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Bühler Charlotte: Psychologie im Leben unserer Zeit, Deutsche Buch—Gemeinschaft, 1968 (1962), 576 S.


Nach Charlotte Bühler vollzieht jeder Mensch bis zum Erreichen des Erwachsenenalters fünf Phasen der Entwicklung: Im ersten Lebensjahr wird das Bewußtsein für Dinglichkeit und Bewegung ausgebildet. Vom zweiten bis zum vierten Lebensjahr beginnt eine erste subjektive Auseinandersetzung mit Wertvorstellungen und Sinnfragen. Diesen Phasen folgen vom fünften bis zum achten Lebensjahr das Hineinwachsen in zwischenmenschliche Beziehungen und der Aufbau leistungs- und pflichtorientierten Lernens. Vom neunten bis zum dreizehnten Lebensjahr gelingt dem Kind die bewußte Erfahrung seiner autonomen Subjektivität. Bis zum neunzehnten Lebensjahr schließlich kann der Jugendliche seine Entwicklung als handelndes und reflektierendes Subjekt abschließen. 
Charlotte Bühler geht auf den Begriff der “seelischen Gesundheit“ ein und zitiert Marie Jahoda, die sieben Merkmale einer gesunden Persönlichkeit namhaft macht: 

1. Der Gesunde hat eine adäquate Einstellung zu sich selbst. Diese macht sich darin bemerkbar, dass er sich selbst realistisch einschätzen kann. Er ist sich selbst gegenüber kritisch, ohne jedoch an Selbstachtung einzubüßen. 

2. Der Gesunde ist an seiner inneren Entwicklung und Selbstverwirklichung interessiert. Er will die besten Potentialitäten aus sich hervorbringen. 

3. Der Gesunde bemüht sich um innere Einheit und Integration seiner Strebungen. Er lässt sich von Strebungen, die miteinander unvereinbar sind, nicht zerreißen, sondern versucht, seine Konflikte zu lösen. 

4. Der Gesunde ist ein autonomer Mensch, das heißt einer, der sich aus sich selbst bestimmt und sich nicht von anderen abhängig macht.  

5. Der Gesunde hat eine adäquate Wahrnehmung der Realität, wie sie ist. Das heißt er lässt sich nicht durch Wünsche und Befürchtungen in seiner Verfassung der Außenwelt beeinflussen. 

6. Der Gesunde ist fähig, seine Lebensumstände zu bemeistern. Er geht die Bereiche Liebe, Arbeit und Freundschaft an und versucht, diese Lebensaufgaben realitätsgerecht zu lösen. 

7. Der Gesunde hat die Fähigkeit, sein Leben in seiner Kontinuität zu überschauen, während der Neurotiker oft ganze Lebensabschnitte mehr oder weniger völlig vergisst.

Bühler aktualisiert die Gedankengänge von William Menninger, ein amerikanischer Psychiater, der eine gesunde Lebenseinstellung folgendermaßen beschreibt: Jeder Mensch sollte gelegentlich, vielleicht einmal im Jahr, sich ernstlich fragen, wohin man geht, was einem wichtig ist, was die eigenen Absichten und Ziele sind. Ferner soll man an irgend etwas glauben, das man als die eigene Berufung ansieht, und für das man sich einsetzt. Weiterhin wichtig ist die Frage nach den persönlichen Beziehungen: Welcher Art sind sie, wie konstant sind sie und wen hat man gern und warum. Ferner ob man in der Lage ist, sich konstruktiv und schöpferisch an Menschen, Ideen und Dingen hinzugeben. Ein weiterer Punkt ist, wie gut man Frustrationen zu akzeptieren vermag und wie man sich in einer schwierigen Situation verhält: Mit Angst, Wut, oder mit der Bemeisterung der Realität. Es ist auch interessant zu wissen, ob man frei von Angst und Spannung ist. Jeder hat natürlich gewisse Perioden der Angst und Spannung. Aber wer nie aus diesen Zuständen herauskommt, der ist krank. Entscheidend ist schließlich, ob der Mensch mutig genug ist, sich selbst zu sehen, wie er ist, und das ist gewiss das Schwierigste. 

Charlotte Bühler wurde am 20.12.1893 in Berlin geboren und starb am 3.2.1974 in Stuttgart. Sie war Kinderpsychologin sowie Wegbereiterin der “Humanistischen Psychologie“. Ende der Fünfziger Jahre gründete sie zusammen mit Kurt Goldstein, Abraham Maslow, Carl Rogers und anderen die “American  Assoziation for Humanistic Psychologie“. 
Da Charlotte Bühler Jüdin war, mußte sie 1933 Deutschland verlassen. Sie und ihr Ehemann Karl Bühler (27.5.1879 - 24.10.1963) emigrierten in die USA. In New York eröffneten sie eine psychotherapeutische Praxis. Nach dem Tod ihres Mannes kehrte Charlotte Bühler nach Deutschland zurück. 

Literatur von Charlotte Bühler: “Das Seelenleben des Jugendlichen“ (1922); “Kindheit und Jugend“ (1928); Dies. und H. Hetzer “Kleinkindertests“ (1932); “Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem“ (1933); “Psychologie im Leben unserer Zeit“ (1962); Dies. und M. Allen “Einführung in die humanistische Psychologie“ (1974). Literatur von Karl Bühler: “Die Gestaltwahrnehmungen“ (1913); “Die Krise der Psychologie“ (1927); “Ausdruckstheorie“ (1933); “Sprachtheorie“ (1934).

Dipl.-Psychologe Dr. Najib Arabu, Berlin

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