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Hermanns, Ludger M. (Hg): Spaltungen in der Geschichte der Psychoanalyse. Edition Discord, Tübingen 1995, 298 S. DM 45,-

Der vorliegende Text vereinigt die Vorträge der 5. Internationalen Tagung der Internationalen Vereinigung für Geschichte der Psychoanalyse vom 21. - 24.7.1994, die in der Räumen der Technischen Universität Berlin stattfand. Aus der Fülle der ausgesprochen anregenden Beiträge seien hier einige Elemente herausgestellt, die möglicherweise zum Selberlesen anregen. Jedenfalls handelt es sich um einen spannenden Text, der bei all denen Interesse finden dürfte, die sich nicht nur für die Psychoanalyse und deren Geschichte, sondern überhaupt für das Geschehen in institutionalisierten Schulrichtungen interessieren. Malcolm Pines etwa postuliert, daß die Kontroverse zwischen Freud und Jung wesentlich mit dem Wissenschaftsverständnis der Profession zusammenhing. So sei es Jung u.a. darum zu tun gewesen, die Psychoanalyse aus dem Zwang zur Naturwissenschaft zu lösen und sie mit den symbolischen Strukturen der westlichen und östlichen Kultur zu verbinden. Als Bruchstellen in der pa. Vereinigung bene

Wintenberger untersucht die Gruppendynamik im "Geheimen Komitee". Die Streitigkeiten und Rivalitäten zwischen den Mitgliedern der geheimen Organisation, die nach der Abspaltung Jungs die Reinheit der Lehre bewahren sollten, ließen so manche Idee untergehen, die uns heute selbstverständlich erscheint, jedoch nicht von Freud stammt, sondern eben von den frühen Autoren. Das macht deutlich, wie produktiv die Gruppe um Freud war, nach dessen Auffassung man Psychoanalyse nicht als Vereinzelter betreiben kann, da sie ein exquisit geselliges Unternehmen sei. Diese Geselligkeit führte aber auch mit zunehmender Institutionalisierung zu gruppendynamischen Problemen, die immer auch in persönlichen Rivalitäten und Konflikten gründen. Auch Ferenczi war kaum ein Dissident, wohl aber an der Weiterentwicklung der Psychoanalyse interessiert. Dissidenz gibt es im Hinblick auf eine "Bewegung" oder Partei. Ansonsten sind es eher Ablösungsbemühungen und der Versuch, ein eigenständiger Denker zu werden.

Aus anderen ihrer Veröffentlichungen schon bekannt sind die Überlegungen von Regine Lockot zu den Problemen und Verstrickungen der deutschen Psychoanalytiker in der NS-Zeit. F.W. Eickhoff bezweifelt den Standpunkt von Annemarie Dührsen, wonach es in der NS-Zeit mehr um die Wiederherstellung der eingeschworenen Gemeinschaft einer in der Diaspora verschworenen Sekte ging, weniger um die Wiederherstellung der Inhalte des psychoanalytischen Theoriegebäudes. Mit ihrem politischen "Plädoyer für einen `Facharzt für psychotherapeutische Medizin' " und der abgesprochenen Nützlichkeit "hochfrequenter Langzeittherapien", bescheinigt der Autor Dührsen zwischen den Zeilen eine Art Anpassung, wie sie von der DPG schon in der NS-Zeit praktiziert wurde.

Der Beitrag von Werner Bohleber zeichnet die idiologische Anpassung der deutschen Psychoanalytiker (Schultz-Hencke, Müller-Braunschweig) nach, wobei sie seiner Meinung nach aus der Lebensphilosophie und dem Neukantianismus der 20iger Jahre ihre Anregungen bezogen. Damit legt er nahe, daß die Argumente für eine eher geisteswissenschaftliche Fundierung der Psychoanalyse einer Romantisierung gleichkomme, die den kritisch materialistischen Ansatz eliminiere. Dies mag für die genannten Autoren und deren Intention zutreffen. Fraglich nur, ob damit das "sientistische Selbstmißverständnis" der Psychoanalyse widerlegt ist. Immerhin konnte auch ein Eichmann die Kantsche Philosophie für seine NS-Überzeugung mißbrauchen, womit nicht notwendig Kants Erkenntnistheorie diskreditiert ist.

Bei all den verschiedenen Spaltungen, ob in den Anfängen der Psychoanalyse oder später in Deutschland, Frankreich, Lateinamerika, USA, geht es um die Machtfrage und die Frage der "reinen Lehre", die "richtige" Ausbildung der Kandidaten. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet selten bis gar nicht oder nur in polemischer Weise statt. Mit einem Wort von Gustav Bally: "... man soll sich mit den wesentlichen Leuten in und außerhalb der Psychoanalyse auseinandersetzen, und die gäbe es, was die Psychoanalyse betrifft, sowohl innerhalb wie auch außerhalb der Psychoanalyse. Und das sei das Wichtige, nicht die Frage der Zugehörigkeit." Das Hauptproblem von Schulbildungen besteht u.a. darin, daß ihre Mitglieder, einmal etabliert, andere Schulen und Ideen als Gefahr (brandaktuell im Zusammenhang mit dem Psychotherapeutengesetz), als eine Bedrohung der Grundfesten ihrer professionellen Überzeugungen erleben (so Greenson, hier zit. im Beitrag von Nellie L. Thompson).

Der Südamerikaner Mauricio Abadi formuliert vier Thesen hinsichtlich des Spaltungsgeschehens: Streben nach Macht; Konflikte betreffen immer persönliche Interessen; die wirklichen Motive sind grundsätzlich verborgen, d.h. strategisch getarnt; die Vorwände, hinter denen sich die Konflikte tarnen sind Fragen der Ausbildung (Seminare, Lehranalyse, Supervision) oder Themen der klinischen Praxis (orthodoxe Technik versus Häresie).

Mario Erdheim legt die interessante These dar, wonach Freuds "Totem und Tabu" zwar ethnologisch überholt und widerlegt sei, jedoch in der Lesart nicht des wilden Fremden, sondern des unbewußten Wilden in uns, interessante Aufschlüsse über das in den Institutionen gefangene Unbewußte ermöglicht. "Die ethnopsychoanalytische Betrachtung erlaubt uns, am Beispiel der psychoanalytischen Gesellschaften zu zeigen, wie die institutionelle Produktion von Unbewußtheit, symbolisiert durch die Aufrichtung des Totems, immer wieder Spaltungen hervorruft, die die kulturelle Leistung der Psychoanalyse beeinträchtigen" (S.224). Vielleicht läßt sich ja aus der Geschichte lernen!?

Dipl.-Psych. B.Kuck

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