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Freud, Sigmund /Binswanger, Ludwig : Briefwechsel 1908 1938, hrsg. von Gerhard Fichtner, 340 Seiten, 58,- DM, Frankfurt/M., Fischer Verlag


Nunmehr liegt der Briefwechsel zwischen Freud und Binswanger geschlossen vor, soweit die Briefe erhalten sind. G. Fichtner hat die Ausgabe sehr sorgfältig ediert und mit einer Einleitung versehen, so daß sich auch der nicht in der psychoanalytischen Bewegung orientierte Leser gut zurechtfindet.

Was den Briefwechsel so interessant und lehrreicht macht, ist zum einen die oft zu wenig gesehene freundlich-warme Seite der Persönlichkeit Freuds, der allzuoft als herrschsüchtig und tyrannisch dargestellt wird. Zum anderen zeigt er ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, daß sich im Laufe der Jahre immer mehr zu einer respektvollen, freundschaftlich zugewandten Beziehung veränderte. Dabei haben die erheblichen theoretischen Differenzen den persönlichen Beziehungen keinen Abbruch getan. Über dreißig Jahre hielt der Kontakt. Freud blieb tolerant, sogar als sich Binswanger einer eher religiösen Weltsicht zuwandte. Eine entsprechende Bemerkung in Binswangers "Wandlungen in der Auffasung und Deutung des Traums von den Griechen bis zur Gegenwart" kommentierte Freud eher amüsiert: "Also auch Sie haben einen Gott. Gewiß einen philosophisch destillierten. Nun, ich war immer sehr mäßig, fast abstinent, doch habe ich für einen ordentlichen Trinker (z.B. G. Keller, Böcklin) recht viel Respekt gehabt. Nur die Leute, die es fertig bringen, sich an einem alkoholfreien Getränk einen Rausch zu holen, sind mir immer etwas komisch erschienen" (Freud an Binswanger, 2.4.28).

Liest man die Briefe in Muße in einem Zug durch, so spürt man natürlich schon eine gewisse Abkühlung, die mit der Reserviertheit Binswangers der psychoanalytischen Bewegung gegenüber zusammenhängt. Er hat es immer vermieden, etwa in der Schweizer Sektion eine führende Rolle einzunehmen, wie er sich auch nur mäßig an den diversen psychoanalytischen Periodika beteiligt hat. Immer behielt er seine innere Unabhängigkeit und konnte daher Freud ambivalenzfrei den Respekt und die Bewunderung zollen, die diesem bedeutenden Manne gebürt.

Dipl.-Psych. B.Kuck

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