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Rattner, Josef: Was ist Tugend, was ist Laster? Tiefenpsychologie und Psychotherapie als angewandte Ethik, München 1988, Verlag Knesebeck und Schuler, 300 Seiten, 34,-- DM (inzwischen auch als Taschenbuch erschienen)


Mit dem vorliegenden Buch gibt der Autor, Pionier der Großgruppenpsychotherapie, Rechenschaft über seine ethischen Grundlagen, die wegleitetend für seine psychotherapeutische Arbeit sind. Mit dieser Fragestellung füllt er nicht nur eine Lücke, die allgemein in unserer Kultur klafft, sondern behandelt auch eine Thematik die von Psychotherapeuten kaum reflektiert wird. Dabei verfällt Rattner nicht in religiöse Mystik, wie dies heute gern geschieht, um als Heilmittel gegen den allgemein beklagten Mangel an moralischer Haltung die Religion wiederzubeleben. Man muß nicht auf Religion zurückgreifen, gibt es doch reichhaltige Anregung in den Texten der philosophischen Ethik.

Der Autor zeigt, daß imgrunde jeder Psychotherapie ethische Gesichtspunkte zugrunde liegen. Selbst Sigmund Freud, für den sich das Moralische von selbst verstand - womit er für sich ganz selbstverständlich eine moralische Integrität in Anspruch nahm -, erweist sich in manchen Punkten als durchaus wenig sattelfest. Hierin rächt sich seine Geringschätzung jeglicher Philosophie, was natürlich mit seiner Verhaftung im materialistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts in Zusammenhang steht. Rattner kritisiert Freuds Frauenbild ebenso wie seine patriotischen Äußerungen zu Beginn des ersten Weltkrieges, die sein Biograph Ernest Jones allzu leichtfertig als "Wiedererwachen jugendlicher Kriegsideale" bezeichnet.
Daß sich das Moralische eben nicht von selbst versteht, zeigt Rattner auch an Freuds Haltung zu "abtrünnigen" Schülern (Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Wilhelm Stekel, Otto Rank, Sāndor Ferenczi u.a.). Als Gipfel der Antihumanität darf Freuds Äußerung zum Tode Alfred Adlers angespochen werden:
"... in Aberdeen zu sterben sei für einen Judenjungen aus einem Wiener Vorort an sich schon ein unerhörter Aufstieg und ein Beweis dafür, wie weit er es gebracht habe; dafür, daß er gegen die Psychoanalyse aufgetreten sei, habe die Welt Adler reichlich belohnt" (S.17).
Übertroffen wird diese Einstellung zu Einzelnen nur noch durch Freuds völlige Gleichgültigkeit und Stummheit gegenüber der faschistischen Barbarei.
Wenn Rattner sich auch sehr kritisch gegen Freud einstellt, so läßt er es dennoch nicht an Wertschätzung fehlen. Ebenso wie Freud waren auch die anderen Pioniere der Tiefenpsychologie zu sehr mit dem Aufbau ihrer Praxis und Theorie befaßt, als das sie noch Kraft für das Studium der philosphischen Ethiken aufbringen konnten. Bei Alfred Adler allerdings schimmert überall das ethische Anliegen durch, sieht er doch den Menschen als zutiefst in der Menschengemeinschaft verwurzelt und fordert von ihm einen Beitrag zu deren Fortschritt und Bestand.
Auch in den therapeutischen Anliegen von C.G.Jung und den Neopsychoanalytikern (Harald Schultz-Hencke, Karen Horney, Erich Fromm) zeigt Rattner den ethischen Gesichtspunkt auf. Allen gemeinsam ist der Anspruch, nicht nur die Symptome des Patienten kurieren zu wollen, sondern eine grundlegende Wandlung des ganzen Menschen einzuleiten, ein Gesichtspunkt, der vielen sogenannten 'modernen' Therapiemethoden verlorengegangen ist (den Alteingesessenen ebenfalls, die nur noch an den Krankenkassentrog heran wollen, um eine ruhige Existenz zu fristen, was Johannes Cremerius deutlich kritisiert, Psyche 12/87).
Mit Blick auf die Ethik verläßt Rattner auch die "Nabelschau", die als große Gefahr jeder Therapie anhaftet. So zeigt unser Autor an konkreten Beispielen aus seiner therapeutischen Arbeit, wo die Stellungnahme des Therapeuten verlangt ist und wie notwendig weitreichende Kenntnisse des Psychotherapeuten sind, der sich unmöglich mit einer Schulmeinung zufriedengeben kann.
Diesen weiten Entwurf hält Rattner in den weiteren Kapiteln durch. So zeigt er, daß "Charakter und Neursoe im Licht der Wertphilosophie" ein umfänglicheres Verstehen der menschlichen Person eröffnen. Nun erhalten auch die Probleme von Schuld und Schuldgefühlen und die Gewissensproblematik weitreichendere Deutungen als sie bislang in der Psychoanalyse gegeben wurden.
Durch den ganzen Text zieht sich der Strukturgesichtspunkt hindurch. Hier wird der Mensch als Einheit und Ganzheit aufgefaßt, dessen neurotische Teilbefunde und Symptome in einem gesamthaft schiefen Wertentwurf verankert sind. Drum hat es wenig Sinn, an einzelnen Symptomen herumzukurieren. Der ganze Entwurf muß überarbeitet werden, wobei der Psychotherapeut Mäeutiker im sokratischen Sinne sein soll, der die "zweite Geburt" des Menschen fördert.
Das ist aber keine leichte Aufgabe, bedeutet nichts geringeres, als die "vitalen und seelisch-geistigen Tugenden und Werte" im Patienten zur Entfaltung anzuregen. Damit ist die Frage berührt, wie dies denn geschehen soll. Üblicherweise glauben viele, daß die psychotherapeutische Behandlung der der ärztlich-medizinischen gleichkommt, diese und jene Techniken angewandt werden, um den Patienten zu kurieren. Inzwischen entdeckt jedoch selbst die Medizin, daß sie die besten Heilerfolge hat, wenn der Patient mittut, vor allem aber der Arzt als "Droge" verabreicht wird. Dies gilt in der Psychotherapie in höchstem Maße. Indem Rattner aufzeigt, wie die Person, das Ich oder das Selbst - Begriffe die annähernd synonym gebraucht werden können, so man sich nicht in spitzfindigen Unterscheidungen erschöpfen will - nur an einem entfaltenten "Du" keimen kann, macht er deutlich, daß ein Patient der Psychotherapie nur soweit wachsen und gesunden kann, als der Therapeut die Geburt seiner eigenen Person vorantreibt.
Rattner schließt seine Ausführungen mit je einem Kapitel "Über die Liebe" und "Die menschliche Natur", in denen das zutiefst humanistische Menschenbild des Autors exemplifiziert wird.
Der vorliegende Text sollte zur Standardlektüre jedes Kandidaten der Psychotherapie (egal ob Auszubildender oder Patient) gehören. Obwohl Rattner viele philosophische Autoren assimiliert hat (Max Scheler, Nicolai Hartmann, Henri Bergson, Karl Marx, Ludwig Feuerbach, Friedrich Nietzsche u.v.a), bleibt der Text immer leicht lesbar, ohne deshalb an Gewicht einzubüßen.

Üblicherweise wird erwartet, daß auch Kritisches zu einem Buch angesprochen wird. Da der Rezensent selbst psychotherapeutisch arbeitet und ihm bei der Lektüre des Buches so manches Licht aufging, fällt dies einigermaßen schwer. Wenn es denn sein muß, so bleibt mir nur zu 'bemängeln', daß die konkreten Beispiele noch vermehrt werden könnten. Aber selbst dies erweist sich bei näherem Hinsehen als Vorteil: man muß selber denken!

Dipl.-Psych. B.Kuck

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