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Heusler-Edenhuizen, Hermine : Die erste deutsche Frauenärztin. Lebenserinnerungen: Im Kampf um den ärztlichen Beruf der Frau, Leske und Budrich 1997, 192 Seiten, 36.--DM

Vor gut hundert Jahren saßen vier junge Frauen in der Privatschule von Helene Lange und bereiteten sich dreieinhalb Jahre lang auf das Abitur vor. Eine andere Möglichkeit, sich auf diese Reifeprüfung vorzubereiten, die ja erst den Weg ins Studium eröffnete, gab es zu der Zeit für Frauen nicht. Unter ihnen befand sich die 21jährige Hermine Edelhuizen, Tochter eines Landarztes in Ostfriesland und später die erste Frauenärztin, die in Deutschland ihr Studium absolvierte und sich niederließ.
Begann der Weg der Veröffentlichung dieser Autobiographie ähnlich wie der Weg der Frauen in die bis dahin allein für Männer reservierten Bereiche? Jedenfalls bemühten sich die Tochter der Autorin und die Autorin selbst vergeblich um die Veröffentlichung dieser Lebenserinnerungen "einer führenden Persönlichkeit im Kampf um die Gleichberechtigung der Frau". Dr. Heyo Prahm, einem entfernten Verwandten der Familie, ist die Herausgabe unter weitestgehender Bewahrung des Originaltextes nun gelungen. Die Aufzeichnungen werden von ihm durch ein biographisches Nachwort ergänzt. Eingeleitet wird der Text von Dr. Rosemarie Nave-Herz mit einer "soziologischen Ortsbestimmung".
Die Erinnerungen zeichnen einen errungenen Bildungs- und Berufsweg. Schon früh lernte Hermine, gegen bedrückte und depressive Stimmungen im Elternhaus, Entschlossenheit und Handlung zu setzen. Ein Eigenschaftspaar, was sie ihr Leben lang begleiten wird: Sie ist neun Jahre als die Mutter stirbt. Drei Jahre trauerte der Vater und es gab kein Weihnachten für die Familie. Gemeinsam mit ihrem Bruder besorgt Hermine im dritten Jahr der Trauer einen Weihnachtsbaum, was dem Vater die Augen öffnet. Der Vater war streng religiös und schien einerseits unsicher, aber zugleich auch ein wenig offen dafür, was die damalige Mädchenerziehung anbelangte. Hermine bekommt die für höhere Töchter damals gemäße Ausbildung. 18jährig, nach einem Jahr des Lernens in einem Mädchenpensionat in Berlin, wieder in der Familie, ist sie zum Nichtstun verdammt. Möchte weiterlernen. Hat als Mädchen aber keine Möglichkeiten, das Gymnasium zu besuchen und daran ein Studium anzuschließen. Sie langweilt sich, weiß mit ihrer Vitalität, ihrem sprudelnden Tatendrang, ihrem Wissensdurst nicht wohin. Die Hausarbeit wird von den Angestellten erledigt. Aber das wäre wohl auch nicht ihr Ding. Der Vater rät ihr, Brot zu backen! Der Pastor mahnt sie, nicht zu denken, sondern zu glauben!
Die Bücher sind ihre Berater. Sie liest religionskritische Schriften von David Friedrich Strauß - einem Großvater ihres späteren Mannes. Sie arbeitet sich durch eine anspruchsvolle Lektüre. Im Buchladen gerät ihr ein Aufsatz von Helene Lange, einer zentralen Figur der deutschen Frauenbewegung, aus derem ersten Heft "Die Frau" in die Hände. Dieser Artikel wird ihr Leben entscheident verändern und ihm eine Ausrichtung geben. "Frl." Lange bietet "Gymnasialkurse für Frauen" in Berlin an. Der Plan, Ärztin zu werden, entsteht. Diesen Plan verfolgt sie. Der Vater befindet, daß sie für solch ein Unterfangen "zu nervös" sei, wobei er offensichtlich die Ursache mit der Wirkung verwechselt: eher ist sie nervös und unzufrieden, weil es sie zum Lernen und Studieren drängt, und man sie nicht läßt. In der Verwandtschaft ist von "Abenteuersucht" und "Hysterie" die Rede, für den Pfarrer, der Berlin nur vom Hören kennt, handelt es sich dort um das "Sündenbabel". Sie verfolgt ihre Spur, wendet sich an Frl. Lange, die ihr rät, ihre Schulkenntnisse aufzufrischen und damit zu zeigen, daß es ihr ernst sei. Mit 21 Jahren und volljährig, ist sie entschlossen, mit dem Erbteil der Mutter, auch ohne den Segen ihres Vaters, mit den Vorbereitungen für das Abitur zu beginnen. Der Vater gibt nach. Den Abschluß wird er nicht mehr erleben nimmt aber Anteil an ihrem Lernen und bekennt ihr kurz vor seinem Tod, daß er inzwischen von der Notwendigkeit von Ärztinnen überzeugt sei.
Dreieinhalb Jahre später legen vier Frauen das Abitur mit "gut" ab. Behördlicherseits erzeugte die Genehmigung zur Prüfung einige Probleme, weil sich daran konsequenterweise das Studium der Frauen anschließen mußte, was keinesfalls begrüßt wurde. Im Frühjahr 1898, während Hermine voller Glück dem Medizinstudium entgegensieht, wird auf einer Ärztetagung in Würzburg eine Resolution gegen die Zulassung von Frauen zum ärztlichen Studium - aus allein "ritterlichen" Motiven - verfaßt. Das Ringen der Zulassung früher erinnert an das Ringen um das PTG heute und die Durchsetzung der Übergangsregelung. Es geht um Machtverteilung und Pfründen.
Zusammen mit Frida Busch, ihrer Lern- und Studienkollegin begibt sie sich auf demütigende Bittgänge zu verschiedenen Professoren, um bei ihnen persönlich die Erlaubnis zu holen, als Gasthörerin an deren Vorlesungen teilnehmen zu dürfen. In Berlin, ihrem ersten Studienort, erleben sie seitens der Professoren und Studenten die meisten Anfeindungen. "Wir mischten uns ja nur mit Grauen unter sie, die bei unserem Eintritt in den Vorlesungsraum als Äußerung ihrer Mißbilligung regelmäßig mit den Füßen scharrten und dazu pfiffen."
Den beiden Studentinnen wird so einiges aus dem Vorurteilsrepetoire entgegengehalten. Wie z.B. die Vergleiche von männlichen und weiblichen Gehirnen und die verhängnisvollen Schlüsse daraus oder die Vorstellung über die Unzurechnungsfähigkeit einer menstruierenden Frau. Das klingt heute annekdotenhaft, ist jedoch bittere Wahrheit. Sich vom Denken der damaligen Zeit zu befreien, gelingt Hermine Edenhuizen an vielen Stellen. Wo es ihr nicht gleich gelingt, setzt sie diesem Denken, trotz immer wieder auftretender Selbstzweifel, ein kühnes und mutiges "Dennoch" entgegen. Es empört sie, daß die "dummen Jungen", wie aus einer höheren Bestimmung heraus, besser sein sollten als "wir Mädchen". Andererseits war ihr "nie der Gedanke gekommen, daß die herrschende Anschauung von der Superiorität des Mannes falsch sein könnte."
Nach dem bestandenen Physikum kommt ihr Glaube an die Inferiorität der Frauen ins Wanken, was einer "inneren Revolution" gleichgekommen sein muß. Denn als Vorgabe für die weibliche Sozialisation galt - gesellschaftlich anerkannt - die "Schwachheit und Dummheit des Weibes". Die Prüderie ist neben all den Vorurteilen eine weitere Hemmschwelle. Sie schreibt, daß sie während der ersten Semester immer tief errötete, wenn von "weiblichen Organen", "Geburt", "unehelich" u.a. die Rede gewesen sei und, daß es seitens der männlichen Studienkollegen viele Peinlichkeiten und Beschämungen gegeben habe, die immer "tapfer niedergekämpft" werden mußten. Daß sie es dann später sein wird, die als eine wesentliche Ursache des Kindbettfiebers den Koitus kurz vor der Geburt entdeckt, hängt sicher mit diesem Wissen um die Prüderie und um die Bedeutung "solche Themen" anzusprechen zusammen. Ihr konnten sich die Frauen anvertrauen. Sie hätten es wohl weniger gewagt, über das Thema "Koitus" mit dem Arzt zu sprechen. Für die männlichen Kollegen schien das "Recht des Mannes" bis kurz vor der Niederkunft so selbstverständlich zu sein, daß sie die Entdeckungen ihrer weiblichen Kollegin abtaten und verlachten. Erst im Bund Deutscher Ärztinnen, den sie 1923 mit zwei weiteren Kolleginnen gründete und der sich der "Medical Women's International Association" anschloß, stieß sie mit einem Vortrag zu diesem Thema auf reges Interesse. Im Ringen um den Paragraphen 218 ist sie ebenfalls beispielgebend. Abgesehen von einigen Verklärtheiten das "Mutterglück" betreffend, geht sie diese Frage mit engagierter Nüchternheit an und versetzt sich dabei in die Lage der Frauen unterschiedlichster sozialer Herkunft. Dieses sei ein Pragraph für Männer, der die Opfer bestrafe und alles andere dulde. Sowohl in ihrer ärztlichen Tätigkeit, als auch in ihrem Kampf gegen den Paragraphen 218 findet sie die Unterstützung ihres Mannes.
Nach dem Examen im April 1903, beginnt für Hermine Edenhuizen eine gründliche Ausbildungszeit, nach der sie sich in Berlin als Frauenärztin niederlassen wird. Und. Auch das teilt sie mit: daß es durchaus männliche Kollegen gab, die sie in ihrer Ausbildung unterstützten.
Das Lesen dieser Erinnerungen hinterließ den Eindruck einer ärztlichen Pionierin, die mutig und wach sozial- und berufspolitische Themen anging. Die sich mit dem Gegebenen nicht zufrieden zu gab. Die mit ihrer Empathie für die Patientinnen und ihrem Drang, sich den Fragen und neuen Verfahren der gynäkologischen Medizin zu stellen eine gute Verbindung lebte.
Nicht allen Ausführungen kann man zustimmen, einiges mag vielleicht etwas "verschroben" oder wunderlich klingen. Aber das sind Nebensächlichkeiten. Die Bedeutung dieses Buches sehe ich in ihren Worten, die sie 1949 in einem Vortrag an Primanerinnen richtet: "Die jetztige Generation nimmt, was sie vorfindet als gegeben hin und fragt nicht viel danach, woher das ihr gewordene Gut gekommen und wie es errungen worden ist...". In der Autobiographie von Hermine Heusler-Edenhuizen ist von eben diesem "errungenen Gut" die Rede.

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