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Grünberg Kurt/Leuschner, Wolfgang (Hg.): Populismus, Paranoia, Progrom. Affekterbschaften des Nationalsozialismus. Brandes & Apsel, Frankfurt a.M. 2017


Die Autoren gehen der Frage nach, inwieweit die heutigen Entwicklungen im rechtspopulistischen Feld sich aus dem Erbe nationalsozialistischer und archaischer Affektbereitschaften speisen. Demagogen aller Nationalität inszenieren ihre simplifizierten „Fakten“ dergestalt,

dass sie auf Seiten ihrer Anhänger und Zuhörer paranoide Ängste anheizen, Ressentiments schüren und zur Gewaltausübung aufhetzen (S. 12).

Der Text wird von Berichten zweier Zeitzeugen (Benjamin Hirsch und Edgar Sarton-Saretzki) der Nazibarbarei 1938 („Kristallnacht“) eröffnet, die dem Grunde nach als beunruhigende Erinnerung und zugleich als Blaupause für die heutigen rechtspopulistischen Bestrebungen angesehen werden können. Da die öffentlich agierenden Vertreter*innen an Ängste und Vorurteile appellieren, sind sie nicht einfach als „Spinner*innen“ abzutun. Wenn die gesamtgesellschaftliche Lage sowie wirtschaftliche Interessen die passende Mischung ergeben, dann heißt es wieder: „In normalen Zeiten diagnostizieren wir sie, in Krisenzeiten regieren sie uns“ (Karl Kraus).

Pegida und Hogesa bildeten den Auftakt zur Erzeugung eines paranoiden Feindbildes, für das 1933 die Juden herhalten mussten. Heute sind es Muslime und Flüchtlinge. Dabei können sich die ein Prozent der Kapitalinhaber*innen freuen, da so die Massen instrumentalisiert sind und die eigentlichen Verursacher*innen materieller Ungleichheit und seelischer Verelendung nicht beim Namen genannt werden, sie in aller Ruhe ihre ausbeuterischen und menschenfeindlichen Geschäfte weiter betreiben können.

Ohne die „Politisierung“ der ungebildeten Massen wären die sich als hilflos ausgeliefert fühlenden Einzelnen der Einsamkeit überantwortet, mit ihren „Hassgefühlen und nicht mehr realistischen Ängsten allein: einsam“ (S. 26). Psychologisch ist dies der gleiche Zusammenhang, der unter vernachlässigten Jugendlichen zu Bandenbildung führt: hier ist fran* jemand, hier gehört fran dazu. Der Kitt ist nach wie vor derie „Führer*in“ [auch Frauen sind nicht einfach die besseren Menschen], denen bereits Freud die Verkörperung der Projektionen als entlastendes Über-Ich bescheinigte, eines der wesentlichen Merkmale in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1920). Die neuen „Führer*innen“ reaktivieren Affektbereitschaften und einfache Weltbilder autoritärer Strukturen, die in krankhaften paranoiden Wahn münden und dann nicht mehr zu stoppen sind. Die Zivilgesellschaft muss sich frühzeitig gegen diese Entwicklung wehren, vor allem aber die wahren Strukturen benennen, die zu prekären Beschäftigungsverhältnissen und massiven gesellschaftlichen Spaltungen führen. Am Ende kennen die so paranoisch Verblendeten

nur ein Ziel, dass nämlich die Invasoren, die „uns“ zerstören, ausgeschaltet werden müssen, damit das eigene Volk überlebt. In dieser Logik ist jede Flüchtlingspolitik Verrat am Volk. Hat sich ein solcher Wahn, eine solche Paranoia durchgesetzt, gibt es bei ihren Trägern kein Halten mehr, und es kommt zur Entfesselung von Gewalt (34).

Habermas wies darauf hin, dass sich Demokratien gegen diese Tendenz wehren können, wenn sie den Bürger*innen deutlich und wahrnehmbar vermitteln, dass die Probleme angepackt werden, die zu Verunsicherung und Abstiegsängsten bei den Menschen führen. Und ebenso hilft die emotionale Bildung von Kindheit an. Denn nachweislich haben emotional und kommunikativ einbezogene und anerkannte Kinder und Jugendliche keine Valenzen frei für ethnozentristische Verachtung gegenüber Minderheiten (S. 43).

Wie dünn die Decke humanistischer Haltungen ist und wie viel getan werden muss, um Menschen zu mitfühlenden, selbstreflexiven und verantwortungsbewussten Individuen werden zu lassen, zeigten sowohl das Pilgrim als auch das Prison Experiment (S. 49ff). Nicht nur die Identifizierung mit unterdrückenden Autoritäten, sondern die Identifizierung mit entsprechenden Werten und Taten ermöglichen die Tyrannis.

Dietmar Becker kann zeigen, dass es nicht die unabwendbaren äußeren Ereignisse sind, die quasi das mitleidlos Böse der menschlichen Natur entfesseln. Gedanken von Hannah Arendt und Elias Canetti folgend macht er deutlich, dass destruktive Exzesse in historischen Situationen verankert sind, „in denen externe Gewalt mit innerpsychischer Unterwerfungsbereitschaft“ einher gehen (S. 83).

Diesen Aspekt führt Wolfgang Leuschner weiter aus, indem er den Zusammenhang von psychischer Entwicklung in früher Kindheit in familiären Verhältnissen und der hier latent entwickelten Gewaltbereitschaft die in bestimmter gesellschaftlicher Situation „scharf gemacht“ wird. Leider ist seine Analyse von alten psychoanalytischen Theoremen begleitetet, die mit kritischem Abstand zu reflektieren sind. Deutlich macht er aber die zum Wesen des Kapitalismus gehörende Spaltung und organisierte Demütigung. „Teilen gehört nicht zu seinem Geschäft. Aber nicht von ihm fühlen sich die Rechten und Populisten bedroht“ (S. 96).

Spannend ist die tiefenhermeutische Textanalyse der Reden von Björn (Bernd, wie ihn die "Tagesshow" zu seinem Ärger nennt) Höcke, worin die Simplifizierung und die Nutzung von Scheinargumenten, sowie das Packen der Zuhörer*innen bei ihren unreflektierten Affekten transparent wird.

Ein sehr lesenswerter Text, in dem mir allerdings die Dynamik von Macht und Ohnmacht nicht deutlich genug berücksichtigt wird. Herrschende Strukturen der Bürokratie verstärken das Ohnmachtsgefühl der Massen. Ohnmacht und Demütigung verhindern jedoch Gefühle persönlichen Wertes und Gefühle der Eigenmacht. Das macht die Menschen anfällig für Teilhabe an der Macht, endlich wieder jemand sein, was so leicht ist – auf Kosten „minderwertiger“ anderer.

*Hier experimentiere ich mit einer konsequenteren Berücksichtigung aller Geschlechter

Bernd Kuck      
Juli 2018

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