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Borch-Jacobson, Mikkel: Anna O. zum Gedächtnis. Eine hundertjährige Irreführung. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort von Martin Stingelin. Wilhelm Fink Verlag München, französisch 1995, englisch 1996, dt. 1997


Heute glaubt fast jedes Kind zu wissen, dass bewußtgemachte Erinnerungen seelische Heilung bedeuten. Die Bedingung ist, dass alle ins Unbewußte verdrängten Bilder und Empfindungen in Worte gefaßt werden mit dem Ziel, den Lebensbruchstücken einen chronologischen Sinn zu geben und sie letztlich in das individuelle Lebensganze versöhnlich zu integrieren. Der Initialfall dieser Heilungsmethode ist der von Bertha Pappenheim, genannt "Anna O.", dargelegt von Josef Breuer 1895 in den "Studien zur Hysterie", einem Gemeinschaftswerk mit Sigmund Freud. Seit 100 Jahren pilgern Psychoanalytiker und jene, die es werden wollen, zu dieser reinen Quelle der Psychoanalyse, um gestärkt durch das heilige Wasser des Urmythos ihre interessante und beschwerliche Expedition durch die menschliche Seele zu beginnen.
Das Problem ist: Bertha Pappenheim erzählte Breuer viele Geschichten und Phantasien, aber sie wurde nicht geheilt. Das ist seit 1953 bekannt, als Ernest Jones den ersten Teil seiner dreibändigen Freud-Biographie veröffentlichte, doch noch heute bekommen Studenten und Psychotherapie-Ausbildungskandidaten jene Version zu hören, die Freud jahrzehntelang wider besseren Wissens in die Welt setzte: Die (kathartische) Methode sei "wirkungsvoll", sie liefere "Heilerfolge, die sonst nicht zu erreichen sind"; 1916 sprach er von der "glücklicher Herstellung" der Anna O. und 1923 vom "großen therapeutischen Erfolg".
Dem setzt Mikkel Borch-Jacobson entgegen: "Niemand kann heute mehr daran vorbeisehen, dass die Behandlung von Anna O. ... ganz anders verlief, als Breuer und Freud uns glauben machen wollten - so anders, weiß Gott, dass man sich zu Recht fragen kann, was nach der methodischen Anfechtung durch die Historiker der Psychoanalyse vom Gründungsmythos der modernen Psychotherapie noch übrigbleibt." (20)
Die Rekonstruktion und Revision der Fallgeschichte Anna O. wurde erst möglich durch das Auffinden von Breuers Krankenbericht über Bertha Pappenheim von 1882, als sie in das Kreuzlinger Sanatorium "Bellevue" überwiesen wurde. Borch-Jacobson unternimmt es, diesen nicht zur Veröffentlichung bestimmten Bericht mit dem "Fallbericht Anna O." von 1895 zu vergleichen. Nach einer minutiösen Untersuchung kommt der Autor zu dem Schluß, dass es sich bei der Fallgeschichte "Anna O." um eine Geschichtsklitterung handelt.
Was war geschehen? Breuer wurde nicht wegen Hysterie zu Bertha Pappenheim gerufen, sondern wegen eines hartnäckigen Hustens, den er jedoch sofort als hysterisch diagnostizierte. Damit war die Dynamik zwischen den beiden Protagonisten festgelegt. Bertha produzierte nun unter der Therapie eine Fülle von Symptomen, die nach dem Erzählen ihrer Ursprünge verschwanden, jedoch sofort von neuen Symptomen abgelöst wurden (darunter linksseitiger Hinterkopfschmerz, Schielen, Sehstörungen, Lähmung der Halsmuskel, verschiedene Muskelkontraktionen und Gefühlsunempfindlichkeiten, Halluzinationen, Angst davor, dass die Wände einstürzen, hartnäckiges Schweigen, gänzlicher Sprachverlust und Verlust der deutschen, aber nicht anderer Sprachen).
Bertha Pappenheims Symptome, das geht aus Breuers Krankenbericht von 1882 hervor, verschwanden durchaus für kurze Zeit, allerdings auch, wenn sie erfundene Märchen oder morbide Halluzinationen erzählt hatte. Bei ihr kam es nicht unbedingt auf das Erzählen früherer Lebensereignisse an. Breuer sprach damals von Capricen und Phantasien der Anna O., nicht von "Erinnerungen" oder "Reminiszenzen" realer traumatischer Ereignisse. Das lächerliche "Trauma" mit dem kleinen schrecklichen Hund, der sie dazu brachte, nicht mehr aus einem Glas Wasser trinken zu können, wurde erst in den "Studien" 1895 in den Mittelpunkt gerückt.
Tatsächlich war es wohl so, arbeitet Borch-Jacobson heraus, dass Bertha Pappenheim Symptome erfand, um dem Arzt Breuer skurrile Geschichten dazu erzählen zu können und ihn an sich zu binden. Vom "psychischen Trauma" als Auslöser der Hysterie war 1882 keine Rede. Breuer mußte von Freud offenbar wieder besseren Wissens von der Neudeutung des Falles überzeugt werden. das erfolgte, nachdem er (Freud) 1885/86 bei Charcot in Paris die Hysterie studiert hatte. Erst 1895 bog Breuer unter dem Einfluß von Freud die fiktiven Phantasien seiner Patientin zu realen Erinnerungen an schockierende Ereignissen um.
In diesem Sinne kann Anna O., kein Beleg für die neue Hysterie-Theorie von Breuer und Freud sein. Es gibt keine auslösenden traumatischen Ereignisse (außer der Tatsache, dass Bertha Pappenheim in unerträglichen familiären Zwängen steckte), schon gar nicht sexueller Natur (Bertha Pappenheim lebte offenbar zeitlebens asexuell).
Ist mit dem Scheitern der kathartischen Methode bei Anna O. die Heilkraft des Erinnerns und Erzählens insgesamt in Frage gestellt? Dieser zentrale Punkt, der die Konsequenzen berührt, die eventuell gezogen werden müssen, ist auch nach der detaillierten Beschäftigung mit dem Gründungsmythos der Psychoanalyse nicht so einfach zu klären.
Betrachten wir die Beziehung von Ärzten und Hysterikerinnen genauer, wie sie Borch-Jacobsen in seinem Buch ausführlich beschreibt. Es ist in diesem komplexen Geflecht kaum noch zu unterscheiden, was Suggestion, was Autosuggestion, was Theater, was echtes Leiden, was reale Erinnerung und was Erfindung ist. Das Wirrwarr wurde damals durch massenwirksame Magnetiseure und Suggestionskünstler wie Carl Hansen angeheizt. Alle Welt sprach vom Magnetismus und "Hypermnesie" (Supergedächtnis). Es war nicht schwer, damit Aufmerksamkeit zu erringen. Es scheint, dass Bertha Pappenheim diese Botschaft genau verstanden hat.
Breuer testete sein Wissen über "Hypermnesie" an Bertha P., erklärte ihren Husten für hysterisch, und die offenbar sehr suggestibile junge Frau war sofort bereit, die Rolle der Hysterika anzunehmen. Beide waren in einer "folie ā deux" befangen. Es war unter anderem so, schreibt der Autor, dass die Symptome der Zeit vor seinem Erstbesuch bei Bertha P. eine Rekonstruktion von Breuer war, die auf späteren Erzählungen der Patientin beruhten. Die Familie selbst hatte von den vielen Symptomen nichts bemerkt. Die angeblich schon vorher bestehenden Symptome, die der Familie nicht aufgefallen waren, bestanden immerhin aus Taubheit, Ohnmachten, Geistesabwesenheiten, Ekel, Muskelkrämpfen, Stimmritzenkrampf, Sehstörungen und Sprachverlust. Ihre Symptome während der Zeit, in der sich Breuer oftmals mehrere Stunden am Tag um sie kümmerte, waren mit großer Wahrscheinlichkeit ein "Privattheater" für den Arzt; in späteren Phasen der Behandlung gestand sie mehrmals, dass ihre ganze Krankheit erlogen sei und sie deshalb Schuldgefühle habe. Breuer glaubte ihr nicht.
Zum anderen war sie aber auch Opfer ihrer Selbstsuggestion; die Grenze zwischen Simulation und nicht mehr steuerbaren Symptomen war fließend. Es war nicht so, dass Bertha Pappenheim per Vernunft auf dieses Theater hätte verzichten können. Ihre Armkontraktion über eineinhalb Jahre beispielsweise war real, wie überhaupt das Simulieren etwas anderes ist als eine Lüge. Die präsentierten Symptome werden bis zu einem Punkt vorangetrieben, an dem der Körper selbst eingreift und das Symptom dem Willen entzieht. Dieses Steigern in eine neue Qualität ist noch weitgehend mysteriös, man nennt es Psychosomatik.
Die Geschichte der Psychoanalyse beginnt also mit der Falschdiagnose eines Hustens als hysterisch und dem grundsätzlichen Scheitern der Heilung einer jungen, unglücklichen, höchst suggestiblen Frau, die in familiäre Rücksichtnahmen eingezwängt war. Sie litt später wegen eines Zahnleidens an einer heftigen Gesichtsneuralgie; die Morphingaben dagegen machten sie süchtig. Nach zwei Jahren im Grunde unvertretbar zeitaufwendigen und zudem noch vergeblichen Behandlung durch Breuer wurde sie, geistig und körperlich zerrüttet, in ein Schweizer Sanatorium eingeliefert, wo sie nur langsam genas. Das also war die "glückliche Herstellung" und der "große therapeutische Erfolg".
Diese an sich schon peinliche Geschichte wurde 1895 nicht nur falsch dargestellt, sondern im Laufe weiterer Jahre ausgeschmückt, und zwar zuungunsten Breuers, dem Freud auch sonst manch andere üble Nachrede nachschickte. Die Sache mit der Scheinschwangerschaft Berthas (Breuer soll sich in diesem Augenblick entsetzt von Bertha abgewandt haben und in den Urlaub gefahren sein) ist nichts als psychoanalytischer Klatsch, in die Welt gesetzt von Freud selbst. (Breuer schloß vielmehr die Überweisung Berthas in das Sanatorium korrekt ab und begab sich dann in den lang geplanten Urlaub.) Auch dass Breuers Frau wegen der intensiven Betreuung der Patientin durch ihren Mann einen Selbstmordversuch verübt haben soll, ist lediglich ein von Freud später in die Welt gesetztes Gerücht. Freud war in den 20er Jahren ein angesehenes und unangreifbar gewordenes Oberhaupt einer hermetisch strukturierten Psychogruppe geworden und belohnte einzelne Anhänger mit Details aus der psychoanalytischen Bewegung. Er konnte mit einigem Recht annehmen, dass man ihm aufs Wort glaubte.
Warum sich Freud und Breuer trennten, bleibt weiterhin im Dunkeln. Man darf aber mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass Freuds Manie, alles in sexuellen Kategorien zu interpretieren, Breuer zunehmend auf die Nerven ging. Frank Sulloway spricht in "Freud - Biologe der Seele" (dt. 1982) von einem wachsenden Fanatismus Freuds, alle Fälle von Hysterie und Neurose auf determinierende sexuelle Ereignisse zurückführen zu wollen. Es widerstrebte Breuers Auffassung von wissenschaftlicher Redlichkeit, aus Einzelfällen so weitreichende Verallgemeinerungen abzuleiten.
An dem Buch von Borch-Jacobsen stören einige Kleinigkeiten: Weder Borch-Jacobsen wird vorgestellt, noch der offenbar recht einflußreiche Peter Swales, noch sonst einer der Informanten, Mitarbeiter und Gewährsleute des Autors wie z.B. Albrecht Hirschmüller. "Man kennt sich" - offenbar nicht nur in der psychoanalytischen Szene, sondern auch in der Clique der Kritiker. In einem Nachwort breitet der Übersetzer Stingelin eitel einige unausgereifte Gedanken aus, die er besser für sich behalten hätte. Sie können aber wenig Schaden anrichten, da sie im wesentlichen unverständlich sind.

Gerald Mackenthun, Berlin
April 2000

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