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Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Vierte Auflage, München 2007.


Vor etwa zehn Jahren entdeckte die Forschungsgruppe um den Italiener Giacomo Rizzolatti die so genannten mirror neurons oder Spiegelneurone, die seitdem eine große Karriere gemacht haben. J. Bauer, Internist, Psychiater und Psychotherapeut, hat bereits 2005 den vorliegenden Text veröffentlicht, in dem er die Forschungsergebnisse in ihrer Bedeutung für die zwischenmenschlichen Beziehungen, ja für die Mitmenschlichkeit hervorhebt. Bindungsfähigkeit, Sprachfähigkeit, Identität, Flirt und Liebe, soziale Gemeinschaft, sowie Lernen und freier Wille finden ihre organische Voraussetzung in den Spiegelneuronen.

Es mehren sich allerdings die kritischen Stimmen, die den Nachweis der Spiegelneurone als nicht erbracht ansehen. In der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ (November 2007) kamen Kritiker zu Wort. Die amerikanische Entwicklungspsychologin Alison Gopnik etwa sieht den Nachweis der Spiegelneurone beim Menschen als nicht zweifelsfrei erbracht an. Nur bei einer Patientin, der bei einer Operation am Gehirn Mikroelektroden eingesetzt wurden, zeigte eine Nervenzelle eine typische Spiegelaktivität. Sowohl beim Stechen mit einer Nadel in den Finger der Patientin feuerte die Zelle, als auch dann, wenn die Patientin nur sah, dass sich der Arzt gleicherweise stach.

Alle anderen Untersuchungen legen bildgebende Verfahren (funktionelle Magnetresonanztomographie, fMRT oder Positronenemissionstomographie, Pet) zugrunde, die nur einen gemittelten Wert von Hunderttausenden aktiver Neuronen liefern. Man sehe, so Gopnik, ein sich überlappendes Aktivitätsmuster, das auf Bewegung und Beobachtung der Bewegung beruhe. Dass diese Zellen für Mitleid, Empathie, Sprache, Moral, überhaupt für Kultur zuständig seien, hält sie für einen gewagten Schluss. Zumal der Nachweis bei Makaken (eine Affenart) geführt wurde, die weder über Sprache noch über Kultur verfügen. Es scheint sich wieder einmal um einen Schnellschuss zu handeln, bei dem isolierte Ergebnisse locker auf die komplexen Strukturen des Menschen übertragen werden. Auch J. Bauer verlegt die doch recht wichtige Mitteilung, dass es sich immer um ganze Netzstrukturen handelt (ein paar Tausend oder auch Hunderttausend Zellen sind miteinander vernetzt), in die Fußnote (z.B. S. 22).

Es hat den Anschein, als würde unsere naturwissenschaftsgläubige Zeit eben nur für wahr halten, was sich in hübschen Kurven oder bunt aufleuchtenden Punkten, hinter denen Zahlen stehen, darstellen lässt. J. Bauer macht sich nur daran, die naturwissenschaftlichen „Belege“ auf Phänomene anzuwenden, die uns schon längst bekannt sind und von geisteswissenschaftlicher Seite schon vielfältig beschrieben und einem verstehenden Zugang erschlossen wurden. Soziologie, Sozialpsychologie, Psychoanalyse und Philosophie, Bindungsforschung und Säuglingsforschung, Pädagogik und Lernpsychologie – sie alle haben darauf aufmerksam gemacht, dass der Mensch ohne Beziehung, ohne Zwischenmenschlichkeit zugrunde geht – oder doch verkümmert, bevor er zugrunde geht. Aber „was ihr nicht wägt“, das gilt nicht!

J. Bauer hat offenbar den geisteswissenschaftlichen Hintergrund, wenn er z.B. die „pädagogischen Urväter Comenius (»... damit alles sich leichter einpräge, möge man alle möglichen Sinnesaktivitäten heranziehen!«) und Pestalozzi (»Lernen mit Kopf, Herz und Hand«) bei Namen nennt, die mehr über das Lernen in Beziehung wußten als die heutigen Gesundheits- und Bildungspolitiker. Für Bauer gilt demnach das Wort von Paracelsus nicht: „Es ist ein arm' Ding um einen Arzt, der hat kein Philosophie und kann ihr nit.“ Und schön wär's doch, wenn die Spiegelneurone wirklich existierten, damit noch der letzte Naturwissenschaftsgläubige die Wichtigkeit zwischenmenschlicher Interaktion entdeckte.

Bernd Kuck, Bonn     email
Januar 2008

 

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