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Friedrich Wilhelm Deneke: Psychodynamik und Neurobiologie. Dynamische Persönlichkeitstheorie und psychische Krankheit. Eine Revision psychoanalytischer Basiskonzepte. 476 S. mit Sach- und Personenverzeichnis, 26 Abbildungen, Stuttgart (Schattauer) 2013, 49,99 Euro.

 


Die neueren Forschungsergebnisse von Hirnforschung und Neurobiologie rütteln an den Grundfesten psychodynamischer Theorien. Psychoanalytiker sahen sich deshalb in den vergangenen Jahren herausgefordert, Sigmund Freuds Erbe zu verteidigen. In meist apologetischem Bemühen wurde betont, dass Freud viele der heutigen Erkenntnisse „vorweggenommen“ habe und er weitgehend „bestätigt“ sei. Friedrich-Wilhelm Deneke (geb. 1940), emeritierter Professor für Psychosomatik und Psychotherapie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, zählt sich auch zu den Psychoanalytikern, kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis. In dem umfangreichen Buch Psychodynamik und Neurobiologie begründet er ausführlich, warum zentrale Aussagen der klassischen Psychoanalyse zu den Akten gelegt werden müssen.

Der Autor rekapituliert zunächst ausführlich das aktuelle Wissen über die Funktionsweise des Gehirns. Es ist ein selbstorganisatorisches Organ ohne zentrale Einheit, es arbeitet ständig, aber Außenstehende bekommen davon fast nichts mit und auch die Ich-Person erlebt nur einen Bruchteil davon bewusst. Das Gehirn generiert auf eine unbekannte Weise den Eindruck, dass man sich selbst als kontinuierlich anwesendes Ich erlebt, obwohl es dieses Ich im Gehirn nicht gibt bzw. es nicht lokalisiert werden kann. Im Wachbewusstsein wie im Schlaf greifen Teile des Gehirns assoziativ auf andere Teile zu, in denen frühere Erfahrungen als Bilder oder Szenen abgelegt sind. Das Allermeiste von dem, was wir erleben, wird jedoch gelöscht oder fällt dem Vergessen anheim.

Gleichwohl entstehen individuelle seelisch-geistige Strukturen, die zeitstabil sind. Im Gehirn scheinen Muster des Erlebens abgespeichert zu sein, die bei ausreichend hoher neuronaler Aktivität die Bewusstseinsschwelle überschreiten können. Erleben und Struktur sind über Rückkoppelungsschleifen fortwährend aufeinander bezogen: die seelisch-geistige Struktur entwickelt sich auf der Grundlage des Erlebens, sie beeinflusst das aktuelle Erleben, wodurch wiederum die Struktur überarbeitet wird. Erleben erfolgt immer strukturabhängig, jedoch kaum je willentlich, jedenfalls nicht im Moment des Geschehens, allenfalls in der Retrospektive. Das Gehirn verarbeitet neue Erfahrungen unter Rückgriff auf alte Erfahrungen. Dieser Mechanismus ist weitestgehend automatisiert, ohne bewusste Kenntnis und Einflussmöglichkeit. Die Verarbeitung erfolgt entlang von Assoziationsbahnen: Gegenwärtige Angst wiederbelebt vergangene Ängste. Erst später kann der Mensch mit wachem Bewusstsein regulierend eingreifen, aber nur begrenzt im Rahmen seiner seelisch-geistigen Strukturen.

Auf dieser Grundlage zählt Deneke zu den nicht mehr haltbaren Theorieanteilen der Psychoanalyse: die duale Triebtheorie; das dynamische Unbewusste; das Es, das Ich, das später hinzugekommene Selbst; alle Anschauungen, die von einer psychischen Energie ausgehen, die verschoben oder verdichtet werden oder die psychische Funktionen und Inhalte besetzen können; die Annahme vom Wiederholungszwang; die Traumtheorie; die Spaltung; die projektive Identifizierung; die ich-strukturelle Störung. All diese Konzepte müssten aufgegeben werden. Dagegen sollten folgende Bestandteile als gültig betrachtet werden: das psychogenetische Prinzip, wonach frühe Begebenheiten und deren Verarbeitung das spätere Erleben und Verhalten determinieren; die Abwehrlehre, d.h. die Tendenz, unerträglicher Aspekte der Wirklichkeitserfahrung aus dem Wachbewusstsein zu eliminieren, umzudeuten, zu verschleiern oder sonst wie zu bearbeiten, so dass sie ertragen werden können. Auch das Konzept eines Über-Ich sei klinisch weiterhin wichtig.

Deneke hatte bereits 2001 (Psychische Struktur und Gehirn) eine allgemeine dynamische Persönlichkeitstheorie in einer Verbindung aus Neurobiologie, Gedächtnisforschung, Motivation-, Emotion- und Entwicklungspsychologie mit weiterhin gültigen psychoanalytischen Positionen vorgestellt, die in diesem Buch noch einmal aufgegriffen wird: Die genetische Ausstattung grundiert das Erleben, die in seelisch-geistige Strukturen gerinnen, die im Gehirn niedergelegt werden und das nachfolgende Erleben wiederum entscheidend färben. Erfahrungsmuster bilden generalisierte Reaktionsmuster. Ausführlich erklärt er in diesem Rahmen Gefühle, Verdrängung, Abwehrmechanismen, Träume, Wünsche, Bedürfnisse, Bestrebungen, Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen. Dass das meiste davon unbewusst abläuft, ist kein neurotisches Geschehen und hat zunächst auch keinen psychologischen Zweck. Trotz dieser Lücken haben wir ein festes Gefühl, eine zeitüberdauernde Ich-Person zu sein, doch bislang ist nicht bekannt, wie das Gehirn eine solche, ihrer selbst bewusste Ich-Person hervorbringt.

So interessant, erhellend und beeindruckend dieses Werk ist, es hat dennoch einige Mängel, die die Lektüre beschwerlich machen. Es fehlt eine Darstellung dessen, was Freud „wirklich meinte“ (sofern das bei seinen häufigen Umarbeitungen überhaupt darstellbar ist), um einen direkten Vergleich mit der modernen Hirnforschung zu ermöglichen. Die Kenntnis der Freud’schen Theorie wird offenbar vorausgesetzt. Deneke referiert zudem kaum die Argumente der Verfechter der klassischen Psychoanalyse, mit denen sich auseinander zu setzen lohnend sein könnte. Stattdessen gibt es ein langes Kapitel über die Welt des Erlebens aus psychisch-phänomenologischer Sicht (Kapitel 2) und ein ebenfalls umfangreiches mit einer Rekapitulation der hauptsächlichen Störungsbilder (Kapitel 7) – beide ohne erkennbaren Zusammenhang zur Neurobiologie. Ganz sicher aber gilt Denekes Urteil, dass Psychoanalytiker nicht mehr beanspruchen und begründen können, sie würden über spezifische, exklusive und damit privilegierte Kenntnisse des Unbewussten verfügen.

Was folgt daraus für die Therapie? Deneke äußerst sich dazu kaum, so dass ich einige Gedanken abschließend anfügen möchte: Die determinierende Wirkung der je individuellen Gen-Ausstattung muss wohl künftig mit bedacht werden. Das bedeutet keinen therapeutischen Nihilismus, wohl aber das realistische Eingeständnis, dass therapeutisches Bemühen rasch an eine Grenze kommt, die derzeit und bis auf weiteres nicht zu überwinden ist. Genetische Disposition und biografische Erfahrungen stehen untereinander lebenslang in einer Wechselwirkungsbeziehung, ohne dass diese jemals voll aufgeklärt werden könnte, auch nicht in einer langen Therapie. Die Neurobiologie zeigt zudem, dass viele Verhaltensweise des Menschen und speziell des Patienten keiner psychischen Absicht und keinem psychologischen Zweck dienen, vielmehr autonomen neuronalen Prozessen entspringen. Es bleibt also mühsam und zeitaufwendig, pathogen wirkende neuronale Nervenbündel zu deaktivieren und durch andere zu ersetzen. Die „korrigierende emotionale Erfahrung“ beispielsweise, wie sie Franz Alexander formulierte, wäre Ausdruck einer veränderten seelisch-geistigen Struktur, die eine Entsprechung in ebenfalls neu strukturierten Nervenbahnen haben. Insgesamt wird mit Hilfe der Neurobiologie einleuchtender, warum der Mensch nur begrenzt therapierbar ist.

Dr. Gerald Mackenthun      
Januar 2014

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