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Alfred Adler: Über den nervösen Charakter (1912). Hrsg. von Karl-Heinz Witte, Almuth Bruder-Bezzel und Rolf Kühn. Alfred Adler Studienausgabe Band 2, Vandenhoeck und Ruprecht, 2., korrigierte Auflage, Göttingen 2008 (1997). 438 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-525-46053-5; Preis 37,90 €, bei Abnahme der gesamten Reihe 34,10 €

Alfred Adler: Der Sinn des Lebens (1933) und Religion und Tiefenpsychologie (1933). Hrsg. von Reinhard Brunner und Ronald Wiegand. Alfred Adler Studienausgabe Band 6, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. 252 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-525-40554-3; Preis 37,90 €, bei Abnahme der gesamten Reihe 34,10 €


Alfred Adler (1870-1937) war zwischen 1902 und 1911 der beachtlichste Mitstreiter Sigmund Freuds, ehe er sich im Dissens trennte und seine eigene Schule, die Individualpsychologie, gründete. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie gibt der in Göttingen ansässige Verlag Vandenhoeck und Ruprecht die wichtigsten Werke dieses bedeutenden Psychologen in einer sorgfältig edierten Studienausgabe heraus. Nachdem Ende 2007 die Bände 1 und 5 mit den Frühschriften und dem Buch Menschenkenntnis erschienen sind, folgten im Sommer 2008 die Bände 2 und 6 dieser auf insgesamt sieben Bände angelegten Edition. Band 2 beinhaltet Adlers zentrales Werk Über den nervösen Charakter, erschienen erstmals 1912, während Band 6 zwei Spätwerke aufnimmt: Der Sinn des Lebens und Religion und Tiefenpsychologie, beide aus dem Jahre 1933. Eines der Hauptmerkmale dieses Unternehmens ist es, durch Textvergleiche der verschiedenen, zu Adlers Lebzeiten erfolgten Auflagen die Entwicklung der Theorie der Individualpsychologie nachvollziehbar zu machen.

Anhand des programmatischen Hauptwerkes Über den nervösen Charakter  lässt sich das Vorhaben exemplarisch veranschaulichen. Unmittelbar nach seiner Trennung von Sigmund Freud 1911 erschienen, dokumentiert es den Abschluss der inhaltlichen Auseinandersetzung Adlers mit Freud und den Beginn einer neuen Ära, den Beginn der Individualpsychologie als eigenständige Schule. Im deutschsprachigen Raum hat das Werk zu Adlers Lebzeiten vier Auflagen erfahren: 1912, 1919, 1922 und 1928. Adler hatte jede dieser Auflagen verändert und dem jeweiligen theoretischen und begrifflichen Stand angepasst. Die vorliegende textkritische Ausgabe basiert auf der Originalfassung von 1912 und stellt alle Varianten und Veränderungen in den drei folgenden Ausgaben dar. In einem zweiten Teil werden diese Texte durch Kommentare ergänzt. Es sind Erläuterungen zu den von Adler genannten oder zitierten Autoren und zu einzelnen Fachbegriffen. In der Erstauflage ist die Auseinandersetzung mit Freud noch am unmittelbarsten. In späteren Auflagen wird Adler fast jeden Bezug zu Freud und vor allen Dingen seinen Namen streichen.

Adlers Grundannahmen über das Seelenleben sind in wenigen Sätzen skizziert: Für ihn ist das Individuum eine „zielgerichtete Einheit“, welche auf der Basis ubiquitärer Minderwertigkeitsgefühle einen Lebensplan entwirft, welcher dieses Minus-Gefühl überwinden und in Überlegenheit und Geltung ummünzen möchte. Das ist der Lebensplan, die Leitlinie, der Lebensstil oder die leitende Idee. Charakter ist das Ergebnis dieser Umformung. Indem Adler diese Dynamik in den Mittelpunkt stellte, grenzte er sich strikt von der Theorie Freuds ab, der alle individuelle Entfaltung als Ergebnis libidinöser  Entwicklung ansah.

In den von Auflage zu Auflage erfolgten Veränderungen sticht insbesondere die Einführung des Begriffs "Gemeinschaftsgefühl" in der 2. Auflage von 1919 hervor. Schon einige Jahre zuvor hatte Adler immer wieder die Rolle des Menschen als Gemeinschaftswesen hervorgehoben. Jetzt aber wurde Gemeinschaftsgefühl ein zentraler Bestandteil seiner Theorie. Wie und warum Adler während des Ersten Weltkrieges das Gemeinschaftsgefühl entdeckte, wird wohl immer im Dunkeln bleiben. Meinte Adler die Erfahrung der Gemeinschaft von Soldaten oder zielte er auf die Notwendigkeit zum friedlichen Miteinander der Staaten? Adler äußerte sich nie eindeutig darüber, wie er als Kriegspsychiater die sogenannten Kriegsneurotiker und Kriegszitterer behandelt hat. Nur indirekt erhalten wir Kunde davon durch die viermalige Erwähnung eines Albtraumes, welcher vom Dilemma handelt, einen angstgestörten Soldaten zurück an die Front schicken zu müssen.

Mit der Hervorhebung des Gemeinschaftsgefühls als absolutes Ziel sowohl für das Individuum als auch für die Gattung Mensch kommt ein starker moralischer Zungenschlag in die Individualpsychologie, begleitet von einer moralischen Verurteilung des sogenannten Neurotikers. Diesem werden nun Irrtümer und Verfehlungen vorgeworfen und überhaupt seiner Verantwortung für die eigene Entwicklung starkes Gewicht beigelegt, während Erfahrungen der Kindheit und des Jugendalters in den Hintergrund treten. Irrtum und Verfehlung liegen nun darin, zu wenig Gemeinschaftsgefühl zu haben. Was Adler damit genau meinte, ist nicht wirklich zu eruieren. Aus seinen Fallbeispielen kann man entnehmen, dass er erwartete, dass sich ein jeder in die Arbeitswelt einordnet, mit seinen Mitmenschen sorgsam umgeht, beizeiten heiratet und zu seinen Kindern freundlich ist.

Die dritte Auflage von 1922 fällt in den Aufschwung der Wiener Sozialdemokratie, die mit weitreichenden Reformen auch im pädagogischen Bereich internationale Anerkennung erhielt. Die pädagogische Erziehung der neuen Republik war maßgeblich von Adlerianern geprägt. Die 4. Auflage 1928 erscheint auf dem Höhepunkt der individualpsychologischen Bewegung in West-Europa und Nordamerika. Große inhaltliche Änderungen erfolgten nicht mehr. Die Herausgeber sind der Auffassung, dass dieses Buch von Adler über die Jahre hinweg als programmatisches, die individualpsychologische Schule verbindendes Werk angesehen wurde (Einleitung, S. 13).

Einen wirklichen Aufbau und eine nachvollziehbare Systematik hat dieses Werk nicht. Zwar ist es formell in einen theoretischen und einen praktischen Teil gegliedert, doch vermischen sich Praxis und Theorie in beiden Teilen. Adlers Stil ist aphoristisch und wenig diskutierend, eine echte Auseinandersetzung mit Freud findet nicht statt, und die wenigen Hauptgedanken werden in nur unwesentlicher Variation ständig wiederholt. Er entwickelt keine Begriffe und die Beispiele belegen in der Regel nicht seine Theorie. Die Herausgeber schreiben zu Recht: "Aus diesen Gründen ist die Lektüre des Nervösen Charakters langatmig, manchmal sogar ärgerlich." (Einleitung S. 15) Es gibt keine einzige Untersuchung zur Stützung seiner Theorie, die Adler anführen oder zitieren könnte. Schon die Grundannahme - ein in jedem Menschen waltendes Minderwertigkeitsgefühl - ist nicht bewiesen und vermutlich nicht nachweisbar. Die Annahme einer „freien“ und willkürlichen Reaktion des Kindes auf seine frühen Lebens- und Umweltbedingungen wird wohl heute niemand mehr annehmen. Die geradezu deterministische Annahme eines Macht- und Überlegenheitsstrebens als angeblich einzige Kompensationsmöglichkeit des Minderwertigkeitsgefühls ist eindimensional. Das Gemeinschaftsgefühl als kategorischer Imperativ Adlers ist eigentlich keine psychologische Kategorie mehr. Als philosophische Idee ist sie ansprechend, aber in praktisch allen Dimensionen undurchdacht. Die kühne Idee vom Gemeinschaftsgefühl als wünschenswertes Ziel aller menschlichen Bestrebungen ist für die Beurteilung des Alltagshandelns nur bedingt tauglich. Er ahnte es und hob das Gemeinschaftsgefühl heraus aus dem täglichen Leben und verpflanzt es in eine unbestimmte Zukunft einer unbestimmten Gesellschaft mit gesichtslosen Gutmenschen. Adlers Gemeinschaftsgefühl ist nicht von dieser Welt.

Für Adler war es wichtig, diese Psychologie einem breiten Publikum darzulegen; Menschenkenntnis solle kein Fach für eine kleine Elite, sondern Grundstock eines jeden Menschen sein. Und in der Tat ist die Individualpsychologie wesentlich eingängiger als die Psychoanalyse, sowohl im Aufbau als auch in der Darstellung. Adler war einigermaßen belesen und in diesem Buch werden häufig Namen bedeutender Zeitgenossen genannt. Den Herausgebern fällt allerdings auf, dass er oftmals nur Namen fallen ließ und selten wirklich zitiert; die dahinter stehende Problematik diskutierte er nie (S. 15). Einflüsse lassen sich vage nachweisen für Friedrich Nietzsche, Immanuel Kant, Hans Vaihinger, Avenarius und Jerusalem (1854 bis 1923), letztgenannter ein Professor für Philosophie an der Universität Berlin. Was Adler beispielsweise mit Nietzsche verband, bleibt rätselhaft: Nietzsches menschenverachtender Geniekult steht in diametralem Gegensatz zu Adlers sozialer Grundhaltung. Der Kommentar-Anhang gibt gleichwohl gewissenhaft edierte Hinweise auf von Adler erwähnte Personen und Fachbegriffe. Die Personen- und Sachverzeichnisse sind sorgfältig zusammengestellt. Der Band schließt mit einer Seitenkonkordanz der ersten Auflage von 1912, der Taschenbuchausgabe von 1972, einer schon 1997 im gleichen Verlag erschienenen kommentierten Erstauflage und der Studienausgabe Band 2 von 2008.

Der Sinn des Lebens und Religion und Tiefenpsychologie in Band 6 sind Alterswerke von unterschiedlicher Qualität. Der Text Der Sinn des Lebens bietet eine relativ umfassende Sicht auf die zentralen Positionen des späten Adler, die man so in keiner seiner weiteren Arbeiten findet. Die 15 Kapitel des Buches befassen sich nicht nur mit dem Sinn des Lebens, sondern mit weiteren Themen, die Adler schon früher beschäftigt haben: dem Lebensstil, den drei Aufgaben des Lebens, dem Minderwertigkeits- und dem Überlegenheitskomplex, der Neurose, den ersten Kindheitserinnerungen, den Perversionen und den Träumen. Zudem erfährt das zentrale Thema „Gemeinschaftsgefühl“ eine umfassende Ausdeutung.

Der Sinn des Lebens ergibt sich für Adler aus dem Beitrag des Individuums für das Wohl der gesamten Menschheit und für ihre Höherentwicklung (S. 162). Die Annahmen über den Sinn des Lebens zeigen neben einer speziellen, heute überholten Evolutionstheorie auch eine metaphysische Orientierung. Der Mythos könnte als Paradies-Mythos bezeichnet werden: das „wahre Gemeinschaftsgefühl“ – ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit und des Verbundenseins mit der Schöpfung und den Mitmenschen – werde erst in einer späteren Gesellschaft zum Tragen kommen. Adler stellt heraus, dass das Individuum „nur dann weiterkommt, wenn es als Teil des Ganzen lebt und strebt“ (S. 164), und er geht davon aus, dass der Mensch nur dann richtig handelt, „ wenn er in seinem Interesse mit der Außenwelt, mit den anderen verbunden ist“ (ebda).

Im 10. Kapitel „ Was ist wirklich eine Neurose?“ vertritt er die Annahmen, dass der Neurotiker mit Hilfe seines Leidens und seiner Symptome versucht, die Offenbarung seiner Wertlosigkeit zu verdecken (S. 101). Lieber flüchtet er in eine Krankheit, als sein Überlegenheitsgefühl zusammenbrechen zu sehen. Adler wendet sich damit erneut gegen die Konflikttheorie der Psychoanalyse. Konflikte, so Adler, gebe es immer und überall. Der Rückgriff auf innere oder äußere Konflikte trage deshalb nichts zur Erklärung einer Neurose bei (S. 98).

Zwei weitere Prinzipien kennzeichnen Adlers Menschenbild: das der Ganzheitlichkeit und das der Einheit. Diese beiden Begriffe besagen im wesentlichen, dass jeder Mensch immer er selbst ist und letztlich immer nur ein Ziel kennt, das der Überlegenheit über andere. So wie Adler das Konfliktmodell ablehnt, so verwirft er auch das psychoanalytische Instanzenmodell, welches von innerpsychischen, widerstreitenden Motiven ausgeht. Schließlich lehnt Adler ausdrücklich auch einen Determinismus und eine Kausalität im Seelenleben ab, führt diese aber durch die Hintertür wieder ein, wenn er behauptet, dass mit drei oder vier Jahren Charakter und Lebensstil feststehen, diese immer fehlerhaft oder falsch sind und sich nicht mehr ändern (S. 205, Zeile 22 bis 39). Adler weist an einigen Stellen auf statistische Wahrscheinlichkeiten im Ablauf eines seelischen Geschehens hin, aber in seinen sämtlichen Schriften findet sich keine Statistik, auch weil Adler niemals seine Aussagen empirisch überprüfen ließ (beispielsweise zu den Auswirkungen der Stellung in der Geschwisterreihe).

Die Einschätzung der wissenschaftlichen Qualität dieser Arbeit fällt folglich recht gemischt aus. Einig sind sich die Kritiker über die mangelnde wissenschaftliche Begründung und Bedeutsamkeit des Gemeinschaftsgefühls (Stepanski 1981, Witte 1988, Tenbrink 1998, Bruder-Bezzel 2000, Metzger 1973). Ansbacher hingegen würdigte 1981 die Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls als richtungsweisendes Ideal, als evolutionäres Moment, als pädagogisches Mittel und als präventives, diagnostisches und psychotherapeutisches Instrument, das Adler stimmig und fassettenreich im Sinn des Lebens dargestellt habe. Ansbacher war es auch, der die Ausgestaltung des Gemeinschaftsgefühls durch den späten Adler als Entwicklung der Individualpsychologie zu einer Wertepsychologie und einer Psychologie der Selbsttranszendierung herausgestellt hat.

Außerhalb der individualpsychologischen Schulen haben die zentralen Annahmen Adlers wenig Resonanz erfahren. Ohne Zweifel überwindet Adler die Triebpsychologie Freuds durch eine Theorie der Selbst- und Beziehungsregulation, aber die Begrenzung auf ein einziges Motiv – das Überlegenheitsstreben – führt diese Innovation in die gedanklich Enge. Vielleicht aus diesem Grunde konnte Adler in der Selbstpsychologie, in der Transpersonalen Psychologie und in der Sozialpsychologie keine große Rolle spielen. Es ist fraglich, ob die Aktualität der zentralen Annahmen in Der Sinn des Lebens in einer Zeit der Globalisierung und Umweltgefährdung „unübersehbar“ ist, wie Herausgeber Reinhard Brunner in seiner Einleitung (S.21) meint.

Und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen hat Adler keine Theorie der Individualität. Die Entwicklung einer Person besteht aber doch wohl in einem Oszillieren zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft. Viele Psychologen und Philosophen haben darauf hingewiesen, wie wichtig der periodische Rückzug des Einzelnen auf sich selbst für seine Entwicklung ist. Die Gemeinschaft und das Gemeinschaftsgefühl erfassen allenfalls die Hälfte des psychischen Kosmos. Zum Zweiten hat Adler keine Theorie der Differenz und des Konflikts. Weder sieht er innerpsychische Konflikte noch Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen zwischen den Menschen. Seine Utopie peilt eine allumfassende Harmonie zwischen den Menschen an, die es so niemals geben wird, außer in einer gleichgeschalteten Diktatur. Drittens hat Adler keine Idee von Gesellschaft bzw. er ignoriert zentrale Ebenen des Alltags vollständig, beispielsweise fehlen die Arbeitswelt und die konkreten Emanzipationsschritte der Frauen nach dem Ersten Weltkrieg völlig. Adlers Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft der Harmonie, die keine irritierende Individualität kennt. Sie scheint damit dem Konfuzianismus und Buddhismus näher als der modernen westlichen Welt. Viertens war Adlers Vorstellung von Evolution wahrscheinlich schon damals überholt. Der „Untergang“ von Individuen oder Spezies ist möglicherweise auch, aber nie ausschließlich eine Folge mangelnder Anpassung „an die kosmischen Forderungen“. Man muss deshalb – sechstens – kritisieren, dass Adler die äußeren Einflüsse und den Einfluss des Zufalls deutlich unterschätzt. Davon unabhängig ist Adlers Appell an die Bejahung des Lebens und die Versöhntheit mit demselben ohne weiteres zu folgen. Dieses Ziel ist schön, aber vage, und seine konkrete Umsetzung wird jene Konflikte und Auseinandersetzungen mit sich bringen, die Adler beharrlich ignorierte.

Anders als Freud oder Nietzsche übte Adler keine kämpferische Religionskritik, denn er sah in den religiösen Weltauslegungen menschheitliche Erkenntnisleistungen, die nur dann zu einem neurotischen Muster werden, wenn sie in starrer Weise gehandhabt werden. Das Buch ist eine freundliche Auseinandersetzung über Seelsorge und Psychotherapie. In der ersten Auflage 1933 schrieb zunächst der Berliner Pfarrer Ernst Jahn seine Gedanken dazu nieder. Der Therapeut könne Verkrampfungen der Psyche lösen, doch für die Erlösung sei die Kirche zuständig. Der neurotische Zusammenbruch des Ich ist für religiöse Menschenführung wie für Psychotherapie die Voraussetzung eines neuen Lebens, für den Religiösen aus Gottesgnade, für den Therapeuten aufgrund menschlicher Vernunft. Herausgeber Ronald Wiegand gibt einen kurzen Überblick über die Ausführungen Jahns. Adler antwortete darauf ausführlich und darauf folgt noch einmal eine Antwort Jahns, auf die Adler dann nicht mehr eingeht. Diese drei Teile sind Bestandteile des eigentlichen Buches von 1933, doch die Studienausgaben beschränkt sich sinnvoller Weise darauf, nur den Adler-Teil in Gänze abzudrucken.

Beide Autoren gehen sehr freundschaftlich und vorsichtig miteinander um, doch bleiben sie in der Sache konsequent. Jahn betont beispielsweise, dass in der Therapie der Mensch im Mittelpunkt steht, in der Theologie jedoch Gott. Der Therapeut spende sozusagen Gnade, als Theologe könne er diese Gnade jedoch nur von Gott empfangen. Etwas ängstlich beobachtet Jahn die Bestrebungen der Psychotherapie, den Menschen von seinen Hemmungen zu befreien. Für Jahn müsse der Mensch mit Hemmungen leben, um seine Triebe im Zaum zu halten, um gemeinschaftsfähig zu bleiben, wofür ja auch Adler in seinen Reden von der Gemeinschaft plädiere. Doch wenn Adler seinen Gemeinschaftsbegriff an der Urgemeinschaft zwischen Mutter und Kind orientiert und somit den Erziehungswert der Familie anerkennt, zugleich auf die allumfassende Gemeinschaft aller Menschen in Harmonie hin orientiert, dann lasse er das Zwischenglied aus, nämlich die „Volksgemeinschaft“. Das Gemeinschaftsbewusstsein finde im "Volkstum" seinen stärksten Ausdruck. Hier werden die Ausführungen Jahns problematisch.

In dem Bestreben, Jahn, den christlichen Kirchen und der Theologie nicht weh zu tun, lässt sich Adler so manche Entkräftung religiösen Glaubens entgehen. Wenn Gott die glänzendste Idee von Vollkommenheit darstellt, wie kann er dann Unvollkommenes zulassen? Die Texte sind von dem offensichtlichen Bemühen durchdrungen, die Gemeinsamkeiten zu benennen und die Unterschiede nicht zu krass ausfallen zu lassen. Religiosität sei ein Entwicklungsstadium hin zu einer vernunftmäßigen Wissenschaftlichkeit. Die Gemeinsamkeiten zwischen Individualpsychologie und Religion bestünden, so Adler, in Hinblick auf das Ziel der Vollkommenheit der Menschheit.

Logisch ist Adler, wie schon weiter oben ausgeführt, nicht auf der Höhe. Ist wirklich jeder Mensch bestrebt, zu einer idealen Gemeinschaft und zur Vollkommenheit zu gelangen? Der Lackmus-Test dafür sind die konkreten Handlungen, deren Wirkungen sich doch wohl aber erst im Laufe der Geschichte und nicht aktuell bewerten lassen. Andererseits ist die ideale Gemeinschaft bei ihm eine Utopie und niemals zu erreichen. Die Utopie ist notwendig, aber unerreichbar, die Hindernisse sind unbekannt, aber der Weg dorthin ist vorgezeichnet. Und wie lebt es sich in einer Gesellschaft, die nur Gemeinschaftsgefühl kennt? Auf alle diese Fragen bleibt Adler eine Antwort schuldig. Adler muss konstatieren, dass es die Religion mit ihrer Gottesidee in dieser Hinsicht einfacher hat.

Der Text hat nichts von der argumentativen Schärfe oder geistigen Brillanz eines Ludwig Feuerbach oder Friedrich Nietzsche, die das Christentum und den Gottesglauben grundlegend demontierten. Adlers Anliegen ist auch ein anderes. Er möchte die Individualpsychologie einem Theologen erläutern und näher bringen und greift dabei auf einige durchaus bestehende Übereinstimmungen zurück, ohne die Unterschiede zu verwischen. Letztlich sieht Adler in der christlichen Religiosität einen natürlichen Mitstreiter oder Verbündeten, den man zwar nicht in die Individualpsychologie integrieren könne, mit dem man aber eine Zeit lang zusammen marschieren sollte. Adler anerkennt den Gottesglauben und die Religiosität als bestehende Tatsachen, aber er sieht darin etwas zu Überwindendes, etwas, was durch die Individualpsychologie ersetzt werden könne und müsse. Diese Idee ist so außerordentlich wie vermessen – eine kaum zwanzigjährige Individualpsychologie gegen ein zweitausendjähriges Christentum! Das Buch wird abgerundet durch kurze Hinweise auf die von Adler erwähnten Personen in Religion und Individualpsychologie, ferner ein Verzeichnis der zitierten Literatur sowie ein Personenverzeichnis und ein akribisches Sachregister.

Sympathie und Distanz gegenüber Adler halten sich nach der Lektüre die Waage, Bewunderung vor einem großen Leben darf nicht Blindheit vor dessen Widersprüchen bedeuten. Was immer wir Heutigen an Adler zu kritisieren haben – wir haben gute Gründe dafür. Ein- und Gegenreden sind nötig, aber eben auch nur möglich vor dem Hintergrund eines tiefen Respekts vor einer beeindruckenden Lebensleistung.

Gerald Mackenthun, Berlin/Magdeburg, September 2008     

 Verlagsinformationen:

- Alfred Adler: Persönlichkeit und neurotische Entwicklung. Frühe Schriften (1904 bis 1912), Alfred Adler Studienausgabe Band 1: herausgegeben von Almuth Bruder-Bezzel. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007, 291 S., ISBN 978-3-525-46051-1, Einzelband 37,90 €. – Verlagsinformationen über Band 1 (Frühe Schriften 1904-1912): http://www.v-r.de/de/titel/352546051/

- Verlagsinformationen über Band 2 (Über den nervösen Charakter): http://www.v-r.de/de/titel/352546053/

- Alfred Adler: Menschenkenntnis (1927). Alfred Adler Studienausgabe Band 5: herausgegeben von Jürg Rüedi. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007, 235 S., ISBN 978-3-525-46052-8, Einzelband 37,90 €. – Verlagsinformationen über Band 5 (Menschenkenntnis): http://www.v-r.de/de/titel/352546052/

- Verlagsinformationen über Band 6 (Der Sinn des Lebens; Religion und Individualpsychologie):  http://www.v-r.de/de/titel/352540554/

 

Literaturhinweise:

Ansbacher, Heinz (1981) "Die Entwicklung des Begriffs 'Gemeinschaftsgefühl' bei Adler". In: ZfIP 6; S. 177-1894, hier S. 191 ff

Ansbacher und Ansbacher (1972 b) Alfred Adlers Individualpsychologie: Eine systematische Darstellung seiner Lehre in Auszügen aus seinen Schriften. München und Basel

Bruder-Bezzel, Almuth (2000) "Welchen Adler lieben wir?" In: ZfIP 25: S. 272-288

 

Rezension der Bände 1 und 5 unter adler1_5.html

 

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