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Noll, Wynfrith: Wenn Frommsein krank macht, Socio medico Verlag, Planegg 1989


Der Begriff der ekklesiogenen Neurose wurde 1955 von dem psychotherapeutisch arbeitenden Gynäkologen Eberhard Schaetzing geprägt. Wandte er ihn noch ausschließlich auf sexuelle Komplikationen an, die einen ursächlichen Zusammenhang mit der religiösen Einstellung seiner Patientinnen hatten, so möchte Noll den Begriff durchaus weiter gefaßt sehen. Noll ist besonders geeignet, über diese Problematik Auskunft zu geben. Nicht nur kennt er sich in der Theologie sehr gut aus - er hat die Weihen der katholischen Kirche empfangen, konvertierte dann zur evangelischen Kirche -, sondern er hat auch eine psychoanalytische Ausbildung durchlaufen. Derart gerüstet entgeht er dem Problem vieler Seelsorger, die häufig die Nöte ihrer Gläubigen aufgrund eigener enger religiöser Einstellungen gar nicht erkennen. Darin liegt schon ein Merkmal ekklesiogener Neurosen: Sie fügen sich so problemlos in die religiösen Praktiken ein, so daß sie nicht als Krankheit eingeschätzt werden. Auch Mediziner erkennen solche Neurosen nicht,
Noll hat scheints eine fast liberale Einstellung, huldigt geradezu einem säkularisierten Gottesbegriff, wenn er Alfred Adler als Gewährsmann anführt, der in der Gottesvorstellung des Menschen ihr ideal verwirklichtes "Streben nach Vollkommenheit" erkannte, darin ganz mit Feuerbach übereinstimmend.
Teilweise übernimmt Noll die Religionskritik Freuds, wenn er von einer Infantilisierung des Menschen durch die Religion spricht. Er scheint sich aber auf die katholische Kirche eingeschossen zu haben, hat die Religion letztlich in den Schoß der evangelischen Kirche retten können.
Verdienstvoll bleibt, daß Noll die neurotisierende Wirkung der Religion benennt, und daß er ihren Niederschlag in Phobien, Sexualpathologie und Zwangshandlungen deutlich macht. Überhaupt plädiert Noll für eine enge Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen, denn bei Menschen mit ekklesiogenen Neurosen findet der Psychotherapeut nur Gehör, wenn er sich gut in den Glaubenssätzen auskennt. Es bleibt das Geheimnis der Theologen, wieso sie an der Gottesvorstellung festhalten, obwohl sie z.B. die zehn Gebote als Sozialvertrag eines Nomadenvolkes anerkennen. Viel ist aber gewonnen, wenn der Gläubige zu einer Religionsübung findet, die ihn und andere leben läßt.

Dipl.-Psych. B.Kuck