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Gallasch-Stebler, Andrea: Nächste Station Erde. Langzeittherapie eines schwer traumatisierten Kindes in Praxis und Theorie, mit zahlreichen Abbildungen. Pabst Science Publishers, Lengerich 2012


Die schweizer Analytikerin legt hier einen beeindruckenden Text vor, der sich in zwei Teile gliedert. Im ersten Teil die Schilderung einer Langzeittherapie mit einem traumatisierten Jungen, im zweiten Teil einige methodische Erläuterungen, die sich hauptsächlich an ein interessiertes Publikum aus dem Lebensumfeld der Kinder wenden – also an ErzieherInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen usw., denen Kinder auffällig werden könnten. Marco ist zehnjährig, als er in die Behandlung von Frau Gallasch kommt. Er wird sieben Jahre bleiben. Frau Gallasch ist ursprünglich Kinder- und Jugendlichen-Analytikerin, die in ihrer langjährigen Arbeit feststellen musste, dass sie bestimmte Patientengruppen nicht wirklich mit ihren Möglichkeiten erreichen kann. Marco hat das Glück, auf eine einfühlsame Behandlerin zu treffen, die sich traumatherapeutisch weiterentwickelt hat, grundsätzlich nicht allein auf die analytische Methode vertraut. Marco ist schwer geschädigt auf Grund von Misshandlungen, die er durch einen sieben Jahre älteren Bruder erfahren hat. Dieser ist schwer gestört, wobei er vermutlich schwerwiegende hirnorganische Einschränkungen hat, keinerlei Fähigkeit zu Empathie oder sonstigem sozialem Verhalten. Die Eltern waren rettungslos überfordert, die Mutter zur Babyzeit Marcos depressiv, der Vater war meistens auswärts auf Montage, so dass sie unfähig waren, Marco vor den Übergriffen und Misshandlungen zu schützen – sicher nicht nur aus äußeren Gründen, zumindest hat die Mutter sehr wahrscheinlich selbst Gewalterfahrungen.

Marco besucht eine „Spezialschule“ für Sprachbehinderungen. Er ist durchschnittlich intelligent, sehr unselbständig und nimmt keine feste Nahrung zu sich. Er kann nirgends alleine hingehen, hat keine Hobbys und keine Freunde. Obwohl er in verschiedene Therapien eingebunden ist, macht er keinerlei Fortschritte. Wenn er sich von den anderen Kindern in der Schule bedroht fühlt, schlägt er sie. Die LehrerInnen würden ihn gerne in der Heimerziehung sehen, indes die Mutter sich heftig dagegen wehrt, da schon ein Kind – der misshandelnde Bruder von Marco – in einem Heim untergebracht ist, sie auch nicht nachvollziehen kann, warum dies notwendig sein sollte, da Marco zu Hause brav und angepasst ist. Der acht Jahre ältere Bruder Marcos absolviert eine Lehre und ist ebenfalls in Psychotherapie.

Marco erweist sich wider Erwarten nicht als „ungefähr ähnlich wie andere Kinder mit sprachlichen Schwierigkeiten, einer Wahrnehmungsstörung und einem Entwicklungsrückstand“. Marco lebt in einer „Katastrophenwelt“, in der er mit Worten kaum erreichbar erscheint. Bereits in der ersten Therapiesitzung entfaltet sich ein Teil dieser Katastrophenwelt im freien Spiel. Er entdeckt ein Krokodil, das in seinem Spiel alles andere auffrisst. Es folgen Angriffe einer Rieseneule und alles mündet in eine Weltuntergangsstimmung.

„Szenenwechsel: Er entdeckt einen großen weißen Plüschtier-Eisbären. Dieser wird als Monster bezeichnet, obwohl er eigentlich sehr lieb und gutmütig aussieht und von den meisten Kindern auch als solcher benützt wird. Nun werden die Katastrophen nicht mehr nur durch Naturgewalten, sondern auch durch dieses Monster ausgelöst. Es verursacht Erdbeben, verschüttet Menschen und hat es ganz besonders auf ein Baby abgesehen, dargestellt durch ein ca. 10 Zentimeter großes, männliches Plastikbaby in Fötusstellung, das sehr naturgetreu aussieht. Im Spiel wird das Baby in einen Keller gesperrt. Unterdessen, so sagt er, furzt und scheißt das Monster auf alle, denen es begegnet. Es verbreitet einen Riesengestank. Dann folgt eine Explosion“ (S. 17f).

Diese Welt entfaltet Marco über viele Stunden, was für die begleitende Therapeutin eine große innerseelische Belastung darstellt. Insgesamt wird er sieben Jahre in Behandlung bleiben. Mit kinderanalytischen Methoden ist hier kein Weiterkommen. Hingegen entsteht ein erstes Mitspielen, als Frau Gallasch einen Engel einführt, der das ganze Geschehen von außen beobachtet und in der weiteren Behandlung als Schutzengel immer dabei sein muss.

Es ist schon erstaunlich, dass Marco der Therapeutin überhaupt so frühzeitig einen Einblick in diese Katastrophenwelt gewährt. Denn üblicherweise sind traumatisierte Kinder Spezialisten darin, sich zu panzern, sich nichts anmerken zu lassen. Sie lenken ab und gehen zum Alltag über, als sei nichts geschehen.

„Oder sie verschieben ihre zurückgehaltenen Gefühle auf andere Menschen [i.S. der projektiven Identifizierung, BK] und bekommen dadurch noch zusätzliche Probleme. Sie haben nicht gelernt, sich mitzuteilen und Trost zu suchen, oder sie haben es sich abgewöhnt, weil zu lange niemand darauf reagiert hat“ (S. 24f).

Nach und nach gelingt es z.B. durch Externalisierung der beängstigenden Katastrophen in sie symbolisierende Gegenstände, die Überflutung einzudämmen und mehr und mehr in Kontakt zu kommen. Frau Gallasch lässt die LeserInnen am Prozess teilhaben, indem sie eine Sequenz phänomenologisch beschreibt und im Nachgang kommentiert.

Die enorme Belastung, die die Therapeutin nach einem halben Jahr spürt, vermittelt ihr und den LeserInnen, was wohl der kleine Marco aushalten musste, ohne bislang eine Unterstützung, geschweige denn Schutz erfahren zu haben. Dies berührt auch den Aspekt der Gefahr einer sekundären Traumatisierung der TherapeutInnen, weshalb die Vernetzung mit KollegInnen, Supervision und eigene Psychohygiene so wichtig sind.

Selbst gemachte Figuren werden langsam zu inneren Helfern. Aber die Albträume lassen sich nicht stoppen. Erste Zeichnungen helfen beim Externalisieren der Schrecken. Mit gemalten Figuren wird nun gespielt, wobei nur der Schutzengel mit ihnen sprechen darf. Später kommt eine modifizierte Squiggle-Technik (Winnicott), Schnörkel-Technik zum Einsatz, bei der Marco einen gemalten Schnörkel zu einem Bild ergänzt, dann die Therapeutin und so immer wieder im Wechsel. So kann sich Unbewußtes ausdrücken, wobei es hier weniger auf Deutung ankommt als auf Spiegelung.
Ebenso kommt eine modifizierte Form des EMDR zum Einsatz, ziemlich abseits vom Manual, aber hilfreich, um schließlich die Albträume einzudämmen.

Insgesamt eine sehr beeindruckende und einfühlsam geschilderte Behandlung, von der nicht nur Kinder- und Jugendlichen-TherapeutInnen viel lernen können, sondern auch ErwachsenentherapeutInnen, die mit komplex traumatisierten Menschen arbeiten. Der Fallbericht öffnet das Gefühl und den Blick für das traumatisierte Kind im Erwachsenen. Das ist nicht immer leicht wahrzunehmen, gerade weil die Alltagsperson nach außen oft „funktioniert“. Fast ist die Behandlung der multiplen Persönlichkeit noch leichter, da die einzelnen Persönlichkeitsanteile im dissoziativen Modus in den Vordergrund treten und so deutlich sichtbar werden.

Bezogen auf den Methodenstreit und der Starrheit der Psychotherapie-Richtlinien macht dieser Fallbericht deutlich, wie hinderlich eine Methodenfixierung ist. Noch immer gilt das Wort von Otto Rank, Freud-Schüler und hauptsächlich nur bekannt als Autor von „Das Trauma der Geburt“, dass für jeden Patienten die Therapie neu erfunden werden muss. Dazu ist es hilfreich, wenn der Therapeut über einen großen Methodenpool verfügt, auch wenn er dem Grunde nach vielleicht in einer Therapierichtung beheimatet ist. Da gilt dann gleichermaßen für Erwachsene, was auch für Kinder zutreffend ist:

„Wenn wir uns den Kindern anpassen und nicht erwarten, dass sie sich unseren Methoden anpassen, kommen sie meist gern und zeigen selten den sogenannten Widerstand“ (S. 153).

Frau Gallasch-Stebler macht aber auch deutlich, dass wesentlich die Beziehungsaufnahme im Zentrum der Begegnung steht. Das muss ja nicht daran hindern, hilfreiche Methoden einzubinden. An dem Fallbericht wird deutlich spürbar, wie viel persönliches Engagement in die Behandlung einfließt, wie sinnlos hier der Einsatz bloßer traumatherapeutischer Techniken mit der Vorstellung abkürzender und kostensparender Fließbandbehandlung ohne das ernst gemeinte zwischenmenschliche Beziehungsangebot wäre. Es wird aber auch deutlich, wie aberwitzig etwa der Ausschluss traumatherapeutischer Behandlungsmethoden innerhalb einer analytischen Psychotherapie durch die Richtlinien in Deutschland ist. Ich kann mich der Autorin nur voll und ganz anschließen, wenn sie formuliert, was sich mir erst mehr und mehr erschließt:

„Ich selbst bin bei schwer tramatisierten Menschen jedoch trotz meiner langjährigen psychotherapeutischen Erfahrung, dem regelmäßigen Austausch mit KollegInnen und einer Vielfalt an Methoden eindeutig an eine Grenze gestoßen und arbeite, seit ich in Traumatherapie ausgebildet bin, spezifischer und meinem Empfinden nach auch deutlich besser. Nicht nur kann ich traumatisierten Menschen gezielter helfen, sondern es geht auch mir besser dabei, weil ich mehr Klarheit und Sicherheit habe bezüglich dessen, was sich abspielt“ (S.216).

Der vorliegende Text schließt mit einer ebenso wenig schematischen Danksagung an alle, die an der Entstehung des Buches mitgewirkt haben, wie die ganze Therapie ohne Schema auskommt.

Bonn, Dezember 2012
Dipl.-Psych. B.Kuck 

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