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Marianne Brentzel: Anna O. – Bertha Pappenheim. Biographie. Göttingen 2002, Wallstein Verlag,  320 Seiten


Bertha Pappenheim, die von 1859 bis 1936 lebte, wurde 1954 auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost als „Helferin der Menschheit“ geehrt. Sie war als Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, durch ihren engagierten Kampf gegen den Mädchenhandel und durch ihren unermüdlichen Einsatz für unverheiratete jüdische Mütter und ihre Kinder bekannt geworden. Noch berühmter wurde sie aber unter dem Pseudonym Anna O. als die Patientin, deren Krankheit und deren angebliche Heilung durch die „kathartische Methode“ ausführlich in den 1895 erschienenen „Studien über Hysterie“ beschrieben wurde, die Josef Breuer und Sigmund Freud gemeinsam veröffentlichten.

Die umfangreiche Literatur über Anna O./Bertha Pappenheim wird nun durch eine Biographie von Marianne Brentzel erweitert, die sich in ihrem Buch mit dem gesamten Leben und Werk Bertha Pappenheims und nicht nur mit ihrer Krankheitsphase beschäftigt.

Die Autorin geht ausführlich auf die sozialen Hintergründe des Lebens von Bertha Pappenheim ein; sie schildert ihre Herkunftsfamilie, die jüdischen Lebensverhältnisse in Wien und in Frankfurt am Main und die Stellung der Frau in Bertha Pappenheims Lebenszeit. Bertha Pappenheims literarische Arbeiten, ihr Engagement in der Frauenbewegung und im Kampf gegen den Mädchenhandel sowie ihre Tätigkeit in Wohltätigkeitsorganisationen und als Leiterin eines Heims für jüdische Kinder, Jugendliche und alleinstehende Mütter  werden in Marianne Brentzels Buch ausführlich dargestellt. Trotz aller Sympathie für diese bemerkenswerte Frau idealisiert die Autorin sie nicht, sondern weist auch auf problematische Verhaltensweisen und Fehleinschät­zungen von Bertha Pappenheim hin.

Bei der Beschreibung von Berthas Krankheit, ihrer Behandlung durch Josef Breuer in den Jahren 1880 bis 1882 und den späteren Sanatoriumsaufenthalten orientiert sich die Autorin vor allem an den Forschungen des Medizinhistorikers Albrecht Hirschmüller. Marianne Brentzel betont besonders den „rebellierenden Charakter“ hysterischer Störungen:

 In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entfaltete sich das Krankheitsbild der weiblichen Hysterie wie nie zuvor und niemals mehr danach. Es scheint ein enger Zusammenhang zwischen dem massenhaften Auftreten der Hysterie und der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Unterdrückung der Frauen zu bestehen. (S. 57)

Die Autorin referiert auch die verschiedenartigen Deutungen des Falls Anna O. in der psychoanalytischen und der analysekritischen Literatur. Alternative Standpunkte werden aber nur kurz besprochen. Wer sich für neue Aspekte des Falles Anna O. interessiert, sollte sich mit Mikkel Borch-Jacobsens Buch „Anna O. zum Gedächtnis“ (1997) beschäftigen [siehe die Besprechung von Gerald Mackenthun]. Wer sich für eine umfassende Darstellung des Lebens und des Werks von Bertha Pappenheim interessiert, dem möchte ich Marianne Brentzels gründlich recherchierte und gut geschriebene Biographie sehr empfehlen.

Christof T. Eschenröder
2002

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Marianne Brentzel: Anna O. - Bertha Pappenheim Anna O.

 

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