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Gödde,Günter: Traditionslinien des "Unbewußten". Schopenhauer - Nietzsche - Freud. edition diskord, Tübingen 2000, 655 S., 4 Abbildungen, 78,00 Mark.


Das "Unbewußte" war und ist ein Grundpfeiler der Psychoanalyse und der Tiefenpsychologie. Der Begriff des Unbewußten entwickelte sich in der Philosophie, wobei der Berliner Psychologe Günter Gödde in seinem groß angelegten historischen Werk "Traditionslinien des 'Unbewußten'" mindestens drei Strömungen ausmacht: Eine aufklärerische Linie setzt auf die im Prinzip unbegrenzt rationale Vernunft des Menschen (und vernachlässigt die Schattenseiten der Psyche), eine vitalistische Philosophie, zu der auch Goethe gehört, feiert das Unbewußte als eine Quelle der Weisheit (bis hin zu Nietzsches maßloser Überschätzung des Unbewußten), und eine romantische Denkrichtung erbebte wollüstig vor den triebhaft-irrationalen Kräften des Seelengrundes. Gödde vergleicht die drei Denkrichtungen, benennt ihre Gemeinsamkeiten und arbeitet die Unterschiede heraus.

Den unbestimmten Begriff des Unbewußten legte jede tiefenpsychologische Schule anders aus; er diente als Abgrenzungskriterium zu anderen Richtungen. Sigmund Freud nahm dabei eine extreme Position ein: "Das Psychische an sich ist unbewußt." Göddes These ist, dass Freud das Unbewußte vom metaphysischen Ballast befreite und für die Psychotherapie nutzbar machte. Dabei geht es auch um den Verdacht, Freud habe von den Philosophen Schopenhauer und Nietzsche mehr übernommen, als er zuzugeben bereit war. Freuds Begriff des Unbewußten wandelte sich ständig, und er hatte zeitlebens Mühe darzulegen, wie ein angeblich "absolut Unbewußtes" doch noch in den Bereich des Bewußtseins gehoben und damit therapeutisch bearbeitet werden kann. Mit seiner Vorstellung vom Unbewußten als Kellerloch der Psyche stellte er ein von Rationalismus und Idealismus geprägtes Bild vom Menschen in Frage, setzte andererseits romantische und philosophische Traditionen fort. Freud setzte Philosophie mit "spekulativem Denken" gleich; seine Theorie war aber selbst wiederum höchst spekulativ.

Gleichwohl ist es spätestens seit Freud Allgemeingut geworden, dass nicht alles Denken, Empfinden und Erinnern vollständig bemerkt und registriert werden kann, aber dennoch erhebliche psychische Wirkung hat. Es gibt unterschiedliche Grade an Aufmerksamkeit und es gibt offensichtlich Grenzen der Rationalität. Ist das Unbewußte vital oder kognitiv, triebhaft oder göttlich? Ist es mächtiger als das Ich? Ist es gefährlich oder lebensnotwendig oder beides? Es herrscht seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein undurchdringliches Dickicht von Vorstellungen und Behauptungen über die Seele, die Natur des Menschen, die Lebenskraft und den Geist. Welchem Konzept des Unbewußten man folgt, scheint letztlich unerheblich; jede Richtung hat ihre Argumente. Auch dass Freud seine Ansicht über den Aufbau des Psychischen mit Entschiedenheit vortrug, sollte nicht irritieren; er hätte sich mit gleicher Bestimmtheit ebenso anders entscheiden können. Wieder einmal zeigt sich, wie willkürlich Philosophen und Psychologen mit Begriffen umgehen; alle hatten ein bißchen Recht, aber das Spekulative fügt sich nicht zu einem Ganzen, weil die Empirie fehlt.
Göddes historischer Überblick über das nach wie vor rätselhafte "Unbewußte" dürfte sich zu einem Standardwerk entwickeln. Es ist vielleicht das letzte Mal, dass ein Einzelner eine solche Gesamtübersicht über den Gegenstand des Unbewußten geschrieben hat, denn die Literatur zur Geschichte der Tiefenpsychologie schwillt weiter an. Gödde verarbeitete in seinem verdienstvollen Publikation 650 Literaturangaben, die Werke von Freud, Schopenhauer und Nietzsche noch nicht mitgezählt. Damit ist der historische Überblick zugleich eine Fundgrube für Textstellen zum Unbewußten aus 150 Jahren. Gödde hält sich mit Stellungnahmen völlig zurück. In dieser Haltung, die ans Indifferente grenzt, gibt er die angreifbaren psychoanalytischen Gründungsmythen wörtlich wieder, als ob es keine kritische Forschung zu Freud gäbe.

Gerald Mackenthun, Berlin
(April 2000)

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Traditionslinien des 'Unbewußten'<br>Günter Gödde
Traditionslinien des Unbewußten


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