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Hans-Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik. Gedanken über die Einheit des Lebens. 7. Auflage, Crotona Verlag, Amerang 2013

 


Hans-Peter Dürr, Jahrgang 1929, war von 1958 bis 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter von Werner Heisenberg (Nobelpreisträger und Mitbegründer der modernen Quantenphysik). Bis 1997 führte Dürr das Max-Planck-Institut für Physik in der Nachfolge von Heisenberg. Darüber hinaus leitete er das Werner-Heisenberg-Institut in München und nahm mehrere Gastprofessuren in Berkley, China und Indien wahr. 1987 erhielt er den alternativen Nobelpreis, was vielleicht schon darauf hindeutet, dass er nicht unbedingt dem Mainstream folgt. Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts engagiert er sich in der Friedens- und Umweltbewegung und ist ein ausgewiesener Kritiker der Nutzung der Kernenergie.

Es hat den Anschein, als ob die Moderne auf dem Stand des 19. Jahrhunderts stehen geblieben ist, die bahnbrechenden Erkenntnisse der Quantenphysik nicht wirklich Eingang in das Bewusstsein der Menschen im 21. Jahrhundert gefunden haben. Wir bewegen uns immer noch nach dem Prinzip des Greifens und nur was greibar ist habe ich, anderes ist ausgeschlossen. Das ist lebenspraktisch sinnvoll, denn nur so komme ich an den Apfel oder was immer ich gerne essen möchte. Unsere Wahrnehmung ist allerdings begrenzt und was wir für Wirklichkeit halten stimmt nicht immer mit der Wirklichkeit überein. Makrokosmisch kommen wir weitestgehend gut damit zurecht. Je tiefer wir allerdings in den Mikrokosmos vorstoßen, desto weniger treffen die Gesetze der Mechanik des Makrokosmos zu.

Heisenberg soll einmal gesagt haben, dass wer in das Glas der Erkenntnis schaut, Atheist wird. Am Boden des Glases jedoch findet man Gott. Der Kabarettist Jürgen Becker machte daraus: "Dat heißt also, wenn wir voll sind wie eine Haubitze, dann glauben wir alles."

Dürr begreift sich als "liebenden Atheisten", womit er meint, dass zum "Ganzen-Einen" sich am ehesten die liebende Haltung fügt, in der der Mensch sich mit dem Kosmos verbunden fühlt. Ein Gedanke, der in Religion und Philosphie seit Jahrtausenden immer wiederkehrt - nun quantenphysikalisch begründet.

Das Atom ist schon lange nicht mehr unteilbar und die kleinsten gefundenen Teilchen sind möglicherweise gar keine Teilchen, also keine Materie. Oder anders gesagt: Der Urgrund sind Schwingungen, die in Strukturen vorliegen, die aber im Innersten weiterschwingen, sich ständig in der Struktur erneuern und so für uns den Eindruck von Materie, also festem Stoff bieten. Das reicht für unsere lebenspraktische Welt vollkommen aus. Im Kern aber gibt es ein "feuriges Brodeln", ein ewiges Entstehen und Vergehen (33). Da es ja nun eigentlich gar keine A-tome oder Mikroteilchen mehr gibt, sollten wir besser "von der Vorstellung eines 'Passierchen' - etwas, das passiert, etwas Prozesshaftes - oder eines 'Wirks', einer kleinen Wirkung ausgehen. Das deutsche Wort 'Wirkung' für die Wirklichkeit ist ja viel besser als das der 'Realität'" (64).

Das Lebendige stellt dabei ein labiles Gleichgewicht dar, wie wir es beim Pendel sehen können. Hat das Pendel seinen höchsten Punkt erreicht und steht einen Moment still, dann können wir nicht mit Sicherheit voraussagen, ob es nach rechts oder links kippen wird. Bei einem Mehrfach- oder Trippelpendel (Chaos-Pendel) ist die Voraussage unmöglich. Das einfache Pendel erreicht diesen höchsten Punkt nur einmal, bis es schließlich zur Ruhe kommt. Das Trippelpendel erreicht diesen Punkt der Instabilität oder "höchsten Sensibilität" mehrfach. Diese Sensibilität öffnet die Zukunft für die Kreativität des Lebendigen. Leider bereitet uns diese Offenheit Angst, da sie auch eine "Situation extremer Unsicherheit darstellt" (69). An diesem Punkt der "höchsten Sensibilität" ist das Pendel mit dem "Einen Ganzen" verbunden und sprichwörtlich wird der Flügelschlag des Schmetterlings zum Ausöser eines Taifuns. Voraussetzung ist, dass die Wetterlage so ist, dass sie - wie das Pendel - genau auf der Kippe steht.

Das hat nun erhebliche Folgen für unser Ökosystem. Wir kennen den Punkt nicht, an dem es umschlagen kann. Ist er erreicht, gibt es keinen Punkt der Umkehr. Das Leben an sich wird wohl nicht aufhören, aber die Folgen für uns Menschen könnten erheblich sein.

"Die Lebewesen, die so zerstörerisch wirken - und ich denke hierbei in großer Sorge vor allem an uns Menschen - werden gewöhnlich nach kurzer Zeit aus dem qualitativ ständig reicheren und flexibleren Lebensprozess hinausgeworfen, oder sie werden zu einem Ast, der nicht mehr nach oben strebt, sondern seitwärts endet oder sich am Ende selbst absägt. Da gibt es keine übermächtige Polizei, die sagt, was ethisch erlaubt ist oder nicht, sondern das entgleiste System ruiniert sich selbst, leider auch mit Schädigung anderer" (127).

Quantenphysikalisch begründete Gedanken, die so und ähnilch in ihren Folgen immer wieder in der Menschheitsgeschichte auftauchen. Bloße Apokalypse? Hoffen wir mal, dass der Mensch sich vom "Wir-machen-alles-weil-es-machbar-ist" abwendet, sich vom "Weiterso" distanziert. Denn wenn die doch recht hochkarätig begründete Theorie stimmt, dann wäre es sinnvoll, sie gar nicht erst zu überprüfen, sondern die Richtung zu ändern. Da wäre ja schon viel gewonnen, wenn wir das kapitalistische Wirtschaften einstellen. Denn soviel ist sicher: Die Ressourcen unseres Planeten sind endlich.

Bernd Kuck      
März 2014

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