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Bodenheimer, A. R. : Verstehen heisst antworten, Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1987, 250 Seiten

Ein Arzt, Psychiater und Psychotherapeut in Zürich und Tel Aviv, wo er an den jeweiligen Universitäten Psychiatrie und Psychotherapie lehrt, gibt lebendige Einsicht in seine Verstehensbemühungen. Da kommt die "Fragenbogerei", wie sie leider allzu häufig praktiziert wird, schlecht bei weg. Sie ist geradezu Ausdruck der Unmenschlichkeit. Im Umgang mit dem Menschen sind andere Zugänge erforderlich. D.h. auch andere Methoden.

Daß sich Bodenheimer den Hemeneutikern, von Schleiermacher über Dilthey bis Lorenzer und Habermas, verpflichtet fühlt und ihn Freundschaft mit O.F. Bollnow verbindet, glaubt man ihm sofort, wiewohl er selbst sich als Anwender dieser Theorien versteht, in deren feinste Verästelungen er u.U. nicht vorgedrungen sei. Solche Bescheidenheit, die Haltung derer, die wirklich etwas Wesentliches zustande gebracht haben, zieht sich durch das ganze Buch.

Im Zentrum der Bemühungen des Autors steht ein Verstehen, daß nicht im Vorhinein durch Zerfragen die Siutation behindert. Man muß nicht immer schon viel, gar alles, über den Patienten der Psychotherapie wissen. Gelingt die Beziehungsaufnahme durch die Verstehensbemühung, dann erfährt man vieles von ihm.

Ein großer Mangel in der Psychotherapie, welcher Richtung auch immer, kann in der fehlenden Antwort gesehen werden. Alles am Menschen ist Ausdruck und als solcher verlangt er mehr Antwort als Frage. Der Patient kann uns ja nicht sagen, warum er dieses oder jenes Symptom hat. Begreifen wir das Symptom als Anrede, müssen wir antworten. Antworten auf der gleichen Ebene, den Patienten begleiten. Gelingt dies, ist der Kontakt hergestellt.

Der erste Schritt des Vestehens wäre mithin vollzogen. Nun gilt es die erstarrte Form wieder in Bewegung zu versetzen, wozu die Deutung in ihr Recht gesetzt wird. Aber - nur ja keine Rechthaberei daraus machen! Deutung kann, will, darf nicht recht haben wollen. Sie eröffnet, spricht eine Wahrheit aus, wie sie aus der Situation entsteht, keine Gültigkeit für alle Zeit, auch nicht für alle ähnlich gelagerten Fälle beanspruchen kann. Das ist eine Absage an alle Psychotechnik, hier gibt es keine minutiös zu befolgenden Regeln. Hier muß man sich in Beziehung setzen, als Mensch dem Menschen begegnen. In diesem Sinne stört (Stören, der dritte Verstehensschritt) der Interpret.

Was hier so theoretisch klingt, hat Bodenheimer in äußerst anschaulicher Weise dargestellt. Sowohl an klinischen, wie an alltäglichen Beispielen. Seine Vestehensbemühung eröffnet einen Zugang zu Problemen der Neurose, Psychose und Psychosomatik ebenso, wie zur Lyrik Hölderlins und zur Wahrheit und Macht der Psychoanalyse. Gerade letztere versteht er in ihrer Bedeutung tiefer als so mancher Psychoanalytiker.

Sind Sie neugierig geworden? Wenn nicht, dann ist dies ein Mangel der den Darlegungen des Rezensenten anzulasten ist, nicht denen des Autors!

Dipl.-Psych. B.Kuck

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