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Hustvedt Siri.: Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. 240 S., Rowohlt Verlag, Berlin. 2010 (Originalausgabe: The Shaking Woman or A History of My Nerves. Hodder & Stoughton, London 2010)


Siri Hustvedt, Jg. 1955, ist eine amerikanische Schriftstellerin und Essayistin von Rang und Namen – Was ich liebte (2003), A Plea for Eros – Essays (2006), Die Leiden eines Amerikaners (2008). Ihr jüngstes Buch, »Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven«, berichtet von ihrem häufigen Leiden, wenn sie in der Öffentlichkeit redet, an unkontrollierbarem Zittern am ganzen Körper vom Hals abwärts, ohne dass ihre Stimme in Mitleidenschaft gerät. Erstmals aufgetreten ist dieses konvulsivische Zittern bei einer Gedenkrede für ihren verstorbenen Vater 2006, zweieinhalb Jahre nach seinem Tod. Neurologisch, psychiatrisch, gar psychoanalytisch blieb (und bleibt) ihr Leiden unerklärlich; lange meinte sie, es könne eine konversionshysterische Trauerreaktion sein; später wurde ein Verdacht auf Epilepsie geäußert. Seit ihrer Kindheit leidet sie unter schweren Migräne-Attacken; sie bezeichnet sich selbst als eine hypersensible Person, die auf Farben, Geräusche und das Leiden anderer Menschen stark reagiert. Ihr Zittern ließ sich in keine herkömmliche diagnostische Kategorie einpassen.

Zwei Jahre lang nahm Hustvedt an einer neuropsychoanalytischen Diskussionsgruppe hochkarätiger Neurowissenschaftler teil. Ehrenamtlich leitete sie in der renommierten Payne Whitney Psychiatric Clinic eine therapeutische Schreibwerkstatt für PatientInnen an und sammelte mit ihnen zusammen wertvolle Erkenntnisse zu deren individuellem Leidengeschehen. Da wie dort vertiefte sie sich in die menschlichen Geheimnisse seelisch-körperlicher Leidensgeschichten und Prozesse. Derweil stürzte sie sich »mit Wissbegier in die Mysterien meines eigenen Nervensystems« und begab sich auf eine weitreichende interdisziplinäre Suche nach Antworten auf grundlegende Lebensfragen: die Beziehung von Körper und Seele, von Geist, Gehirn und Psyche, vom Wesen des Gedächtnisses und vom Selbst. Dabei arbeitete sie sich in die Denk-, Sprach- und Erkenntniswelten von Neurologie, Psychiatrie, Psychoanalyse und Neurobiologie ein. Reichliche Fallbeispiele entnimmt sie sowohl der Fach- als auch der Romanliteratur.

Der vorliegende, sehr persönlich geschriebene narrative Essay berichtet von ihren Begegnungen mit Fachärzten, Wissenschaftlern und Patienten sowie von den Erkenntnissen und Erlebnissen, die ihr auf der Suche nach dem Grund ihres Leidens widerfahren sind. Die Geschichte meiner Nerven fesselt wie ein Roman und ist zugleich eine einmalige Einführung in diesbezügliche neuere neurowissenschaftliche und psychiatrisch-psychoanalytische Erkenntnisse. Der Neurowissenschaftler Mark Solms, Autor von Das Gehirn und die innere Welt: Neurowissenschaft und Psychoanalyse (2004), kommentiert:

»Mich machte Die zitternde Frau sehr betroffen. Nicht nur zeigt es eine fast komplette Beherrschung (durch einen Laien) des hochgradig spezialisierten Gebietes der Neuropsychiatrie, es zeitigt ein größeres Verständnis für die zugrunde liegenden philosophischen und historischen Fragen auf diesem Gebiet, als die meisten meiner Kollegen an den Tag legen«.

Aus der Suche nach einer Diagnose und einer Ursache für ihr krankhaftes Zittern – bis zum Schluss blieben sie unauffindbar! – wurde immer mehr ein sich weitendes Verständnis ihres eigenen Selbst, bis sie zum Schluss »die zitternde Frau« als Bestandteil ihrer Identität annehmen und zustimmen kann:

»Die Geschichte der zitternden Frau ist die Erzählung von einem sich wiederholenden Ereignis, das im Laufe der Zeit, aus immer anderen Perspektiven gesehen, vielfältige Bedeutungen gewonnen hat. Was zuerst als ein Ausreißer erschien, wurde nach seiner Wiederkehr beängstigend und emotionsbeladen« (S. 200).

»[Ich] habe mich viel schwerer getan, die zitternde Frau in meine Geschichte zu integrieren, aber je vertrauter sie mir wird, umso mehr geht sie von der dritten Person in die erste über, kein gehasstes Double mehr, sondern ein zugegebenermaßen behinderter Teil meines Selbst« (S. 209).

»Ich bin die zitternde Frau« (S. 218 – der Schlusssatz des Buches).

Robert C. Ware      
Februar 2017

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Die zitternde Frau

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