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Peter Geißler/André Sassenfeld (Hg.): Jenseits von Sprache und Denken. Implizite Dimensionen im psychotherapeutischen Geschehen. 368 Seiten, Psychosozial Verlag Gießen 2013

 


Dass es jenseits des explizit sprachlich Zugänglichen noch mehr gibt, als sich so manch einer träumen lässt, ist inzwischen auch bei einigen Psychoanalytikern angekommen. Dabei findet sich in den Träumen, just einiges aus dieser vorsprachlichen Zeit in bildlicher oder atmosphärischer Ausprägung, womit sich die Psychoanalyse ausdrücklich seit ihrer „Geburtsstunde“ befasst hat, sich jedoch immer im sprachlichen Raum bewegte, damit die vorsprachliche Zeit weitestgehend unberücksichtigt ließ. Maria Steiner Fahrni (Schicksalsanalyse nach Szondi, u.a. Weiterbildung in Körperpsychotherapie nach Downing und in Psychoanalyse am Züricher Seminar) sucht hier die Wegweiser aufzuspüren, die uns zum impliziten Beziehungswissen leiten können. Der Körper allerdings teilt vieles mit, was sich handelnd äußert, eben weil es auf Seiten des Patienten keine Worte dafür gibt. Seit eine Patientin Balints von der Couch aufstand und einen exzellenten Purzelbaum auf dem Teppich schlug, ist auch dies gestattet, soweit es sich spontan inszeniert. Die Gestaltung aktiver Handlungsdialoge oder szenischer Inszenierungen überschreiten aber die „analytische Demarkationslinie“. Dieser Widerspruch scheint implizit zu sein.

„Wenn wir uns gestatten, mit unseren Patienten bewusst und intendiert zu spre­chen und auf diese Weise die Interaktion über das Medium des Sprechens aktiv mitgestalten, warum sollte dann die Vorstellung, das bewusste und intendierte Handeln auf andere Formen der Interaktion [sprechen ist auch Handeln, BK], so abwegig sein“ (S. 10)?

Im vorliegenden Text versuchen die Autoren verschiedener psychotherapeutischer Basisausbildung, sich dem Impliziten zu nähern. Der Analytiker Michael Buchholz befasst sich mit der Entwicklung des impliziten Wissens beim Therapeuten. In seinem Einstieg sucht er Sprache gegen Körper aufzuwiegen. Und fragt, bezugnehmend auf Schiller, wonach der Geist des Einen dem Anderen nicht erscheinen kann, die Trennung der Individuen nur durch die liebende Verbindung der Körper – zumindest momenthaft – aufgehoben werden kann, ob dies „ein möglicher Grund“ sei, „warum so manche Psychotherapeuten den Worten wenig trauen und sich lieber dem Körper zuwenden“ (27). Vielleicht geht es gar nicht um entweder - oder. Nur braucht es eben die Sprachmächtigkeit der DichterInnen, um Nichtsprachliches zwischen den Zeilen des geschriebenen Wortes spürbar zu machen. Allein wie viele Menschen können mit Dichtung nichts anfangen? Und wie viele Interpretationen gibt es zu nur einem Gedicht? Den Hexenwahn als abschreckendes Beispiel für die Suche nach der Wahrheit des Körpers, gegen die Lüge der Sprache, zu wählen, ist schon stark. Immerhin müsse man dies “Gegeneinander“ heute nicht mehr teilen. Das Argument, dass es in der Literatur wenig wirkliche Transskripte von Therapiesitzungen gibt, es sich um selektive Protokolle von „Abend-Erinnerungen“ handelt, eignet sich natürlich nicht, „um eine Vernachlässigung des in einer therapeutischen Sitzung Gesprochenen zu begründen“ (29). Aber auch die subtile Argumentation unter Zuhilfenahme von Schiller, den Therapeuten das Wort, den Körper den Liebenden zu lassen, ist nicht wirklich ein Gegenargument. „Die Wiedervereinigung findet im Medium des Symbolischen statt“ (ebd.) womit er die Sprache meint. Das gilt auch für körpertherapeutische Interventionen, die symbolischen Charakter haben und nicht der Bedürfnisbefriedigung dienen, sondern den Ausdruck des Körpers zur Mitteilung nutzen, für die der Patient eben keine Worte hat.

André Sassenfeld durchkämmt die inzwischen sehr umfänglich gewordene unterschiedliche Bedeutung des Begriffes. Diese Vielfalt führt u.a. dazu, dass nicht immer klar ist, wie ein Theoretiker diesen Begriff in seinem Zusammenhang verwendet. Beim Erfinder des Begriffes, Michael Polayni geht es interessanterweise weniger um Wissen, als um Können („tacit knowing“, S. 58). Ja er postuliert sogar, dass theoretisches Wissen praktisches Können kaum einholen kann. Sassenfeld unternimmt die verdienstvolle Aufgabe, „Definitionen und Charakterisierungen des Begriffes des Impliziten in der Gedächtnisforschung, in den Neurowissenschaften, in der Bindungstheorie, in der Säuglingsforschung und schließlich in der Psychoanalyse und der gegenwärtigen Psychotherapie zu untersuchen“ (S. 117).
Es gibt Hinweise darauf, dass implizites Lernen in einer hohen Plastizität lebendiger Systeme gründet. Psychotherapeutische Veränderungen gründen auf Veränderungen in zwei Feldern, dem bewussten, deklarativen und auf dem der prozeduralen, impliziten Beziehung. Sassenfeld kommt zu der Feststellung, dass es theoretische Ansätze gibt, die vertreten, Implizites sei explizit reflektierbar, indes andere von der Unmöglichkeit des Unterfanges überzeugt sind. Vermittelnd schlägt Gross­mann vor, den Begriff der „affektiven Kommunikation“ einzuführen (S. 122), was der Komplexität des therapeutischen Feldes sicher angemessen ist, Implizitem wie Explizitem die ihnen gebührende Beachtung zu schenken.

Jörg Clauer nähert sich dem Thema von der Bioenergetik kommend an. Resonanz als mitschwin­gende körperliche Präsenz in der zwischenmenschlichen und damit auch der therapeutischen Beziehung ist ihm ein zentrales Phänomen, das nur unzureichend mit Verinnerlichung und Repräsentanz erfasst werden kann. Das Beziehungsangebot ist immer auch ein körperliches, neben dem mentalen, vor allem aber ein subjektives,

„das von der wechselseitigen Passung beider ebenso abhängt wie von der Resonanzfähigkeit des Therapeuten in dieser spezifischen Beziehungskonstellation. Aus körpertherapeutischer Sicht geht es weniger um verbalisierte Deutungen als um eine erlebbare abgestimmte Beziehungsantwort im Begegnungsmoment. Die verbale Antwort und gegebenenfalls Deutung gehört als ein möglicher expliziter Bestandteil zu dieser Beziehungsantwort“ (S. 141).

Clauer tritt denn auch dafür ein, eine Integration von verbalexpliziter und körperlich-impliziter Kommunikation im therapeutischen Prozess differenziert anzuwenden. Die Resonanzdiagnostik, die er anwendet, indem er sich ohne Berührung an alle vier Seiten des Probanden stellt und so versucht, in der mitschwingenden Resonanz anhand von Körpersensationen, Bildern und Gedanken das Gegenüber wahrzunehmen, ist sicherlich sehr speziell. Gut möglich, dass wir Augen- und Kopfmenschen hier die Feinheit der Sinne eben eingebüßt haben, anders als etwa blinde oder indigene Menschen.

Thomas Stephenson (Individualpsychologe [„Adlerianer“] aus Wien) reflektiert über das Sokratische Nichtwissen. Das hat schon wieder Kränkungspotenzial, das große Teile unseres „Wissens“ als verschwiegen („tacit“) und verkörpert („embodiment“) angesehen werden müssen. Und die Alten wussten selbst dies. Der immer wieder zitierte, Sokrates zugeschriebene, Ausspruch, „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, lässt uns in der Illusion der Wissenden. Stephenson übersetzt anders und zugleich hält er so die Suchbewegung der Psychoanalyse offen.

Sebastian Leikert (Psychoanalytiker mit besonderem Interesse für das Ästhetische) fürchtet, dass bei der ganzen Debatte um das Implizite Ödipus verloren gehen könnte, was er gleichsetzt mit einer Verflachung, ja Verharmlosung menschlicher Abgründe. Das ist mir am wenigsten nachvollziehbar. Immerhin ist der Ödipus ein Mythos und Ausdruck der griechischen Lebensstimmung, seinem von den Göttern bestimmen Schicksal nicht entkommen zu können. Das würden wir heute doch anders sehen, ohne gleich wieder der Hybris zu verfallen. Der Ödipuskomplex ist zumal bei Freud einer speziell einseitigen Deutung unterzogen worden. Unberücksichtigt blieb etwa, dass es die Eltern waren, die aus eigenen Ängsten den Sohn dem Tod überantworteten, also letztlich die Eltern die Urheber des Übels waren. Da würden wir doch heute eher die Perspektive der transgenerationalen Weitergabe von Unbewusstem oder eben Implizitem einnehmen. Den patriarchalen Gehalt der Freudschen Deutung hat Marianne Krüll expliziert und statt dessen den Rustumkomplex unter Rückgriff auf einen orientalischen Mythos formuliert.

Peter Geißler (Psychoanalytiker mit bioenergetischen Wurzeln) schließlich plädiert für eine langsame Therapie, was so gar nicht in den Zeitgeist einer „Wirksamkeitsallmacht“ (S. 260) passen will. Anhand eines ganz und gar „unspektakulären Fall(es)“ kann er zeigen, wie sich gleichsam „unsichtbar“ Veränderungsprozesse vollzogen haben und so deutlich machen, das sich implizite Wandlungsproz­esse ereigneten.
Geißler spannt in seinen vorausgehenden Betrachtungen den Bogen sehr weit, bezieht Evolutionsbiologie (schon der Einzeller „weiß“ wie er leben kann) und Quantenphysik mit in die Überlegungen ein und erweist sich, frei nach der Debatte in der Goethezeit, als Evolutionist im Gegensatz zu den heute wieder aufkommenden Vulkanisten. Nur geht Entwicklung vermutlich nicht eruptiv, und wenn es doch so erscheint, dann gab es eine Vorbereitung von langer Hand, vermutlich implizit geschehen und nicht explizit bemerkt. Die Unterschiede sind nur graduell, nicht essentiell.

Sicherlich ist die differenzierte Begriffssprache ein Anthropinon (Wesensmerkmal des Menschen) – beim Werkzeuggebrauch können wir uns nicht mehr so sicher sein (S. 269). Denkfähigkeiten entwickelten sich vermutlich eher aufgrund der Komplexität sozialer Interaktion in größeren Gruppen. „Gedankenlesen“ hat mehr mit „Körperlesen“ zu tun und ist damit wesentlich „embodied“ (S. 272). Eine andere Hypothese („Vocal-grooming“-Hypothese, S. 316) besagt ebenfalls, dass Sprache sich bei den Hominiden mit der Vergrößerung sozialer Gruppen entwickelt hat. Jedoch die Wertung, beim Homo von „höher“ entwickelt und „Spitze der Schöpfung“ zu sprechen, stellt wohl eine Überschätzung dar, zumal immer deutlicher wird, wie dieses angeblich „höhere Wesen“ in evolutionsgeschichtlich kurzer Zeit an den Grundfesten des Lebens aller Lebewesen rüttelt. Kein anderer Erdenbewohner hat so viel Unheil und Zerstörung über den Globus gebracht, wie der Mensch. Es steht sogar zu befürchten, dass „wir“ trotz besseren Wissens den Niedergang in Kauf nehmen, wie dies Barbara Tuchman („Die Torheit der Regie­renden) schon für frühere Epochen nachgewiesen hat; bald könnte es die Spezies Mensch sein. Der Neandertaler starb jedenfalls nicht aus, weil er nicht sprechen konnte oder nicht intelligent genug war (S. 321). Immerhin, wir können uns sprachlich darüber austauschen, was doch die Hoffnung nährt, einen Weg der friedlichen Koexistenz zu beschreiten; eine Garantie ist die Sprache allerdings nicht. Zumal sich der Mensch hinter der Sprache gerne verstecken mag, gleichwohl vieles in den Zwischentönen wahrgenommen werden kann, der Mensch seine Neurose aus allen Poren seiner Haut heraus schwitzt (frei nach Freud). Adler hatte interessanterweise einen handlungsorientierteren Ansatz („schaut den Menschen auf die Hände, nicht aufs Maul“). Und jeder, der Erfahrung mit körpertherapeutischen Zugängen hat, der weiß, dass es hier schnell ans „Eingemachte“ ge­hen kann.

„Der verbale Schutzraum, das Sich-Verstecken-Können in einem affektarmen Re­den über sich selbst, kann in einem körpertherapeutischen Setting dann und wann in Sekunden zusammenbrechen“ (S.13).

Und möglicherweise haben die Analytiker Buchholz und Leikert keine oder keine positiven körpertherapeutischen Erfahrungen, kennen vielleicht nur die „Körpertherapie Geschädigten“, deren mühsam zusammen gehaltene Struktur in weniger achtsamen Körpertherapien vollends auseinander brach. Wer diese Menschen dann therapeutisch aufzupäppeln suchte, eine Erfahrung, die auch der Rezensent machte, der verhält sich den körpertherapeutischen Ansätzen gegenüber reservierter. Nun, Erfahrungen kann man revidieren; die Grundlage jeder Psychotherapie. Diese impliziten Menschen- und Weltbilder erschweren möglicherweise den Austausch zwischen analytischen Körperpsychotherapeuten und anderen Analytikern (S.286).

Wenn implizites Beziehungswissen aus vorsprachlicher Zeit stammt – und die Forschungen dazu machen diese Annahme mehr und mehr zur Gewissheit -, dann ist es per definitionem dem sprachlichen Ausdruck nicht leicht zugänglich. Und ist dann Denken an Sprache gebunden? Vielleicht ist es ja so, dass Tiere mehr wissen als wir denken und mehr denken als wir wissen (S. 292). Und ebenso in der therapeutischen Kommunikation geht es weniger um sprachlichen Ausdruck von Gedanken. In der Regel können wir unseren Patienten sprachlich nichts vermitteln, ohne dass sie das Gemeinte auch fühlen. Fühlen aber ist schon mentalisiertes Sagen über Spüren. Spüren aber ist Körper! „Die menschliche Sprache ist mit ihren 6.000 Unterformen sicher ein unglaublich differenziertes Verständigungsmittel, doch ihre anthropologische Überhöhung ist in letzter Konsequenz ein Ausdruck unserer Eitelkeit“ (S. 299).

Fraglich ist, ob es sich bei dem Impliziten überhaupt um ein Wissen handelt. Eine saubere Begrifflichkeit würde hier helfen. Dann wäre die Unterscheidung von implizit und explizit genauso wenig künstlich, wie unbewusst und bewusst. Machen wir aber ernst mit der Evolutionstheorie, dann hat der Mensch Wurzeln, die mindestens bis zu den Reptilien reichen, weshalb man ja vom Stammhirn als dem Reptiliengehirn spricht. Im Feinstofflichen reichen sie vielleicht noch viel weiter. Es gibt Menschen, die im Gegenüber wahrnehmen, was anderen verborgen bleibt. Wie viel dichter ist ein Mitglied indigener Völker am tierischen Wahrnehmen dran, so dass er noch in einem Auto fahrend, den Fahrer auffordern kann, er solle langsam fahren, da hinter der nächsten Biegung etwas im Weg steht. Dieses Etwas war ein Elch! (Für die Skeptiker sei noch erwähnt, dass der Mann in dem Landstrich selber fremd war, also die Wildwechsel nicht kannte, folglich auch nicht wissen konnte, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass an der Stelle schon mal ein Elch auf der Straße steht.) Und wie scharf ist die Grenze zwischen Materiellem und Immateriellem? Diese sich hier auftuende Nähe zum Esoterischen bereitet aufgeklärten Menschen Probleme. Geißler schaut aber nicht bei den Esoterikern vorbei, sondern bei dem Quantenphysiker und Träger des alternativen Nobelpreises Dürr. Da ist dann schon mal die Grenze zwischen Energie und Materie fließend. Überhaupt versucht Geißler einen Brückenschlag zwischen natur- und geisteswissenschaftlicher Weltsicht, die gerade im Kontakt mit der Biologie und Quantenphysik gut gelingen kann (S.258, 326). So wie Energie in Materie übergeht, so gibt es eine ungebrochene Kontinuität, die alles Leben auf der Erde verbindet (S. 305).

Es gibt auch keine Repräsentanzen im Gehirn, weder „Objektrepräsentan­zen“ noch ist das Gedächtnis repräsentational (S.19) und folglich gibt es auch keinen „natürlichen Homunkulus“. Das erinnert sehr an die Beiträge von Thomas Fuchs, der schlüssig zeigen kann, dass unser Gehirn in der Auseinandersetzung mit einer konkreten Umwelt sich entwickelt, neuronale Verbindungen bis in die tiefsten Tiefen des Gesamtorganismus reichen, weshalb die schönen bunten Flecken, wie sie bildgebende Verfahren liefern, noch lange nichts über das gewordene Personale aussagen. Mit solchen Unschärfen müssen und sollten wir leben.
Buchholz versucht zu ergründen, wie sich implizites Wissen bei Therapeu­ten entwickelt. Hier mag der Begriff noch am besten passen, handelt es sich doch um ein quasi zeitweise bewusstes Wissen, dass zum Teil aus Lehrbüchern, zum größeren Teil aus Erfahrung (prozedurales Wissen oder Gedächtnis) und aus Beziehungserfahrungen mit therapeutischen LehrerInnen stammt. Und wie im hermeneutischen Zirkel wird dieses Wissen aus dem Expliziten verband, gleichsam dem Unbewussten übergeben (das im übrigen die größere Kapazität in der Verarbeitung von Informationen hat), um dann in der konkreten Interaktion mit einem Patienten plötzlich im Einfall aus gleichschwebender Aufmerksamkeit wieder aufzutauchen – situationsangemessen modifiziert. Und dennoch ist Psychotherapie nur bedingt lehrbar, denn „das Beste, was du weißt darfst du den Buben doch nicht sagen“. Goethe meinte vermutlich die den Normalmenschen erschreckenden tiefen Einblicke in das Weltgeschehen und die daraus resultierenden Ungewissheiten. Aber man könnte auch „darfst“ durch „kannst“ ersetzen, eben weil sich die momentane Erkenntnis des Einzelnen aus der Summe seiner impliziten und expliziten Beziehungs- und Lernerfahrungen zusammensetzt, die wir nur unzureichend verstehen und eben nicht bis ins letzte aufklären können. Wir nennen es dann Intuition oder schöpferische Gestaltungskraft. Geißler greift hier auf die „polyadische Natur des Menschen“ zurück, die sich als „Ressourcenakquisestrategien“ evolutionär entwickelt habt. Die dyadische Bindung ist zwar bedeutsam, aber nicht die einzige Quelle der Entfaltung des Menschen.

„Jedenfalls ist es aber so, das das, was Kinder herausfinden in diesen experimen­tellen Suchbewegungen, implizit verarbeitet und repräsentiert wird“ (S. 308).

Gerade wegen dieses polyadischen Aspektes erhält die Gruppentherapie quasi von biologischer Seite einen Bedeutungszuwachs. Hier bieten sich „Möglichkeiten des impliziten Lernens, wie sie in einer verbal geführten Einzeltherapie kaum möglich sind“ (S. 357).
Adler nannte diese Ergebnisse impliziten Lernens (wie wir heute sagen würden) die schöpferische Kraft des Kindes und erklärte damit die höchst individuellen Entwicklungen trotz scheinbar annähernd gleicher Bedingungen. Einigen gelingt die sprachliche Ausformulierung. So haben etwa die Mütter und Väter therapeutischer Richtungen einen Teilaspekt des Lebensganzen in Sprache gefasst, die Schüler und Schülerinnen die Erkenntnis zum Dogma erhoben und so streiten sich die Schulen munter um die Wahrheit. Befruchtend ist da der Blick über den Tellerrand, der Fächer übergreifende Diskurs, der „vielleicht in neue Paradigmen hineinführt“ (S. 19). Dem fühlen sich die Autoren wohl verpflichtet. Ihre Beiträge regen zum Denken unter ständig neuer Perspektive an. Auch wenn der Begriff des Impliziten durchaus unscharf ist (S. 57), einiges kommt explizit zur Sprache, regt Implizites im Leser an, dass er so noch nicht expliziert hatte. Was für ein wunderbares Buch!

Bernd Kuck      
November 2013

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