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Alegiani, Regine: Bewohntes Land. Psychotherapie als Öffnung zur Welt. Vandenhoeck&Ruprecht GmbH &Co, KG, Göttingen 2010, 176 Seiten.


Die Autorin beschreibt ihre eigene analytische Psychotherapie, und in diesem Band speziell das nahende Therapieende. Sie ist eine sprachbegabte Analysandin. Das hat Vorteile, weil sie in ihrer eigenen Sprache zu uns spricht. Und das ist das Bewegende an diesem Buch. Allerdings kann eine Aufarbeitung der Fachliteratur von ihr nicht erwartet werden, denn sie ist keine Fachkollegin. In dem offensichtlichen Bemühen, Diskretion zu wahren oder etwas nicht preiszugeben, schreibt sie manchmal auch in unserer Fachsprache oder in theoretischer Weise. Das wiederum sind nicht die besten Stellen des Buches.

Wenn es noch eines Beweises für die Interpersonalität oder die Intersubjektivität zwischen Analytiker und Analysandin bedurft hätte, dann wäre er mit diesem Buch gebracht: Der Analytiker schreibt ein Vorwort, offensichtlich sehr berührt von der Patientin und dem Thema Alter. Zeitgleich mit dieser analytischen Therapie publizierte er andernorts über „Tod und Lebenssinn". Hat auch das etwas mit der Analyse der Autorin zu tun?
Die Analysandin ist zu Beginn der Therapie 69, am Ende 74 Jahre alt. Das ist für eine Analyse ein ungewöhnlich hohes Alter. Und so gibt es Hoffnung auf versöhnende Aufklärungen über unausweichliche Alterungsprozesse.
Der Analytiker befindet sich offenbar in eben diesem Lebensalter, der Rezensent übrigens auch.
Im Vorwort schreibt der Analytiker Kurt Hemmer zum Prozess des Älterwerdens:
"...die Probleme und emotionalen Verstrickungen nehmen im Alter nicht ab, sondern in der Regel zu. Der Prozess des Älterwerdens und der Zustand des Altseins sind genauso wenig wie die Kindheit ein Ort des Glücks und der Zufriedenheit, nur weil beide Lebensphasen meist von der Notwendigkeit der täglichen Arbeit und vieler anderer Pflichten befreit sind. Ausgeprägte Schamgefühle sind bei älteren Menschen oft festzustellen, so meine Erfahrung, die sie daran hindern, sich einer professionellen Hilfe anzuvertrauen. Haben sie doch das Klischee des reifen, abgeklärten, über allem stehenden, wissenden älteren Menschen zu erfüllen. Das Bild der glücklichen Großeltern, das Bild eines zufriedenen Ruhestandes, natürlich mit einer erfolgreichen Lebensbilanz im Rücken, erweist sich in der Regel als ein kollektives Abwehrmuster. Dieses Abwehrmuster wird gegen all das errichtet, womit sich die Autorin in bewundernswerter Weise auseinandergesetzt hat..." (S. 14).

Zwei Menschen haben sich aufeinender eingelassen. Und da es in dem Buch ja um das Ende der Therapie geht, fragt sich der Rezensent immer wieder und bis zum Schluss: Wie sollen denn diese beiden Menschenkinder im Leben wieder voneinander lassen können? Idealisierungen der Psychoanalyse und des Psychoanalytikers machen eine kritische Distanzierung schwer. Noch an der kritischsten Stelle des Buches bleibt die Autorin vorsichtig, indirekt und eher selbstkritisch:
„Gleichwohl war ich mir auf dem Grund der Seele eines auf eine hellere Zukunft gerichteten und haltenden Impulses - manchmal vage, manchmal deutlicher, immer aber sehnsuchtsvoll - bewusst. Möglicherweise kann ein solcher Impuls von der behandelnden Seite aus nicht ausreichend wahrgenommen werden, weil der Patient sich aus tiefer Resignation vorübergehend abgewandt hat" (S. 72)(Hervorhebung C. S.).
Hier beschreibt die Patientin ihre Verlassenheit. Es ist eine ergreifende Schilderung von einem unglücklichen Kind, und wir bekommen eine Vorstellung von dem, was Analysanden in diesen Zeiten durchmachen - unsere eigene Lehranalyse haben wir ja auch nicht vergessen.
Auch dafür übernimmt die Patientin die Verantwortung und geht mit sich ins Gericht: "Zugleich lag meiner scheinbaren Abwendung, meinen Angriffen und der heftigen Gegenwehr auf eine verquere Art ein verzweifeltes Beziehungsverlangen, vielleicht sogar ein Beziehungsangebot zugrunde. Nur konnte ich es in anderer Form jetzt nicht äußern. Das Kind in mir fühlte sich schuldig und verworfen, seiner buchstäblich nicht mächtig und damit beschäftigt, bedrängt von den Wogen feindseliger Angriffe in seinem Inneren, halbwegs an Deck zu bleiben" (S. 73).

An Dankbarkeit ließ es die Patientin nie fehlen, und sie wollte in solchen Phasen weder den Analytiker noch den bisherigen Erfolg der Therapie anzweifeln. Vielmehr ergab sich ihr spezifischer Zweifel "aus der wiederholten Lektüre des ersten Berichts. Mir wurde deutlich, wie nachhaltig ich von dem Erleben des analytischen Prozesses geprägt, eigentlich überwältigt worden bin..."

Es geht also um die Zurücknahme der Idealisierung, hinter der sich Ohnmacht und Wut verbergen und die Scham wegen der Beziehungswünsche. Das ist deutlich zu spüren, kann aber nicht beim Namen genannt werden. Ist das ein Problem der Sprache? Ein Kapitel (S.121) überschreibt die Analysandin mit: „Meine Sprache bin ich." Darüber ließe sich diskutieren: Was ist meine Sprache, was unsere? Die Sprache dieses Buches erblüht doch offensichtlich aus der analytischen Beziehung. Warum also diese quälende Ideologie des isolierten Geistes? „Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du", sagt schon Martin Buber.

Offen bleibt die Frage, wie die Analysandin es schafft, nach dieser intensiven Beziehung den Abschied zu überstehen. Viel Enttäuschungsarbeit liegt vor ihr. Es schmerzt ein bisschen beim Lesen.
Doch nach der Lektüre des Buches hat der Rezensent doch noch zwei tröstliche Ideen: Der Abschied kann so schwer doch nicht gewesen sein, denn die beiden haben danach ja zusammen das Buch hergestellt und: Soll es im Alter etwa keine unerfüllbaren Wünsche und Sehnsüchte mehr geben und nie mehr wehmütigen Abschiedsschmerz?

Der Rezensent kommt aus dem Osten und hat noch 1989 die Debatte in der westdeutschen psychoanalytischen community miterlebt, ob bei über Vierzigjährigen eine Analyse überhaupt noch begonnen werden sollte. Diese Debatte gab es damals übrigens auch im Osten, und in dieser Zeit entstanden die ersten „Faf-Therapie-Gruppen" (Frauen ab fünfzig). Vielleicht kann man sagen, dass auch die Nachqualifikation der ostdeutschen Analytiker in dieser Debatte einiges bewegte. Mit all den um die Fünfzigjährigen war das ja ein überzeugender „Großversuch".
Inzwischen haben das mutige Leute jedoch klar entschieden - z.B. Hartmut Radebold, Kurt Hemmer und eben auch Regine Alegiani. Ihr gebührt besonderer Dank, denn sie hat das Buch geschrieben und so doppelten Mut bewiesen. Wer sich mit seinem Alterwerden beschäftigt oder mit dem seiner Patienten, sollte dieses Buch lesen.

Dr. Christoph Seidler, Psychoanalytiker, Berlin März. 2012     email

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