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Hickok, Gregory: Warum wir verstehen, was andere fühlen. Der Mythos der Spiegel­neuronen. Hanser Verlag, München 2015, 365 Seiten.


Seit 1996 Rizzolatti mit seinem Team die Spiegelneuronen bei einer Makakenart entdeckte, hob eine Begeisterungswelle an. Endlich hatte man ein paar Nervenzellen im Gehirn entdeckt, denen man Unglaubliches zuschreiben konnte. Und wie so oft, wurde ganz schnell auf den Menschen übertragen. Jetzt gab es Erklärungen für das Verständnis von Verben, Imitation, Phantomschmerzen, Risikobewertung, Massenhysterie oder die Spiegelneuronen waren ver­antwortlich für die Effizienz von Gruppen-Psychotherapie – um nur wenige Beispiele zu nennen (38ff).

Hickok hatte sich schon 2010, zusammen mit anderen Wissenschaftlern gegen diese Überbewertung gewandt. Hier liegen seine Argumente nun in Buchform, allgemein zugänglich vor. Der

theoretische Grundpfeiler [ist] ein Zelltyp, der im Motorcor­tex einer Makakenart, der Schweinsaffen, lokalisiert wurde, bei Tieren also, die nicht sprechen, keine Wertschätzung für Musik haben und eigentlich auch nicht besonders nett zueinander sind. Was Spiegelneuronen da leisten, ist be­scheiden, zumindest gemessen an den menschlichen Fähigkeiten, die sie an­geblich ermöglichen (111).

In vielen interessanten Details weist Hickok nach, dass entweder unsauber interpretiert wurde – was leider relativ häufig in den ‚objektiven‘ Wissenschaften vorkommt, oder es zeigte sich, dass zwar vermutlich ein Spiegelsystem beim Menschen zu finden ist, jedoch nicht im Broca-Areal, sondern in der sogenannten supplementär-motorischen Rinde. Letztlich bleibt die Frage ungeklärt, was Spiegelneuronen überhaupt leisten können. Ferner haben die Forscher möglicherweise beim Habituierungstraining bei den Affen erst geschaffen, was sie dann fanden.

Für Psychotherapeut*innen interessant ist auch Hickoks Hypothese zu den Erkrankungen aus dem autistischen Spektrum. Die Rede von der Broken-Mirror-Theorie des Autismus dürfte sich in Luft auflösen. Nicht ein Defizit des Spiegelsystems. sondern eine Hyperreaktion könnte die Quelle des Übels sein. Auch beim Vermeiden des Blickes in ein Gesicht spielt eher Hyperreaktion eine Rolle. Die fehlende Aktivität im fusiformen Gesichtsareal hat jedenfalls damit zu tun, dass diese Menschen lieber Dinge anschauen, weil da weniger Informationsmasse zu bewältigen ist. Oft hilft es sogar, wenn mit den Menschen gesprochen wird. So sagte die autistische Autorin Temple Grandin in einem Radio-Interview: »Wie soll man sich sozialisieren, wenn die Ohren so empfindlich sind, dass es sich schon in einem Restaurant so anhört, als säße man im Lautsprecher eines Rock‘n‘Roll-Konzerts, so weh tut es in den Ohren?« (282). Valporinsäure und Antidepressiva während der Schwangerschaft stehen als Ursache ebenfalls im Verdacht (s.a. Ärzteblatt 23. u. 24. 4. 2013).

Die ausführliche Besprechung erscheint demnächst in "Psychoanalyse & Körper".

Bernd Kuck      
Januar 2018

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Warum wir verstehen, was andere fühlen

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