlichte er einen Bericht mit sich selbst als einziger Versuchsperson (ohne dies kenntlich zu machen) und dem gewünschten Ergebnis.

Freud glaubte ferner, Morphinsucht könne mit Kokain-Injektionen geheilt werden. Als ein anderer Spezialist und Mediziner zu verheerenden Ergebnissen bei Anwendung der Injektionen kam, antwortete Freud, das liege an den Injektionen, die er niemals empfohlen habe.

In seinen Kokain-Publikationen berichtet er auch über den Fall eines erfolgreich verlaufenen Morphin-Entzugs mit Hilfe von Kokain. Tatsächlich wurde der Mann zusätzlich kokainsüchtig und seine doppelte Sucht zerrütteten dessen Gesundheit vollends. Das geht aus Briefen Freuds an seine Braut Martha hervor. Abschriften dieser unveröffentlichten Brautbriefe entdeckte Israels in einem englischen Archiv.

Freuds Kokainexperiment (er verleitete auch seine Verlobte Martha zum Kokainkonsum) hatten mit Psychoanalyse noch nichts zu tun. Doch wie schon in seinen Aufsätzen über Kokain, führt Israels aus, beschwindelte Freud in den "Studien über Hysterie" 1885 und 1886 die Leser über den therapeutischen Erfolg der "kathartischen Methode". Die Leiden der Patientin mit dem Namen "Anna O.", die Breuer 1880 bis 1882 behandelte, begannen nicht mit einem sexuellen Mißbrauch in der frühen Kindheit, sondern am Krankenbett ihres Vaters. 1893 ("Vorläufige Mitteilung") und 1895 ("Studien über Hysterie") betonten Breuer und Freud, dass die Symptome vollständig verschwanden, wenn das auslösende Moment erinnert, erzählt und noch einmal emotional erlebt wurde. Zweieinhalb Jahre später schrieb Freud in einem Brief an einen Freund, er habe immer noch keinen einzigen Fall zu einem erfolgreichen Abschluß führen können. Tatsächlich wurde die Behandlung der Anno O. nicht beendet, weil sie geheilt war, sondern weil sie für lange Zeit in die Psychiatrie eingeliefert werden mußte.

Breuer und Freud hatten nicht nur wenig Erfolg bei der Behandlung, sie hatten auch keine hinreichenden Beweise für ihre Kernthese von der sexuellen Ätiologie der Hysterie (wobei hinzugefügt werden sollte, dass Breuer nicht wegen hysterischer Symptome zu Anna O. gerufen wurde, diese hysterischen Symptome vielmehr erst im Laufe der Behandlung auftauchten). Ihre Fälle geben dazu fast nichts her.
Noch 1924 stellte Freud den Fall Anna O. als geheilt dar, obwohl er wußte, dass sie Jahre brauchte, um wieder zu genesen. "Es ist wahrhaft paradox", schreibt der Psychologiehistoriker Henry Ellenberger in seinem richtungsweisenden Werk "Die Entdeckung des Unbewußten", (dt. 1985), "dass die nicht erfolgreiche Behandlung der Anna O. für die Nachwelt zum Prototypen einer kathartischen Heilung geworden ist."

Der Grund für das hartnäckige Missverständnis liegt darin, dass Freud in späteren Rückblicken mehrfach beschrieb, wie erfolgreich die Methode bei Anno O. wirkte, beispielsweise in der "Selbstdarstellung" von 1925: "Breuer nannte unser Verfahren das kathartische ... Der praktische Erfolg der kathartischen Prozedur war ausgezeichnet." Doch niemals erwähnte er dabei die Tatsache, dass sie in der Mehrzahl der Fälle nicht zum erwünschten Ergebnis führte. Generationen von Psychoanalytikern aber lernten die Freudsche Version und glaubten an sie.

Im weiteren Entwicklungsverlauf der Psychoanalyse wurde unmerklich von der Hysterie zur allgemeinen Neurose übergewechselt ("Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen" 1898) mit der Behauptung, das Sexualleben sei die "praktisch bedeutsamste Ursache eines jeden Falles von neurotischer Erkrankung", wobei Freud unter "Sexualleben" die Masturbation, die Abwesenheit bzw. die "Abwehr der Sexualität" sowie die Sexualität der frühen Kindheit verstand. Emmy von N., von der Freud ebenfalls behauptete, ihr Kampf um sexuelle Enthaltsamkeit habe sich mit Hysterie kombiniert, war tatsächlich sexuell recht aktiv.

Als Freud die Frauen drängte, sich der krankmachenden sexuellen Auslöser zu erinnern, von denen er annahm, dass sie existieren müssen, stieß er auf Widerstand. Die Frauen weigerten sich in der Regel, jene Erinnerungen an erzwungene sexuelle Askese oder sexuellen Mißbrauch zu bestätigen, die Freud mit Nachdruck von ihnen zu hören wünschte. Freud überwältigte sie durch "logischen Zwang": Wenn sie immer noch sagten, dass sie sich an nichts dergleichen erinnern könnten, antwortete Freud, im Unbewußten hätten die Patientinnen durchaus solche Erinnerungen und der Widerstand gegen sein Insistieren dagegen sei der Beweis dafür.

Freud schuf damit ein für die Patientinnen undurchschaubares Dickicht der Suggestion, schreibt Israels. Für Freud hatte das den Vorteil, dass genau jene Ergebnisse geliefert wurden, die er sich vorher ausgedacht hatte. Aber gaben die Heilungen, d.h. das Verschwinden der Symptome nach dem Aussprechen der sexuellen Irritationen, Freud nicht recht?

In den "Studien" von 1895 wurde nur Anna O. als vollständig geheilt vorgestellt, von den anderen Fällen wird das nicht so eindeutig behauptet. An anderer Stelle schrieb Freud, nicht sämtliche hysterischen Symptome seien beseitigt worden. In allgemein gehaltenen Wendungen behauptet Freud, er habe Erfolge mit der Methode, doch die einzelnen Fallbeschreibungen, die er liefert, geben ein wenig günstiges Bild.

Und die sexuelle Verursachung von Hysterie und Neurosen? In "Zur Ätiologie der Hysterie" von 1896 schrieb er, es seien kaum je Ereignisse zu finden, die die Hysterie determinieren würden. Freud griff deshalb zur Behauptung, man müsse weiter in die Vergangenheit zurückgehen, um jene traumatische Szene zu finden, "die unseren Ansprüchen besser genügt". Die Unmöglichkeit, determinierende Ereignisse anzugeben, und die unklaren Erfolge der kathartischen Methode für die Symptombekämpfung führten Freud dazu, in die Pubertät zurück zu gehen, wo man "unfehlbar auf das Gebiet des sexuellen Erlebens" stößt. Doch Freud muss erneut zugeben, dass es solche Fälle kaum gibt. Also müsse der Analytiker noch weiter graben, in der Zeit der ersten Kindheit nämlich, um Belege für die Idee von der "sexuellen Ätiologie" zu finden. Hier endlich, bei Säuglingen und Kleinkindern, fand Freud "geschlechtlichen Verkehr (in weiteren Sinne)" und damit die "determinierenden Momente" für "jeden Fall" von Hysterie bei Erwachsenen.

Diese Theorie ist als Verführungstheorie (1896) bekannt geworden. Das nicht auffindbare sexuelle Trauma, behauptete er, habe nicht im Erwachsenenleben, sondern in der frühen Kindheit stattgefunden.

War Freud damit am Ziel? Hatte er den Beweis für die Globalthese von der sexuellen Ätiologie der Hysterie gefunden? Nein. Als Freud rasch erkannte, dass sexuelle Übergriffe auch in der frühen Kindheit nicht immer nachweisbar waren, wandte er sich von der Verführungstheorie ab, doch gab er nun nicht etwa bekannt, dass er sich geirrt habe und sexuelle Übergriffe zwar vorkämen, aber nicht bei der Mehrheit der jungen Mädchen. Vielmehr bekundete er 1906, die Kinder und späteren Hysterikerinnen hätten sich den Sexualverkehr mit ihren Vätern phantasiert. Diese Wende brachte Freud zur Doktrin vom Ödipuskomplex: Mädchen wünschten sich im Alter zwischen drei und fünf Jahren Sexualverkehr mit ihrem Vater und den Tod der Mutter. Erstaunlicherweise führte er die Theorie vom Ödipuskomplex nicht am Beispiel der Mädchen, sondern in erster Linie anhand des Schicksals von Jungen aus. Praktisch konnte er kaum einen Fall von sexuellem Mißbrauch an Mädchen benennen und darstellen, sieht man vom Fall "Katharina" ab. Seine Hysterikerinnen jedenfalls hatten kaum je dergleichen berichtet. "Wie Freud auch immer auf die Idee des Ödipuskomplexes gekommen sein mag, auf dem von ihm behaupteten Wege kann es unmöglich gewesen sein", fasst Israels zusammen.

Um die Verführungstheorie und ihre Annullierung dreht sich bis heute ein absonderlicher Streit. Im Kern geht es um die Frage, wie viele kleine Mädchen von ihren Vätern sexuell belästigt wurden. Waren es durchweg alle, sehr viele, nur einige? Der ehemalige Psychoanalytiker Jeffrey Masson behauptete, Freud habe falsch gelegen, als er am Wahrheitsgehalt der Patientinnengeschichten über frühen sexuellen Mißbrauch zu zweifeln begann. Masson erntete dafür Beifall von feministischer Seite: Freud war schließlich nicht der einzige, der Berichte von Frauen über sexuellen Mißbrauch nicht ernst nahm. Zweifellos meinte Masson, er habe eine radikale Kritik an der Entwicklung der Freudschen Theorie geäußert. In Wahrheit, meint Israels nun, bleibt er mit seiner Kritik in dem von Freud geschaffenen Mythos gefangen: die Idee, dass Freud jemals solchen Geschichten Glauben geschenkt hat, ist erst im nachhinein von diesem selbst in die Welt gesetzt worden. Freud konnte niemals den Erzählungen hysterischer Patientinnen über sexuellen Mißbrauch in ihrer frühen Kindheit glauben, und zwar aus dem einfachen Grund, weil seine Patientinnen nie mit derartigen Geschichten bei ihm auftauchten. Es war Freud, der versuchte, ihnen diesen Mißbrauch einzureden - gegen die ausdrückliche Erinnerung seiner Patientinnen. Auch das war kein Problem für Freud. Sie konnten und wollten sich nicht erinnern, sagte er, weil diese Erinnerungen unbewußt sind. Die Empörung und das Unbehagen, das bei den Hysterikerinnen auftauchte, wenn Freud ihnen frühkindliche sexuelle Traumata suggerierte, läßt sich leicht aus der Suggestion und ihren Inhalten selbst verstehen. Freud aber ging mit Bestimmtheit davon aus, dass der Widerstand ein Beweis für die Existenz solcher Traumen sei.

Freud liebte es, sich auf seinem Feldzug zur Durchsetzung der Psychoanalyse als heldenhaft, originell und einsam zu stilisieren. Doch Freud mußte nicht seinen Weg alleine weitergehen, weil Josef Breuer, sein väterlicher Freund und Mentor, den sexuellen Ursprung der Neurose nicht anerkennen wollte, vielmehr anerkannte Breuer ausdrücklich die "sexuelle Ätiologie" der Hysterie, genauer gesagt der Mangel an Geschlechtsverkehr. Freud verzeichnete die Haltung Breuers, indem er später behauptete, Breuer habe die Bedeutung der Sexualität als Auslöser der Neurose nicht anerkannt, ja er sei sozusagen zu feige gewesen, diesen Weg mit Freud zu gehen. Warum Breuer von der Katharsis absprang, behandelt Israels allerdings nicht. Aber es ist klar, dass es zum Gründungsmythos der Psychoanalyse gehört zu behaupten, Freuds Ideen hätten nicht deshalb eine so feindselige Aufnahme gefunden, weil sie nichts taugten, sondern weil man Angst davor gehabt habe, die Bedeutung der Sexualität anzuerkennen.

So weit die wesentlichen Erkenntnisse Israels. Seine Thesen sind minutiös belegt. Das Buch steht in einer Reihe mit anderen Werken, die die Frühgeschichte der Psychoanalyse und die Rolle Freuds kritisch unter die Lupe nehmen: Frank Sulloways "Freud, Biologe der Seele. Jenseits der psychoanalytischen Legende" (dt. 1982), Mikkel Borch-Jacobsens "Anna O. zum Gedächtnis. Eine hundertjährige Irreführung" (dt. 1997), John Kerrs "Eine höchst gefährliche Methode. Freud, Jung und Sabina Spielrein" (dt. 1994), Edward Shorters "Geschichte der Psychiatrie" (dt. 1999) sowie weitere Werke fast ausschließlich amerikanischer Autoren, die bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Deutschsprachige Kritiker Freuds gibt es so gut wie nicht. Israels sagte dazu kürzlich auf einer Veranstaltung in Berlin: "Die Deutschen haben ein Problem damit, einen Juden zu kritisieren. Das ist außerhalb Deutschlands etwas einfacher. Ich bin der Meinung, jeder sollte kritisiert werden können, egal ob Jude oder nicht. Aber ich weiß, dass nicht alle mit dieser meiner Position einverstanden sind."

In dem einen oder anderen Bezug mag Israels Darstellung Lücken haben. So wird beispielsweise nicht plausibel gemacht, warum Breuer sich von der kathartischen Methode abwandte und nicht an der Seite Freuds blieb. Freud selbst hatte behauptet, Breuer sei zu feige gewesen, die Sexualität als grundlegend für jeden Fall von Hysterie anzunehmen. Wie man anhand Israels nachvollziehen kann, hatte Breuer allen Grund, sich nicht an diese fixe Idee zu ketten, die nur seinem Renommee als ernstzunehmender Arzt schaden konnte. Ein anderer Grund mag gewesen sein, dass er sich in Anna O. verliebt hatte, was ihn selbst ebenso belastete wie seine Ehe.

Israels Recherchen werfen ein ungŁnstiges Licht auf den Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse. Der Autor hšlt sich mit SchluŖfolgerungen zurŁck, doch sein Buch ist geeignet, Zweifel an der Redlichkeit Freuds als Wissenschaftler und insgesamt an der Psychoanalyse als ernst zu nehmende Therapiemethode auszulösen. Nach der Lektüre ist kaum noch von der Hand zu weisen, dass sich die Grundannahme Freuds, Hysterie ist eine Reaktion auf ein sexuelles Trauma, nicht beweisen läßt. Für die Heilung hysterischer Symptome durch freie Aussprache gibt es keine stichhaltigen Belege. Die Annahme, das die Hysterie determinierende Trauma müsse früher gelegen haben, ist nichts als eine Behauptung. Damit wanken auch die Annahmen der Existenz der frühkindlichen Sexualität und des Ödipuskomplexes. Indem Freud kein Material für "vorzeitige sexuelle Erfahrung" (1896) vorlegte, muss die Mutmaßung, sie seien phantasiert und unbewußt, als unglaubwürdig zurückgewiesen werden. Stellt man seine stark suggestive therapeutische Befragung mit in Rechnung, so muss man annehmen, er suchte den Frauen etwas einzureden, was sie empört oder schamhaft von sich wiesen. Widerstand in diesem Fall ist eine natürliche und nachvollziehbare Abwehr abwegiger Deutungen und unangenehmer Suggestionen. Die Frauen in Freuds Therapie hatten allen Grund, widerständig zu sein. Somit läßt sich die Anschuldigung nicht mehr aufrecht erhalten, sie verdrängen, weil sie sich früherer Erlebnisse schämen.

Wenn es keine sexuellen Traumen gibt, dann fällt der Hauptgrund für Verdrängung fort. Es mag Unbewußtes und verdrängte Inhalte geben, aber mit den Freudschen Methoden lassen sie sich nicht beweisen. Damit stehen sämtliche Grundpfeiler der Psychoanalyse auf dem Prüfstand: die sexuelle Ätiologie der Hysterie und der Neurosen, die Verführungstheorie, die frühkindliche Sexualität, der Ödipuskomplex, die Verdrängung und das Unbewußte. Wenn die Ausgangsidee von der sexuellen Ätiologie der Hysterie falsch ist, dann werden auch die Kernelemente der Psychoanalyse, das Unbewußte und die Verdrängung, falsch sein.

Wie reagiert nun die glaubensstarke Psychoanalyse auf diesen Angriff? Man darf sagen: Mit neurotischer Abwehr. Ihre Argumente lauten kurz gesagt, der Inhalt von Israels Buch sei nicht neu, seine Darstellung habe so viele Fehler, dass es sich nicht lohne, auf sie einzugehen, die Kritik sei irrelevant und Israels sollte mal seine Widerstände und Verdrängungen bearbeiten.

Es stimmt, dass vieles von dem, was Israels an Material ausbreitet, bereits veröffentlicht wurde. Sein Verdienst ist es allerdings - neben der Sammlung und Zuspitzung des vorhandenen Materials -, die Abschriften von 300 Brautbriefe Freuds in Großbritannien ausfindig gemacht zu haben, die ein Licht auf Freuds unlauteren Charakter werfen. Aus ihnen geht hervor: Freud hatte nicht in den Briefen an seine Braut geschwindelt, sondern in wissenschaftlichen Veröffentlichungen. 1997 ging der Fall des Ulmer Biologen Friedhelm Herrmann durch die Presse, der Forschungsergebnisse schönte, um mehr Forschungsgelder zu erhalten. Die Spitzenorganisationen der deutschen Wissenschaft befaßten sich mit dem Fall und berieten Maßnahmen, um derartiges in Zukunft zu verhindern. Der Ulmer wurde fristlos entlassen und seine wissenschaftliche Karriere war zu Ende. Nicht so bei Freud. Seine Verfehlungen werden verdrängt oder bagatellisiert und sein Nimbus scheint ungebrochen.

Ende Februar fand im "Roten Salon" der Freien Volksbühne Berlin eine Podiumsdiskussion mit Israels statt, auf der drei Psychoanalytiker zu dessen Recherchen Stellung nehmen sollten. Sie taten Freuds Schummeleien in der Kokain-Episode als "Jugendsünde" ab. Der Berliner Psychoanalytiker Wolfgang Hegener meinte entschuldigend, die Fälschung wissenschaftlicher Ergebnisse sei menschlich und damit verzeihlich. Der Berliner Psychoanalyse-Historiker und Therapeut Günter Gödde stellte den Begriff der "Heilung" in Frage: Freud wollte lediglich das neurotische in das normale Elend verwandeln; vollständige Genesung gebe es nicht. Auch sei Freud selbst immer skeptisch gegenüber seinen Heilerfolgen gewesen, so dass der Vorwurf, seine kathartische Methode habe keine Wirkung gezeitigt, ins Leere laufe. Hegener assistierte ihm: Die Psychoanalyse will nicht heilen, sie will verstehen. Die psychoanalytische Therapie heile zudem nicht durch ihre Methode, sondern durch die Person des Therapeuten.

Der Berliner Psychoanalytiker Josef Ludin führte sich mit der Bemerkung ein, es würden sich doch alle verstellen und entstellen; Freuds Schönrednerei sei folglich ein allgemeinmenschliches Phänomen. Die Lüge, die Israels Freud vorwirft, sei wie eine Entstellung und "Entstellung ist jedem von uns zu eigen". Hegener spitzte dies noch zu, indem er die Frage stellte, ob Wahrheit überhaupt je erkannt werden könne. Fakten würden keine so große Rolle in der Psychoanalyse spielen; es gebe keine objektive Geschichte, wir alle würden unsere Geschichte erfinden. Auch Ludin verwahrte sich gegen einen zu genauen Blick, indem er postulierte, die Aussagen der Psychoanalyse seien nicht objektivierbar. Keiner der anwesenden Psychoanalytiker hatte Problem damit, dass Freud das, was er allenfalls ahnte, als gesichertes Faktum darstellte. Es war fast unvermeidlich, dass das schon von Freud gebrauchte Argument auftauchte, die Psychoanalyse sei ohne eigene Erfahrung nicht begreifbar. Israels aber sei ja kein Psychoanalytiker, er habe keine Psychotherapieerfahrung.

Eine wichtige Rolle in der Argumentation der Psychoanalytiker spielte die Behauptung, namentlich der Positivismus als Wissenschaftsmethode sei nicht geeignet, Freud und die Psychoanalyse zu begreifen. Ludin ging so weit zu sagen, die Wissenschaft an sich habe kein Monopol auf die Wahrheit: "Selbst wenn die Psychoanalyse nicht wissenschaftlich ist, ist sie doch wahr." Vor allem: "Solange sie wirkt, ist sie wahr." Oder wie es ein Mitdiskutant aus dem Publikum formulierte: Der nach wie vor bestehende Einfluß der Psychoanalyse spricht für ihre Wahrheit.

Befragt, welche Wissenschaftsmethode Freud angemessen sei, antwortete Gödde: der Konstruktivismus. Dazu muss man wissen, dass Gödde in einem dicken Buch die "Traditionslinien des Unbewußten" (Tübingen 1999) von Schopenhauer über Nietzsche zu Freud nachgezeichnet hat. Doch Gödde nimmt darin die Aussagen Freuds wieder für bare Münze (beispielsweise über die Heilung der Anna O.), als ob es keine Forschung zu Freud gegeben hat.

Es gilt, mit Max Horkheimer gefordert, den hypnotischen Zauber der Psychoanalyse zu durchbrechen. Die Abwehrfront der Psychoanalyse ist nicht so undurchdringlich, wie es scheint. Freud hat tatsächliche, sichere und zweifellose Aussagen gemacht, zum Beispiel über seine Heilerfolge mit Kokain und der kathartischen Methode, die selbstverständlich mit der Methode des Positivismus analysiert werden können. Wer behauptet, sämtliche Fälle von Hysterie beruhen auf dem Fehlen von Sexualität oder sexuellen Übergriffen in der Kindheit, wird sich eine Überprüfung gefallen lassen müssen, schon allein, weil sie (scheinbar) auf Erfahrung beruht und diese Erfahrung reproduzierbar sein müßte. Freud hatte nie auf seine Intuition gepocht, die ihn zu seiner Methode geführt hatte, sondern auf Tatsachen. Wenn die tatsächliche Erfahrung anderer Forscher eine andere ist, indem zum Beispiel Kokain nicht von Morphin heilt und das Aussprechen belastender Traumen nicht zum Verschwinden hysterischer oder neurotischer Symptome führt, bekommt die Freudsche Theorie ein Problem. Gleichzeitig ist Israels Methode nicht weit entfernt vom geforderten Konstruktivismus, indem er Freuds Konstrukte dekonstruiert. Israels zerlegt die psychoanalytische Entwicklung in ihre einzelnen Schritte und befragt sie auf ihre Stichhaltigkeit hin.

Indem Psychoanalytiker insgesamt die Existenz von Wahrheit in Frage stellen, begeben sie sich in gefährliches Fahrwasser, denn dann kann auch die Psychoanalyse keine positive Wahrheit sein. Dann ist überhaupt alles beliebig und allein von subjektiver Intuition, Eingebung und Interpretation abhängig. Warum sollte zwei und zwei vier sein, wenn alles, was Menschen denken, von vorn herein verzerrt und entstellt ist? Was können wir dann überhaupt noch als wahr erkennen? Und wie können Psychoanalytiker dann so sicher sein, dass Israels und die anderen Freud-Kritiker Unrecht haben?

Gläubige Psychoanalytiker gestehen gleichzeitig und konträr zu ihrer Ausgangsthese der Psychoanalyse Wahrheit durch ihre bloße Existenz zu. Israels fühlte sich an die Argumente kirchlicher Sekten erinnert: Zu wissen ist nicht wichtig, glauben alles. Die Tatsache, dass eine Idee vorhanden und wirksam ist, sei kein Beleg für ihre Wahrheit. Das Christentum baut auf die Existenz Gottes, ohne dass dessen Existenz bewiesen wäre. Hunderttausende von Amerikanern glauben an die Existenz von UFOs und Entführungen durch Außerirdische. Haben sie deswegen recht? Wer das bejaht, öffnet dem Irrationalismus Tür und Tor. Übrigens entgegengesetzt zur Absicht Freuds, der auf das Erstarken der Vernunft hoffte.

Noch heute lernen Psycholgie-Studenten, dass die freie Assoziation von Verdrängungen befreit und gesund macht. Offenbar, das muss spätestens nach Israels Recherchen gesagt werden, lernen sie seit Jahrzehnten etwas Falsches. Das ist schon deswegen nicht irrelevant, weil die Krankenkassen die "große Psychoanalyse", die teurer und länger ist als alle anderen Therapieformen, bezahlen. Vielleicht geben die Krankenkassen Geld für höheren Mumpitz aus?

Und warum kommt die Debatte über Freud zu keinem Ende? Die Antwort ist: Wer an die Psychoanalyse glaubt, findet in Untersuchungen eine Bestätigung Freuds, wer an sie nicht glaubt, findet keine Bestätigung. Es ist fast unmöglich, empirisch zu verifizieren, was Freud behauptete, ebenso wenig, wie seine Feststellungen falsifiziert werden können. Es gibt keinen Aspekt, von dem ein überzeugter Psychoanalytiker sagen würde: Ja, ich sehe ein, dass Freud an diesem Punkt falsch liegt, und aus diesem Grund müssen wir die Psychoanalyse noch einmal grundsätzlich überprüfen. Die psychoanalytische Theorie ist vage, sie ist nicht zu fassen. Deshalb wird weiterhin so viel über sie gesprochen und spekuliert.

Konstruktivistisch an Freud heranzugehen (wie Gödde fordert), würde bedeuten zu untersuchen, wie Freud zu seiner Theorie kam, wie er seine Fakten sammelte und welche Schlüsse er mit welcher Begründung daraus zog. Freud beruft sich auf seine Patienten und das, was sie sagten. Das ist nicht zu rekonstruieren, denn es lief kein Tonband mit. Wir sind darauf angewiesen, Freud blind zu glauben. Ein anderer Weg wäre, seine Studien über historische und literarische Größen wie Ödipus, Moses, Michelangelo und Dostojewski nachzuprüfen. Aus dem Nachvollziehen seiner Gedankengänge heraus muss man zu dem Schluß gelangen, dass Freud den Fakten gegenüber gleichgültig war. Seine Interpretation ist keineswegs zwingend, vielmehr oftmals absonderlich abwegig, manchmal geradezu konträr zu den Fakten, wie im Beispiel der Ödipus-Sage.

Ein anderes Argument der frommen Psychoanalytiker besteht in dem Vorwurf, Bücher wie die von Israels seien darauf hin angelegt, die Person Freuds zu diskreditieren. Da sich Freud - neben seinen Patienten - auch auf sich selbst und seine Erfahrungen (beispielsweise in der "Traumdeutung") stützte, liegt es jedoch nahe, sich mit Freud als Mensch und Wissenschaftler auseinander zu setzen. Freud hatte in Schlüsselwerken der Psychoanalyse nur sich als empirisches Beispiel und zog daraus allgemeinste Schlüsse. Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern geradezu notwendig, sich mit der Person Freuds selbst zu beschäftigen. Und da eröffnet sich eine seltsame, vernebelte Welt.

Kolumbus entdeckte Amerika, glaubte aber, Indien entdeckt zu haben. Er unterlag einem fundamentalen Irrtum, aber seine Entdeckung war gleichwohl sehr wichtig. Trifft das auch auf Freud zu? Seine Entdeckung der Verdrängung und des Unbewußten mag sich nicht aus dem herleiten lassen, was er an Argumenten vorbrachte, aber die Tatsache, dass es Verdrängung und Unbewußtes gibt, läßt sich doch wohl nicht leugnen? Wie in der Homöopathie könne die Theorie Unsinn und die Methode gleichwohl erfolgreich sein.

Der Vergleich liegt nahe, trägt auch ein Stück weit, aber nicht bis zu einem Beweis. Im Falle Kolumbus' kann jeder die Entdeckung überprüfen; Amerika gibt es wirklich, man kann mit dem Flugzeug hinfliegen. Aber ins Land des Unbewußten fliegen keine Flugzeuge; man kann den Kontinent nicht richtig betrachten. Die Geschichte der Psychologie und der Philosophie zeigt, dass historisch alle Positionen vertreten sind: von der strikten Behauptung, dass das Unbewußte nicht existiert bis hin zur Überzeugung, das Unbewußte sei der wahre Herrscher des Ich. Die Annahme eines uns determinierenden Unbewußten ist nur eine unter mehreren möglichen Spekulationen. Und zweitens muss wieder darauf zurückgekommen werden, dass die Methode, die Freud zur Linderung von hysterischen Symptomen anwandte, nicht erfolgreich war. Sowohl die Theorie als auch die Methode sind fragwürdig. Die Psychoanalyse trägt ihre Gloriole zu unrecht.

Gerald Mackenthun, Berlin
April 2000

Weitere Informationen zu Israels Buch


und Reaktionen psychoanalytischer Autoren darauf - Von Israels Übersetzer Gerd Busse

Die Psychoanalyse und der "Fall Freud"

Vor genau 100 Jahren erschien ein Buch, das wie kaum ein anderes das Denken dieses Jahrhunderts geprägt hat: die Traumdeutung des Wiener Nervenarztes und Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Mit einer Faksimile-Edition der Erstausgabe, einer Fülle von Publikationen sowie unzähligen Gedenkveranstaltungen zu Freud und seiner Lehre wird dieses Jubiläum derzeit ausgiebig gefeiert. Auffallend an der öffentlichen Diskussion zum "Freud-Jahr" ist jedoch, daß sie nahezu ausschließlich von Psychoanalytikern bzw. bekennenden Freud-Anhängern geführt wird und dabei Züge trägt, die durch ihre Mischung aus Heiligenverehrung und Hexenverfolgung eher an einen Kirchenkampf denn an eine seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung über Freud und seine Theorie erinnern.

Ein gutes Beispiel hierfür bilden die jüngsten Reaktionen auf eine Studie des Amsterdamer Freud-Biographen Han IsraŽls mit dem Titel Der Fall Freud. Aufgrund eines spektakulären Quellenfunds hatte das Buch bereits vorab international für Aufmerksamkeit gesorgt: dem Autor war es gelungen, auf etwa 300 Abschriften von Briefen Freuds an seine Verlobte zu stoßen, deren Originale im Washingtoner Freud-Archiv sorgsam unter Verschluß gehalten werden und die Auskunft über eines der dunkelsten Kapitel im Leben Freuds geben können: die sog. "Kokainepisode".

Weshalb diese Briefe von den Gralshütern der Psychoanalyse bis heute geheimgehalten werden, wird deutlich, wenn man sich die von IsraŽls gefundene Korrespondenz näher betrachtet. Freud, damals noch ein junger, ehrgeiziger Assistenzarzt, glaubte, mit dem Kokain eine Art "Wundermittel" entdeckt zu haben, aus dem sich wissenschaftliche Karrieren zaubern ließen. Er setzte es gegen alle möglichen Übelstände ein, gab es seiner Verwandtschaft und nahm es selbst. Insbesondere aber glaubte Freud, daß Kokain ein idealer Ersatzstoff beim Morphiumentzug sei und verabreichte es seinem Freund Ernst Fleischl, der an einer schweren Morphiumsucht litt.

Die Therapie war ein voller Erfolg. "Der Kranke blieb außer Bette und leistungsfähig [...]; nach 10 Tagen konnte er das Mittel bei Seite lassen." So Freud in einem Artikel vom Juli 1884, einige Monate nach der Entziehungskur bei seinem Freund. Ein Jahr später kam er in einem Vortrag erneut auf den Fall Fleischl zu sprechen. "Eine Cocagewöhnung trat dabei nicht ein, im Gegentheil war eine steigende Abneigung gegen den Cocaingenuss unverkennbar." Angesichts seiner Erfahrungen mit dem Mittel könne er es sogar "unbedenklich" zur allgemeinen Anwendung empfehlen. Ein letztes Mal erwähnte Freud den "überraschend günstigen Verlauf der ersten auf dem Kontinente unter CocaÔn vorgenommenen Morphinentziehung" in einem Artikel aus dem Jahre 1887.

Die Wahrheit - wie sie sich aus der Verlobungskorrespondenz ergibt - sah ganz anders aus. Der Morphiumentzug war nicht nur ein grandioser Fehlschlag gewesen, sondern gleichzeitig war Fleischl auch noch schwer kokainsüchtig geworden. Bereits im Oktober 1884, also wenige Monate nach dem angeblich so erfolgreichen Blitzentzug, berichtete Freud seiner Verlobten über Fleischls "grossen Cocaverbrauch". Knapp ein Jahr später heißt es in einem der bei IsraŽls zitierten Briefe: "Seitdem ich ihm das Cocain gegeben habe, konnte er die Ohnmachten unterdrücken und die Herrschaft über sich besser bewahren, aber er nahm es in so ungeheuren Mengen [...], dass er sich schließlich eine chronische Vergiftung zuzog, gar nicht schlafen konnte und endlich eine Reihe von Nächten hintereinander ein Delirium tremens hatte."

Jahrelang hatte Freud seinem Publikum also eine Lüge aufgetischt - mehr noch, er hatte ein Mittel zur allgemeinen Verwendung empfohlen, dessen katastrophale Nebenwirkungen ihm von Anfang an bekannt waren: sie werden von ihm eindringlich in den Briefen an seine Geliebte beschrieben.

Noch interessanter als dieser "Fall Freud" selbst ist die Aufnahme, die das Buch darüber in der hiesigen Öffentlichkeit fand. Es wurde prominent und ausführlich besprochen - allerdings ausnahmslos von Psychoanalytikern bzw. Freud-Sympathisanten. Das interessierte Laienpublikum meldete sich nicht zu Wort - so, als ob das Werk dem zunehmend negativen Bild der Öffentlichkeit über den Begründer der Psychoanalyse eigentlich nichts hinzuzufügen hat.

Und noch etwas ist merkwürdig an der Auseinandersetzung um den Fall Freud: in keiner der Rezensionen werden die interessanten Quellenfunde des Autors diskutiert, geschweige denn die Schlußfolgerungen, die er daraus für die Qualität der wissenschaftlichen Argumente Freuds ableitet. Statt dessen wird die fachliche wie menschliche Qualität des Autors analysiert. IsraŽls sei keineswegs, wie sein Verlag - die Europäische Verlagsanstalt in Hamburg - suggeriere, "einer der Ďschärfsten und zugleich versiertesten Kritiker der Theorie Sigmund Freudsí" und zähle auch mitnichten "zu den Ďbedeutendsten Freud-Historikern der Gegenwartí", befindet etwa Alfred Pfabigan in der Wiener Presse vom 4. Dezember. Der renommierte Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer qualifiziert ihn in seinem Beitrag in der März-Ausgabe von Psychologie Heute sogar als "erbärmlichen Historiker", der nicht in der Lage sei, die "Komplexizität" in der Persönlichkeit Freuds zu erfassen - "ein Wahrheitssucher, der auch gelogen hat, ein Lügner mit einer genialen Leidenschaft für die Wahrheit." Der Rezensent der Süddeutschen Zeitung, Peter Michalzik, beschäftigt sich in seinem Artikel vom 2. Oktober dagegen mit der menschlichen Seite des Autors und klagt ihn als "Vatermörder" an - ein Vorwurf, der in nahezu identischen Worten von Roland Mischke in der Silvester-Ausgabe des Handelsblatt wiederholt wird.

Sind dies noch die üblichen Anwürfe, denen sich Freud-Kritiker seit jeher von seiten der reinen Lehre ausgesetzt sahen und die sozusagen zur psychoanalytischen Diskussionskultur gehören, setzt Schmidbauer mit seinem Vergleich aus dem Tierreich dagegen eindeutig neue Maßstäbe: "Han IsraŽls erinnert in dem Bestiarium, das er um Freud versammelt, an eine Ameise: unermüdlich, fleißig im Sammeln kleinster Details und voller ätzender Säure, die er in dem Augenblick versprüht, da er wieder einmal entdeckt hat, dass es Freud mit der faktischen Wahrheit nicht so genau nahm". Dort, wo es bei Schmidbauer dann selbst um die besagten "faktischen Wahrheiten" geht, vernehmen wir allerdings nur noch ein leises Raunen.

Dem Münchner Psychoanalytiker und Professor für Klinische Psychologie, Wolfgang Mertens, gelingt es, in der Welt vom 30. Oktober sogar noch ein paar Zentimeter tiefer zu schlagen, indem er IsraŽls unterstellt, Freud in seinem Buch als "jüdischen Schwindler" entlarven zu wollen - ein kaum verhüllter Antisemitismusvorwurf also, der um so perfider wirkt, als der Autor selbst jüdischer Abstammung ist. Mertens geht in seiner Rezension gar soweit, IsraŽls für einen Artikel seines Übersetzers - übrigens identisch mit dem Verfasser des vorliegenden Beitrages - haftbar zu machen, in dem die Zigarrensucht Freuds als "untrügliches Kennzeichen eines haltlosen und unglaubwürdigen Charakters" diagnostiziert werde. Derselbe Vorwurf findet sich auch bei Mischke, wieder in nahezu identischen Worten, doch mit einem wesentlichen Unterschied: "Israels bescheinigt ihm [Freud] eine Sucht, die sich noch im hohen Alter im Zigarrenrauchen zeigte - für ihn ein untrügliches Zeichen eines haltlosen und unglaubwürdigen Charakters." Hier ist es also bereits der Autor des inkriminierten Werkes selbst, der sich für die Untaten seines Übersetzers zu verantworten hat.

Mischke ist ohnehin ein Fall für sich: obwohl klar und kompromißlos in seiner Bewertung ("polemisches Draufschlagen"), scheint er das Werk, auf das sich sein Urteil stützt, nicht gelesen zu haben. So heißt es etwa bei ihm, IsraŽls spiele in seinem Buch "auf Freuds Drogensucht der Jahre 1884-1886 an. Anhand bislang unveröffentlichter Briefe, die Freud an seine Schwester schrieb, versucht der Autor nachzuweisen, dass Freud über Jahre hinweg immer höhere Dosen Kokain zu sich genommen habe." Ein solcher "Nachweis" findet sich jedoch in dem ganzen Buch nicht - ebensowenig, wie dort "Freuds Drogensucht" thematisiert wird. Und bereits ein Blick auf den Klappentext hätte den Rezensenten belehrt, daß es in dem Werk nicht um "Briefe an die Schwester", sondern um die in der Fachwelt als "Brautbriefe" bekannte Korrespondenz mit seiner Verlobten handelt.

Lediglich zwei Rezensenten, Martin Stingelin in der FAZ (8.10.) und Martin Treml im Wiener Standard (16.10.), gelingt es, ohne persönliche Diffamierungen zu einem, wenn auch ebenfalls nicht sonderlich positiven Urteil über das Buch zu gelangen - ein Urteil, das im Fall Tremls jedoch mit einem merkwürdigen Argument begründet wird: "Man hat in Freud das Genie, aber auch den Betrüger erblicken wollen. Darum ist die vorliegende Kritik [...] Han IsraŽls nicht neu, ungeachtet der Heftigkeit des Angriffs."

Angesichts all der Kritik fragt sich der Beobachter, weshalb ein Buch, das nach einhelliger Ansicht der Rezensenten das Papier nicht wert ist, auf dem es gedruckt steht, und sein Autor ein Fall für den Psychiater (wenn nicht gar für den Kammerjäger), weshalb also ein solches Machwerk eigentlich noch so ausgiebig besprochen werden muß. Und man fragt sich zugleich, ob sich die Psychoanalyse mit solchen Formen der Auseinandersetzung wirklich einen Gefallen tut, will sie in der öffentlichen Meinung nicht auch noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verspielen. Doch vielleicht muß man derartige Reaktionen der Freud-Jüngerschaft wie die auf den Fall Freud von Han IsraŽls als Symptom einer allgemeinen Malaise nehmen: die Psychoanalyse steht mit dem Rücken zur Wand; ihr bleibt nur noch, wild auf jeden vermeintlichen Angreifer einzudreschen.

Gerd Busse, Februar 2000

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Israels
Der Fall Freud. Die Geburt der Psychoanalyse aus der LŁge


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