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Ulla Hahn: Das verborgene Wort. Roman. dtv-Verlag, München 2001, 3. Auflage 2003, 622 Seiten

 


Am liebsten würde ich schreiben: Liebe Frau Hahn, Sie haben Rilkes Panther befreit und ihn in die Welt gelassen, dafür danke ich Ihnen sehr. Als Jugendliche begegnete  ich ihm zum ersten Mal und hielt es kaum aus, den Blick des Tieres hinter den Stäben beinahe erloschen zu sehen. Dabei hatte ich mein inneres Kinderbild von Moglis Baghira vor Augen, diesem schwarzen, stolzen und schönen Panther. Der hinter Gittern!? Wie gemein!! Ihn „einfach“ frei zu lassen, darauf kam ich nicht. Vielleicht wurde nun auch bei mir, nach dem Lesen Ihres  Buches, ein Teil mehr in die Welt entlassen.

Auf  Seite 525 beginnt die Befreiung des Panthers und 90 Seiten weiter ist entgültig klar, auch Hildegards „angespannter Wille / bricht freie Bahn sich ihn die Welt hinein.“
Der Leserin, dem Leser sei aber empfohlen, von vorn mit dem Lesen zu beginnen, damit er diese Befreiung so richtig begreift und die Käfigstäbe der Protagonistin nachfühlen kann, vielleicht auch eigene Stäbe entdeckt und sich Mut anliest, diese Stäbe zu biegen.

Hildegard Palms  Käfigstäbe sind vielfältig und vielschichtig:
Da sind ihre Eltern, denen sie immer verdächtiger wird. Sie passt einfach nicht in diese Familie mit ihren Fragen, ihren „komplizierten“ Gedanken, ihrem brennenden Verlangen nach allem was lesbar ist, ihrem „neuen Spleen“, Hochdeutsch zu sprechen anstatt des niederrheinischen Platts, ihrem Hang nach „was besserem“, ihrem Wunsch, eine „höhere Schule“ zu besuchen. Der Mutter, ängstlich im Autoritätsgehorsam gefangen, ist die Welt der Tochter fremd; „waat, bis de Papp kütt“ sind ihre hilflosen Erziehungsversuche. Un de Papp kütt und prügelt seine Wut aus Leib und Seele. Für die krankhaft-gläubige Großmutter ist Enkelin Hildegard vom Teufel besessen. All das eine beklemmende Enge, die mehr oder weniger im kleinen niederrheinisch-katholischen Heimatort der Protagonistin den Alltag während der 50iger und 60iger Jahre bestimmt. Aber es gibt Ausnahmen: da ist der Großvater, der der Enkelin die verborgene Welt der Worte zeigt, mit dessen Hilfe sie die „Buchsteine“ zu finden und zu lesen versteht; da ist der Grundschullehrer, der die Erstklässlerin für das Lesen „auf dem Papier“ gewinnt...... Und da sind die Worte, die schönen Sätze, die Laute, die Reime, Gedichte und Geschichten, gesammelt, gesprochen wie Gebete gegen den Widerstand des Dumpfen und Stumpfen. Immer und immer wieder aufgesagt, bilden sie eine Gegenwelt zum Alltag mit seinem Gebrüll, Geschwätz und seinen Gemeinheiten. Hier findet Hildegard ihre Welt. Hier findet sie Kraft, Trost und immer wieder Kraft, bis sie mit dieser Welt die Stäbe biegt und sich so in ihre Zukunft befreit.

Vielleicht liest sich das Schreckliche in diesem Buch weniger schrecklich, da von Anfang an klar ist: Hildegard macht ihren Weg; aber vor allem weil es der Autorin gelingt, in diese Qual und Stumpfheit des Alltäglichen eine Komik hineinzuflechten, die einen immer wieder lachen und schmunzeln lässt.

Bonn, Februar 2004
  Ingritt Sachse

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Das verborgene Wort.


 

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