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Shorter, Edward: Moderne Leiden. Zur Geschichte der psychosomatischen Krankheiten, Reinbeck 1994

In einem voluminösen Text von 540 Seiten legt Shorter eine gut lesbare Geschichte der psychosomatischen Leiden vor. Rückgreifend bis in das 18. Jahrhundert kann unser Autor zeigen, daß jede Zeit auf einen Symptomenpool zurückgreift, der im 18. Jahrhundert noch weitgehend ohne die Ärzte auskam, im 19. und 20. Jahrhundert wesentlich von ihnen unterstüzt und gefüllt wurde und wird. War es Ende des 19. Jahrhundert die große Hysterie (Charcot), die Shorter in ihrer epidemischen Ausbreitung als wesentlich iatrogene Erkrankung darstellen kann, so hatten Spinalirritationen diese Funktion zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei waren die Diagnosen wesentlich theoriegeleitet, was manchmal zu Verstümmelungen der Patienten führte. So war lange Zeit die Reflextheorie en vogue, bei der man davon ausging, daß Reizungen (z.B. der Gebärmutter) zu allerlei Symptomen in ganz anderen Körperregionen führen. Logische Konsequenz: Hysterektomie.
Psychosomatische Krankheiten, also Somatisierungen oder Konversionen seelischer Konfliktlagen, hat es immer gegeben. Durch die Zeiten unterlagen sie jedoch einem Wandel. Da das Unbewußte gleichsam einen Weg sucht, um das Leiden des Menschen in einer Symptomsprache zu formulieren, die die nötige ärztliche Aufmerksamkeit gewährleistet, wundert es nicht, daß wir heute kaum je noch die großen hysterischen Krankheiten (Lähmungen der Extremitäten, Astasie-Abasie-Syndrom, Globus hystericus) beobachten können, da sie nunmehr als hysterisch "entlarvt" und in Mißkredit geraten sind.
Shorter teilt die Symptome des Pools in vier Hauptklassen ein: Sensorische Symptome (Kribbeln auf der Haut oder Abgeschlagenheit); motorische Symptome (etwa Lähmungserscheinungen); vegetative Symptome (z.B. Magen-Darmsymptomatiken) und schließlich psychogene Schmerzsyndrome. Durch die Zeiten unterliegen sie einem Wandel, was u.a. mit verbesserter medizinischer Diagnostik in Zusammenhang steht.
Für die Neuzeit ist besonders das psychogene Schmerzsyndrom, sowie das Erschöpfungssyndrom (CFS: chronic fatigue syndrome, heute CFIDS: chronic fatigue immune dysfunction syndrome) von Belang. Shorter kann zeigen, wie sich die endemische Verbreitung vor allem durch die Medien gestaltet. Er bringt dies mit dem Verlust der dauerhaften zwischenmenschlichen Beziehungen in Zusammenhang. Der einzelne ist in seiner Vereinzelung nunmehr darauf angewiesen, seine alltäglichen Körpermißempfindungen selbst zu deuten. Wo eine Schlappheit am Morgen von Lebensgefährten auf die schlecht verbrachte Nacht zurückgeführt wird, kann der vereinsamte Mensch heute seine Mißempfindungen nur noch durch mediale Symptombeschreibungen verifizieren oder falzifizieren. Die Vereinsamung geht mit einer verstärkten Beobachtung des Leibes einher, zu dessen "Wohl" z.B. eine ganze Industrie ihre Diäten verkauft. Ferner hat die Autorität der Mediziner Einbußen erfahren, so daß es zu Fixierungen auf selbst gestellte Diagnosen kommt.
Ein nicht nur für historisch interessierte LeserInnen interessantes Buch.

Bernd Kuck, Bonn

Und hier noch eine weitere Besprechung desselben Buches:

Psychosomatische Krankheiten hat es schon immer gegeben; die "Wunderheilungen", die Lahme gehen und Blinde sehen machte, waren vermutlich Erfolge bei körperlichen Symptomen, deren Ursachen seelisch waren. In regelrechten Wellen suchen psychosomatische Leiden wie eine Pandemie bestimmte Bevölkerungskreise heim, um nach einigen Jahrzehnten fast spurlos wieder zu verschwinden. Der kanadische Historiker Edward Shorter spricht in dem Buch "Moderne Leiden" von "Pathoplastizität", d.h. der Tendenz von Krankheitskonzepten und Krankheitsbildern, sich im Rhythmus gesellschaftlicher Moden und medizinischer Fortschritte zu wandeln.
So herrschten in Zeiten rigider gesellschaftlicher Konventionen Lähmungen und Hysterien vor, heute reagieren die Menschen auf die Überforderung der Selbstverwirklichung mit Erschöpfung, Allergien und Schmerzen. Shorter entwirft eine informative Kulturgeschichte psychosomatischer Krankheiten anhand klinischer Erfahrungsberichte und Tagebücher von Ärzten und Patienten aus drei Jahrhunderten. Leider muß er feststellen, daß sich auch hundert Jahre nach `Erfindung" der Psychoanalyse durch Sigmund Freud die Allgemeinheit wie eh und je gegen die Auffassung sträubt, körperliche Leiden könnten psychische Ursachen haben.

Gerald Mackenthun, Berlin

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Moderne Leiden. Zur Geschichte der psychosomatischen Krankheiten.


Unter neuem Titel erschienen

Von der Seele in den Körper


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