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Popp, Ulrike: Mythen und Motive autoritären Handelns - Ein kulturpsychologischer Beitrag zur Autoritarismusforschung, Frankfurt/M. 1989, Campus Verlag

So wie wir es inzwischen gewohnt sind, die Sachautorität von der Autorität qua Amt zu unterscheiden, so ist uns die Unterscheidung von autonomem-, autoritärem- und kommunikativem Handeln fast geläufig. Aber wo immer man hinschaut trifft man auf die Problematik, daß es selten autonomes Handeln (nicht autarkes!), häufig autoritäres und fast nie kommunikatives Handeln gibt.
Diesem Phänomen spürt Frau Popp am Beispiel der häufigsten Variante, dem autoritären Handeln, nach. Sie kann glaubhaft zeigen, daß sich solches Handeln deshalb so hartnäckig hält, weil es sich auf Mythen stützen kann. Dabei sind Mythen Ideen oder Weltanschauungen, wie sie in den Köpfen der meisten Menschen existieren, aber nur von wenigen reflektiert werden. Da gibt es z.B. den pädagogischen Mythos, wonach wer befehlen will, selbst gehorchen gelernt haben muß. Dieses Herrschaftsprinzip wurde durch A.Neill nachdrücklich in Frage gestellt.
Da gibt es den psychologischen Mythos, wie ihn etwa das vereinfachte Strukturmodell der Psychoanalyse verkörpert, wonach Über-Ich und Ich sich die Beherrschung des Es zur Aufgabe gemacht haben; ein Herrschaftsverhältnis, daß auf eine lange Tradition bis Plato zurückblicken kann. Derselbe Mythos liegt der vergangenen Feudalherrschaft zugrunde, die ihre Legitimität in direkter Linie von Gott ableitete. Erst seit der Französischen Revolution weiß man es sicher: es kommt keine Gottesstrafe über uns, wenn wir solche Schmarotzer abschaffen (die Vorgänge in der DDR zeigen es uns Heutigen).
Da gibt es ethische Mythen, etwa die Gehorsamsbeziehung zu Gott, wie sie das Christentum seinen Schafen vermittelt hat, wobei es die Gedankensünde gebe, die der Kontrollinstanz Gott natürlich nicht verborgen bleibt. So schafft man Untertanen, die in ihrem Glauben durch politische Mythen gefestigt werden, wenn etwa die Politiker in Krisenzeiten davon reden, daß man ja "in einem Boot" sitze usw.
Handelte es sich nur um Mythen, sozusagen um Märchen für Erwachsene, dann wäre das alles nicht so tragisch. Schwierig wird es, wenn sich zu den realen Herrschaftsverhältnissen noch die "Aura des Autoritären" gesellt, die als innerseelische Verankerung den Menschen in der Abhängigkeit hält. Das Konzept, das noch immer auf große Ablehnung stößt, sobald es sich anschickt den Raum des Krankhaften zu verlassen, sich nicht auf die Praxen der Psychotherapeuten und Psychiater zu beschränken, ist das des Masochismus. Nicht die sexuelle Perversion, sondern das alltägliche Phänomen der Unterwerfung, des Duckmäusertums, des still vor sich hin leidenden Bürgers ist gemeint. Frau Popp führt alle wichtigen Masochismustheorien an, wobei der Gewinn des "sozialen Masochisten" nicht im Leiden liegt, sondern darin, keine selbstdenkende und selbstseiende Person ausbilden zu müssen.
Diesen sozialen Masochismus weist Ulrike Popp in den Romanen von Robert Walser nach. Da kommt z.B. der "Gehülfe" zur "Freiheit", indem er durch die "freiwillige" Dienerexistenz am Wohlleben seines "Herren" teil hat, aber nicht dessen Verantwortung tragen muß.
Schon in der Weimarer Zeit konkretisierte sich das Autoritäre im Ruf nach dem Führer - wieder brauchte sich der Einzelne nicht zu kümmern.
1982 erhielt Ernst Jünger den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt, immerhin ein Autor, der den Mythos vom heldenhaften Soldaten mit gestaltete, dem die Pflichterfüllung seine "Aufgabe" (das Töten) erträglich und die "Lust an der Gefahr" sie ihm leicht mache. In Jüngers Romanen wird den Protagonisten die Last, aber auch die Lust des eigenverantwortlichen Denkens, Fühlens und Handelns abgenommen.
Zu solchen "Heilsverkündern" gehörte auch Bhagwan, in dessen Text ("Weg der weißen Wolke") Frau Popp die autoritäre Orientierung, sowie die Begünstigung des Untertanengeistes nachzuweisen unternimmt. Daß die "Botschaft" Bhagwans Früchte trug, zeigt die Autorin anhand von Auszügen aus Interviews, die sie mit seiner Jüngern geführt hat.
Es wäre schade, wenn das Buch durch seine unscheinbare Aufmachung ungelesen bliebe.

Dipl.-Psych. B.Kuck

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