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Clément, Catherine: Martin und Hannah, Roman, Berlin 2000, 379 Seiten


"Trotz des Debakels ihres Besuchs von 1974 beschloß Arendt, auf ihrem Weg nach Tegna bei Heidegger in Freiburg vorbeizufahren. Es ging ihm nicht gut. Sehr besorgt um ihren Mann, war Elfride Heidegger herzlich zu Hannah Arendt, und zu guter Letzt kam ein Waffenstillstand, eine Versöhnung, zwischen den beiden Frauen zustande."

Diese kurzen Sätze, der Arendt-Biographie von Elisabeth Young-Bruehl entnommen, bilden die Inspiration zum vorliegenden Roman. Dabei scheint die Liaison zwischen der 18-jährigen Studentin Hannah Arendt und dem 36-jährigen Philosophieprofessor auch nicht mehr herzugeben. Anders gesagt: Über den philosophischen Aspekt dieser Liebschaft ist wenig oder doch fast nichts bekannt. Zumindest scheint der intellektuelle Austausch zwischen den beiden nicht erwähnenswert, zumal sich Heidegger zu seiner Geliebten schlich, ihr Lichtzeichen gab, wenn die Luft rein war, d.h. seine Frau mit den beiden Kindern außer Haus war.

Es scheint fast so, als ob die Geschichte zwischen Arendt und Heidegger hinsichtlich des philosophischen Hintergrundes der von Beauvoir und Sartre nicht das Wasser reichen kann. Übereinstimmung allein in der wenig emanzipierten Position der Frau. Wie entkommt Catherine Clément der Trivialität dieser ewig wiederkehrenden Geschichte einer Geliebten? Knapp bemessene Zeit, schnell ins Bett und die Körper mischen. Nun, sie wendet einen sehr hübschen Kunstgriff an. Hannah Arendts Begegnung mit Heidegger findet nicht mehr bei vollem Bewusstsein des „Großen von Todtnauberg“ statt. Die Auseinandersetzung mit ihrem Verhältnis geschieht gleichsam zwischen den beiden Frauen, die sich lange und erstmals ernsthaft in der Küche unterhalten. Aber nicht einfach ein Plausch zwischen der Haupt- und der Nebenfrau, wohl auch nicht nur eine späte Solidarisierung zweier Frauen, die sich beide als vom Mann ausgebeutet begreifen. Vielmehr ist es der Kampf der Eifersüchtigen um die Vorrangstellung in ihrer Bedeutung für den großen Philosophen. Heidegger, der sich so ausgiebig mit der Angst des Daseins befasst hat, brauchte ein trautes Heim, welches ihm Elfride schuft. Sie hielt alles von ihm fern, was sein Werk bzw. dessen Ausarbeitung stören könnte. Und Hannah war die Bettgespielin, die vermutlich wegen ihrer geistigen Potenz Heidegger mit der unkonventionellen Kraft erotischer Leiblichkeit beglückte. Wenn dem so ist, verwundert es allerdings um so mehr, dass der Leib in der Philosophie Heideggers so gut wie keine Rolle spielte.

Aber dies sind nicht die Fragen, denen sich Frau Clément in ihrer Spekulation zuwendet. Die Philosophie spielt nur am Rande eine Rolle. Vielmehr scheint es ihr wirklich um die Situation der beiden Frauen zu gehen, die jede eine wichtige Position für die Entstehung des philosophischen Werkes eines Mannes hatten. Eben die üblichen Nebenrollen. Und so wirkt es tatsächlich etwas deprimierend, dass noch heute das Schwergewicht in der Darstellung des „zweiten Geschlechts“ liegt. Daher wohl auch die Versöhnung der beiden Frauen, ihnen in der Milde des Alters aufgeht, dass sie beide eine wichtige Rolle für „Martin“ und sein Werk hatten. So gesehen mal wieder eine desillusionierende Geschichte der Situation der Frau, auch hier keine wesentliche Geschichte über das „prominenteste Liebespaar der Philosophiegeschichte“. Aber der Aufhänger des Küchengespräches ermöglicht es der Autorin, einen klugen, gut recherchierten Roman zu verfassen, der nie langweilig ist.

Dipl.-Psych. B.Kuck, Bonn, Mai 2001  

© PPFI, B. Kuck

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Martin und Hannah

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